Ladeinfrastruktur

Erfahrungsbericht: Öffentlich Laden in Hamburg

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Laden mit Blick auf die Elbphilharmonie

Es bleiben die Fragen: Kann es überhaupt ausreichend Normallader (AC) in Städten geben? Hält die Ausbaugeschwindigkeit der Ladeinfrastruktur mit den Zulassungszahlen der E-Autos mit? Eine Beispielrechnung: Ein E-Auto lädt bei einem Ladevorgang 40 kWh. Dafür benötigt es grob vier Stunden. Somit laden in 16 Stunden vier Autos. Die acht Nachtstunden belegt ein einzelnes Fahrzeug. Macht fünf E-Autos in 24 Stunden. Meist hat eine AC-Lädesäule zwei Anschlüsse, also zehn Autos. Die Zahl reiner E-Autos in Großstädten wie Berlin (ca. 21.000 E-Autos, KBA 10/22), Hamburg (ca. 17.000 E-Autos) und München (ca. 16.000 E-Auto) wird sprunghaft steigen. Die oft zitierte Zahl von einer Million öffentlicher Ladepunkte bis 2030 gilt inzwischen jedoch als zu hoch. „Wir kalkulieren den Gesamtbedarf auf 130.000 bis 150.000 Schnelllader. Die reichen aus, um rund 15 Millionen E-Autos mit öffentlicher Ladeinfrastruktur zu versorgen“, sagt Volker Rimpler von EnBW.

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Die Stuttgarter setzen voll aufs Schnellladen und ein Blick nach Hamburg zeigt warum. Der beliebteste AC-Ladepunkt von Stromnetz Hamburg steht am Kaiserkai 53 und lieferte im vergangenen Jahr 45 Megawattstunden (MWh). Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf die Elbphilharmonie. Im Zirkusweg 12 dagegen blickt man auf schnöde Bürohochhäuser und dennoch lieferte der dortige HPC-Lader (150 kW) im gleichen Zeitraum fast drei Mal so viel Energie. Selbst der beste - und funktionierende - 50 kW Lader lieferte 30 Prozent mehr Energie als der Normallader an der Philharmonie.

Schnell einkaufen und laden

Mehr Energie bedeutet mehr E-Autos. Die aktuelle Generation der HPC-Lader liefert mit 350 kW mehr Leistung als ein Serienfahrzeug aufnehmen kann. Fast jedes E-Auto ist hier innerhalb von 30 bis 45 Minuten zu 80 Prozent geladen. Das entspricht genau der Zeit eines Einkaufs. „Gemeinsam mit der Rewe Group, Bauhaus, dm und Globus werden wir mehrere hundert Schnellladestandorte deutschlandweit realisieren“, sagt Rimpler. Unterstützung bekommt er von der Industriegewerkschaft Metall. „Großparkplätze von Einkaufszentren sollten zwingend mit Ladesäulen ausgestattet werden müssen“, fordert IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Der Handelsverband Deutschland lehnt diese Forderung ab, weil eine Rund-um-die-Uhr-Öffnung der Parkflächen an sieben Tagen der Woche für viele Handelsunternehmen unmöglich sei.

EnBW fährt zweigleisig und baut eigene Schnellladeparks in Innenstädten, wie beispielsweise in der Kepler- und der Rotebühlstraße in Stuttgart. „Weitere zentral gelegenen Standorte mit Hochleistungs-Ladeinfrastruktur in anderen Städten befinden sich in Planung“, sagt Rimpler, „Dabei sind wir auf die Zusammenarbeit mit den Kommunen vor Ort angewiesen. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen sehen wir dort den Bedarf eines größeren Engagements insbesondere bei der Bereitstellung von Flächen in zentralen Innenstadtlagen.“ Auch der Netzanschluss ist gelegentlich eine Herausforderung. „Aktuell warten rund 200 unserer Schnellladestandorte, im urbanen Raum und an Fernverbindungen, auf den Netzanschluss“, berichtet Rimpler.

In der Stadt sind Anschlüsse ans Mittelspannungsnetz nicht immer möglich. Stromnetz Hamburg betreibt beispielsweise seine Schnelllader am Niederspannungsnetz. Energiehändler E.ON setzt bei seinem neuesten Projekt auf Normallader. Bis zu 4.000 AC-Ladepunkte entstehen in Parkhäusern und Tiefgaragen von Contipark in Deutschland und Österreich. „E-Mobilisten brauchen einen intelligenten Mix aus verschiedenen Lademöglichkeiten. Das Laden während des Einkaufens oder anderer Erledigungen macht das elektrische Fahren einfach und effizient und auf diese Art treiben wir gemeinsam die Verkehrswende voran,“ sagt Christoph Ebert, Geschäftsführer bei E.ON Drive Deutschland.

Premium-Autohersteller spielen mit

Der Mix an Ladeanbietern wird tatsächlich immer bunter. In der alten Benzinwelt wäre kein Autohersteller auf die Idee gekommen, eine Tankstelle zu betrieben. In der Elektromobilität sieht das anders aus. Audi, Porsche und Mercedes-Benz unterhalten oder planen eigene Schnellladestationen. Neben Zürich betreibt Audi in der Nähe der Nürnberger Innenstadt einen Charging Hub. Autofahrer können einen Ladeplatz reservieren und die Zeit in einer Lounge verbringen oder um einen nahegelegenen See joggen. Man kann sich den Wocheneinkauf anliefern lassen und Autoreinigungen sind angedacht. Die Ladestation mit sechs HPC-Anschlüssen kommt mit einem Niederspannungsanschluss aus, da über Nacht Batterien aus Versuchsfahrzeugen geladen werden. Sie geben am nächsten Tag die Energie mit voller HPC-Leistung ab (320 kW). Berlin, Salzburg und Wien sind die nächsten Standorte. Bis 2024 plant Audi 15 Charging Hubs in unterschiedlichen Größen.

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Das ist sehr übersichtlich im Vergleich zu den Plänen von Mercedes-Benz. Die Stuttgarter wollen bis 2027 mehr als 400 Schnellladeparks mit 2.500 Ladepunkten bauen. Sie verteilen sich auf China, USA und Europa. Den ersten Standort in Deutschland wird man bereits im Laufe des Jahres sehen. Natürlich plant der Autohersteller vor allem für Langstreckenfahrten. Doch sollen die Ladeparks den Luxusanspruch des Herstellers erfüllen. Entsprechende gastronomische Angebote als auch Toiletten sollen vorhanden sein. Auf der grünen Wiese wird Mercedes-Benz diese Infrastruktur nicht finden.

Für mich als Stadtbewohner ist das Laden an einer Autobahnraststätte inzwischen die Regel. Mit meinem Polestar 2 mache ich einen Bogen um Ladesäule Nr. 741, sowie die übrigen AC-Lader mit ihrer Zeitbegrenzung. Ich plane meine Fahrten so, dass ich auf dem Hin- oder Rückweg vor den Toren der Stadt die Batterie in wenigen Minuten an einem Schnellader vollmache.

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