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„Eine Firmenzentrale namens Vierzylinder ist lahm“

Autor / Redakteur: Christoph Seyerlein / Svenja Gelowicz

In der Vergangenheit war Jochen Rudat sowohl bei deutschen Automobilherstellern als auch bei Tesla aktiv. Auf die Frage, wer für die Zukunft der Mobilität besser aufgestellt ist, hat er eine klare Antwort.

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Jochen Rudat ist Experte für Elektromobilität und berät Unternehmen wie Piech Automotive.
Jochen Rudat ist Experte für Elektromobilität und berät Unternehmen wie Piech Automotive.
(Bild: Micro Mobility Systems)

Wenn er von etablierten und aufstrebenden Unternehmen im Mobilitätssektor spricht, kann Jochen Rudat aus erster Hand berichten. Sein Vater betrieb ein Autohaus, er selbst startete seine Karriere im Vertrieb bei Porsche und machte im Anschluss Station bei BMW. 2009 dann der Sprung ins kalte Wasser: Tesla rief. Und Rudat kam.

In seinen zehn Jahren bei den Kaliforniern arbeitete er sich bis zum Europa-Chef hoch und berichtete direkt an Firmenboss Elon Musk. Inzwischen hat Rudat die Seiten ein weiteres Mal gewechselt: Nach einem kurzen Abstecher zu Pininfarina ist er mittlerweile selbständiger Berater für E-Mobilität. Als Kunden hat er Hersteller, Start-ups und Händler im Fokus. Beispielsweise unterstützt er Micro Mobility Systems beim Marktstart des Microlino und Piech Automotive.

Wem traut ein Mann wie Rudat in der Branche in den kommenden Jahren große Sprünge zu? Die großen, etablierten Player sind es nicht. „Mittlerweile bin ich von der Autoindustrie ziemlich enttäuscht“, sagte der 40-Jährige am Donnerstag beim „Handelsblatt Auto Gipfel“. Exemplarisch zog er dabei seinen Ex-Arbeitgeber BMW als Beispiel heran. „Eine Firmenzentrale mit dem Namen Vierzylinder ist einfach nur lahm“, so Rudat.

Innovationen schmerzlich vermisst

Noch mehr als dieser plakative Fakt stört den Branchenkenner aber wohl die Strategie des Konzerns. „Wenn man vor sieben Jahren in ein BMW-Autohaus gegangen ist, konnte man dort den i3 sehen. Wenn man heute dorthin geht, sieht man ihn immer noch, nur mit einer größeren Batterie“, sagt Rudat. Die Münchner hätten es in der Zeit verpasst, weitere Innovationen zu entwickeln, während etwa Tesla im gleichen Zeitraum gleich mehrere Modelle an den Start gebracht habe, die den Markt verändern.

Tatsächlich gab es bei BMW bis zuletzt ein internes Ringen um die Ausrichtung bei der E-Mobilität. Lange folgte der Hersteller dem Ansatz, verschiedene Antriebsarten mit ein und derselben Fahrzeugplattform bespielen zu wollen. Am Mittwoch nun die Kehrtwende: Konzernchef Oliver Zipse kündigte an, dass auch die Münchner in Zukunft auf eine eigene Elektro-Plattform setzen werden. Allerdings wird es erst 2025 soweit sein.

Doch nicht nur in der Antriebsfrage sieht Rudat manchen etablierten Hersteller schlecht aufgestellt. Auch auf die Frage, wie man Mobilität in Zukunft denken müsse, hätten nur wenige bislang gute Antworten. Beispielsweise hätten viele Hersteller etwas halbherzig auf Carsharing gesetzt. „Dabei haben Ridehailing und Mobility as a Service das viel größere Markt“, ist Rudat überzeugt.

„Und dann wird es für einige andere richtig eng“

Kirstin Hegner von der „Unternehmertum GmbH“ kritisierte in dem Zusammenhang, dass sich die Autoindustrie aktuell zunehmend wieder aus dem Bereich Mobilitätsdienste zurückziehe, anstatt dort zu investieren. Beispielsweise hatten BMW und Daimler zuletzt Teile ihrer vor nicht allzu langer Zeit gebildeten Mobility-Joint-Ventures verkauft.

Jochen Rudat merkte an, dass es neue Player etwa aus dem Software- und Chipumfeld leichter hätten, ins Autobusiness einzudringen, als das umgekehrt für Autokonzerne beim Softwaregeschäft möglich sei. Dennoch müsse die Branche agiler werden. Gerade Tesla traut Rudat zu, den Druck weiter zu erhöhen.

Allem Anschein nach arbeiten Elon Musk und Co. gezielt daran, Mobilität zunehmend als Service anzubieten. Sobald sich das autonome Fahren, bei dem die Kalifornier mit ihrem „Autopilot“ als relativ weit gelten, stärker durchsetzt, könnte es soweit sein, glaubt Rudat. „Dann drückt Elon auf den Knopf und ein Kilometer Mobilität kostet statt 75 Cent nur noch 15 Cent. Und dann wird es für einige andere richtig eng.“

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Über den Autor

 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Redakteur im Ressort Newsdesk bei »kfz-betrieb«