Jahrelang galt in der Volksrepublik China ein ungeschriebenes Gesetz, nach dem ein Auto umso intelligenter war, je weniger Tasten und Schalter es hatte. Die smartesten Modelle kamen ganz ohne aus. Ein riesiger Touchscreen in der Mitte des Armaturenbretts musste für alles reichen. Jetzt bauen die Hersteller die Knöpfe nach und nach wieder ein.
Kaum noch Tasten, immer größere Displays im Fahrzeug war jahrelang Trend. Nun gibt es in China ein Umdenken: Knöpfe feiern ihr Comeback.
(Bild: frei lizensiert bei Pixabay)
„Autobauer holen die physischen Knöpfe zurück" war im August ein Trendthema in Chinas sozialen Medien, berichtete das chinesische Autoportal Qiche Gongshe. Mercedes-Benz, Volkswagen, BYD und Xiaomi hätten für häufig genutzte Funktionen wieder physische Bedienelemente eingebaut. Auch bei Audi in China haben Reporter eine ähnliche Neuorientierung beim Innenraum-Design erspäht. Die Marke bewege sich weg von riesigen Bildschirmen und zurück zu Tasten, Drehreglern und hochwertigen Materialien, schreibt die Branchenzeitung Zhongguo Qiche Bao.
Auch bei Volkswagen habe man entschieden, dass alle neuen Modelle ab 2026 serienmäßig physische Bedienelemente für häufig genutzte Funktionen bekommen. BMW sowie die koreanischen und japanischen Marken hätten die Tasten für Klimaanlage und Lautstärke ohnehin nie abgeschafft. Und Geely, BYD, Changan und Chery hätten in ihren neuen Modellen nach und nach wieder Knöpfe eingebaut, heißt es in den Medienberichten.
Keine Knöpfe, niedrigere Kosten
Angefangen hatte die Mode der knopflosen Cockpits mit der Einführung des Tesla Model S in China im Jahr 2012. Dessen riesiges Zentral-Display galt damals – quasi über Nacht – als Ikone des intelligenten Fahrzeugs schlechthin. Chinas Autobauer folgten. Bildschirmgröße, Zahl der Displays und die Abschaffung der Tasten wurden zu den Maßstäben, an denen die Branche die Intelligenz eines Autos maß. Wer noch Knöpfe einbaute, wurde mitunter als „altmodisch" oder „nicht smart genug" abgestempelt.
Billiger war es auch noch, die Knöpfe wegzulassen. Berührungsempfindliche Tasten kosteten in der Herstellung nur etwa halb so viel wie herkömmliche Schalter, hatte Ferrari-Chef Benedetto Vigna im März in einem Interview offenbart, schrieb Qiche Gongshe. Werkzeuge für die Schalter, Kabelbäume und Dauertests wurden nicht mehr gebraucht.
Jetzt aber wendet sich das Blatt wieder. Reine Touchscreen-Lösungen erzeugten zwar einen futuristischen Eindruck und senkten die Hardware-Kosten, ihnen fehle aber das haptische Feedback, argumentiert Gu Jianmin, Technikchef von Valeo China, in einem Interview mit der chinesischen Autozeitung. Genau das sei aber nützlich, um Klimaanlage oder Radio auch mal blind zu bedienen. Wer den Regler für die Lüftung tausendmal gedreht hat, findet ihn, ohne hinzusehen. Ein Menüpunkt in der dritten Ebene eines Touchscreens verlangt dagegen jedes Mal, dass man den Blick von der Straße abwendet.
Haptisches Feedback unersetzlich
Egal wie gut die Software und wie groß der Bildschirm, das haptische Feedback ergonomisch gestalteter Bedienelemente bleibe unersetzlich, samt der eingeübten Handgriffe, die das Muskelgedächtnis speichert, sagen Experten. Der Knopfersatz durch mehrstufige digitale Menüs oder noch nicht ganz ausgereifte Sprachsteuerungen habe auch neue Sicherheitsrisiken geschaffen, argumentieren die Befürworter der Knöpfe.
Häufig zitiert werden in dieser Debatte Simulationstests der europäischen Prüforganisation Euro NCAP. Um bei Autobahntempo im Notfall die Warnblinkanlage einzuschalten, brauchten Fahrer mit einer physischen Taste im Schnitt 1,2 Sekunden, auf dem Touchscreen dagegen 4,7 Sekunden. Diese 3,5 Sekunden Unterschied könnten das Kollisionsrisiko um 80 Prozent erhöhen.
Knöpfe reduzieren Ablenkungsgefahr
Auch in den USA war man zu ähnlichen Ergebnissen gelangt. Bei Touchscreen-Bedienung schauten Fahrer im Schnitt acht Sekunden lang von der Straße weg, bei physischen Tasten eine halbe Sekunde, ergab eine Untersuchung der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA.
Ein weiteres Risiko sei, dass ein eingefrorener oder ausgefallener Bildschirm auch den daran gekoppelten Warnblinker oder Scheibenwischer außer Gefecht setzen könnte.
Die Regierung in Peking will nun bei bestimmten Funktionen den Einsatz von Knöpfen vorschreiben. Das chinesische Industrieministerium Ministry of Industry and Information Technology (MIIT) hat den Entwurf einer verbindlichen nationalen Norm mit dem sperrigen Titel „Symbols for Controls, Indicators and Tell-tales of Motor Vehicles" vorbereitet, berichtet das chinesische Autoportal Wangtongshe. Damit sollen 19 wesentliche Fahrfunktionen eigene physische Bedienelemente bekommen, darunter Blinker, Warnblinkanlage, Scheibenwischer und Gangwahl. Auch Hupe, Fensterheber, die Enteisung der Frontscheibe, das Notrufsystem und der Ausschalter für den Elektroantrieb stehen dem Entwurf zufolge auf dieser Liste.
Stand: 08.12.2025
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Gelten soll die Norm ab Juli 2027 für alle neu produzierten Fahrzeuge. Ähnlich wie bei früheren Eingriffen des chinesischen Gesetzgebers, etwa bei versenkten Türgriffen, liegt auch hier der Fokus erkennbar auf der Sicherheit.
Nebeneinander von Knöpfen und digitalen Bedienelementen
Er sehe die teilweise Rückkehr der Knöpfe „als den Eintritt der intelligenten Cockpits in eine neue Entwicklungsstufe", erklärte Yang Chao, Leiter des Interieurdesigns im Shanghaier Designzentrum von Dongfeng, der Zhongguo Qiche Bao. Es habe „eine rationalere Phase begonnen“, kommentierten andere Industriebeobachter.
Niemand erwartet jedoch eine völlige Rückkehr der analogen Welt ins Cockpit. Vielmehr, da sind sich die meisten Analysten einig, wird es in Zukunft ein Nebeneinander von Knöpfen und digitalen Bedienelementen geben. Auch verändere sich die Interaktion zwischen Mensch und Fahrzeug durch die künstliche Intelligenz gerade wieder sehr schnell. Wohin die Reise endgültig geht, ist noch nicht absehbar. Klar ist aber, dass die Liebhaber von echten Knöpfen eine lange Durststrecke überstanden haben. (se)