Lynk & Co „Sein Auto mit anderen zu teilen, wird irgendwann ganz normal sein“

Autor: Andreas Wehner

Wer einen Lynk & Co 01 fährt, kann sein Auto per Knopfdruck an andere verleihen. Wie das Sharing-Konzept des chinesisch-schwedischen Unternehmens funktioniert und wie es bei den Nutzern ankommt, hat uns Chief Technology Officer David Green erklärt.

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David Green: „Manche haben Instagram-Accounts für ihr Auto eingerichtet, andere bieten es auf Facebook Marketplace an.“
David Green: „Manche haben Instagram-Accounts für ihr Auto eingerichtet, andere bieten es auf Facebook Marketplace an.“
(Bild: Lynk & Co)

Seit April ist der Lynk & Co 01 in Deutschland auf dem Markt. Wer das Auto fahren möchte, muss es nicht kaufen. Lynk & Co setzt stattdessen auf ein Mitgliedschaftsmodell. Wie bei einem Auto-Abo zahlen Nutzer einen festen monatlichen Betrag. Wer diesen Betrag verringern möchte, kann sein Auto per Knopfdruck auch anderen Leuten zur Verfügung stellen. Das können Freunde und Verwandte sein, aber auch wildfremde Menschen, die dafür wiederum bezahlen müssen. Die Abwicklung und Abrechnung übernimmt Lynk & Co. David Green, Chief Technology Officer bei dem chinesisch-schwedischen Unternehmen, ist überzeugt, dass sich das Modell irgendwann durchsetzen wird.

Redaktion: Die Möglichkeit, das Auto mit anderen zu teilen, ist bei Lynk & Co sozusagen eingebaut. Wie hoch ist der Anteil der Nutzer, die das tatsächlich tun?

David Green: Die große Mehrheit hat bislang ihr Auto nicht aktiv anderen Menschen angeboten. Die Zahl der Sharing-Vorgänge geht trotzdem in die Tausende. Denn es gibt einige Wenige, die diese Möglichkeit ausgiebig nutzen. Manche haben Instagram-Accounts für ihr Auto eingerichtet, andere bieten es auf Facebook Marketplace an. Der Anteil der Sharing-Anbieter insgesamt ist aber gering. Die meisten probieren das halt mal aus.

Lynk & Co 01: Das All-inklusive-Auto
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Was tun Sie, um den Anteil zu steigern?

Das funktioniert nur über organisches Wachstum. Wir brauchen erstmal eine kritische Masse an Fahrzeugen auf der Straße und eine gewisse Größe der Community. Das dauert seine Zeit. Wir stellen aber jetzt schon fest, dass es bestimmte Gegenden und bestimmte Menschen gibt, für das sehr wohl bereits in Frage kommt. Das sind beispielsweise Leute, die in einer Großstadt alle im gleichen Haus wohnen und sich jetzt ein Auto teilen wollen statt jeder eins zu besitzen.

Damit haben Sie bereits eine Zielgruppe genannt. Haben Sie noch weitere identifiziert?

Stadtbewohner sind sicher eine wichtige Zielgruppe. Stellen Sie sich vor, dass die Möglichkeit, ein gemeinsames Fahrzeug zu nutzen, bereits im Mietpreis ihres Apartments enthalten ist. Sie bauen ein Haus und sparen sich eine Menge Parkplätze, weil Sie stattdessen die Mobilität der Bewohner über wenige gemeinsame Autos sicherstellen. Interessant ist ein solches Sharing-Konzept auch für Unternehmen. Viele Dienstwagen stehen viel zu lange ungenutzt herum. In einem Unternehmen könnten sich mehrere Mitarbeiter ein Auto teilen. Oder noch weiter gedacht: Während die Mitarbeiter die Fahrzeuge an den Arbeitstagen nutzen, könnten Sie am Wochenende öffentlich zur Verfügung gestellt werden.

Haben Sie bereits Flottenkunden, die ein solches Konzept nutzen?

Wir versuchen gerade mit großen Kunden zusammen herauszufinden, in welcher Form sie ein Sharing-Konzept nutzen könnten.

Wie funktioniert dann das eigentliche Teilen des Fahrzeugs? Was braucht ein Besitzer eines Lynk & Co, um am Sharing teilzunehmen?

Mitglieder in unserem Abo-Modell müssen im Prinzip nur ein paar Einstellungen vornehmen und ihr Auto per Knopfdruck zur Verfügung stellen.

Und diejenigen, die die Autos dann nutzen wollen?

Da gibt es ein paar mehr Voraussetzungen, aber auch das ist kein Hexenwerk. Sie müssen sich registrieren, wir prüfen den Führerschein und die Bonität, all solche Sachen. Mit unserer App können Sie dann schauen, wo in ihrer Nähe ein Fahrzeug zur Verfügung steht und eine Anfrage stellen. Der Besitzer muss das dann bestätigen. Im Anschluss kann der Nutzer einen digitalen Schlüssel auf sein Smartphone laden, mit dem er das Auto öffnen und starten kann. Er macht ein paar Bilder des Autos, um den Zustand zu dokumentieren und kann losfahren. Am Ende stellt er das Fahrzeug zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort wieder ab, dokumentiert das Ganze nochmal mit Bildern und beendet die Buchung. Der digitale Schlüssel wird gelöscht und der Besitzer hat wieder als einziger Zugriff auf sein Auto. Am Ende bewertet der Nutzer das Auto – zum Beispiel ob der Tank oder die Batterie ausreichend voll war. Und der Besitzer bewertet den Nutzer – zum Beispiel ob er das Auto pünktlich und in einem guten Zustand zurückgegeben hat. Das wars.

Was kostet den Nutzer das Ganze?

Den Preis legt der Besitzer fest. Wir machen ihm Vorschläge, damit sich die Kosten in einem realistischen Rahmen bewegen. Wir haben da auch noch keine Daten, wie viel da angemessen ist, aber wir vergleich es mit den Kosten anderer Transportmöglichkeiten. Am Ende wird der Preis sicher auch davon abhängen, wo und zu welcher Zeit ein Auto genutzt wird. Wer sein Auto umsonst anbieten möchte, wird das auch tun können. Allerdings müssen wir einen bestimmten Betrag für die Abwicklung und die Versicherung nehmen.

Wenn ich das Auto im Abo-Modell nutze, funktioniert das sicher problemlos. Kann ich mein Auto auch sharen, wenn ich es gekauft habe? Ich stelle mir vor, dass das dann etwas komplizierter ist, zum Beispiel wegen der Versicherung…

Das funktioniert ganz genauso. Die Sharing-Funktionalität ist immer Teil des Fahrzeugs, egal ob Sie das Auto als Mitglied per Monatsbetrag nutzen oder ob Sie es bar bezahlt, finanziert oder geleast haben. Um die Versicherung kümmern für solche Fälle kümmern auch wir uns – unabhängig davon, wo ein Autokäufer sein Fahrzeug versichert hat. Sicherlich ist das aktuell alles noch ein Stück weit ein Experimentierfeld. Und irgendwann wird auch mal ein Problem auftreten. Aber dann müssen wir da sein und es zusammen mit unseren Kunden lösen.

Sie hatten bereits angesprochen: Es gibt ein Bewertungssystem, Nutzer müssen Fotos machen, um den Fahrzeugzustand zu dokumentieren. Reicht das, um den Autobesitzern die nötige Sicherheit zu geben, damit sie ihr Auto teilen? Gerade in Deutschland ist das Auto für Viele sehr wichtig – und sie geben es ungern aus der Hand.

Um die wesentlichen Dinge kümmern wir uns. Wird beispielsweise ein Auto mit weniger Benzin wieder abgegeben, rechnen wir das für den Besitzer automatisch mit ab. Bei Problemen haben wir ein Team, das die Nutzer dabei unterstützt, eine Lösung zu finden.

Zur Person

David Green ist seit Dezember 2015 Chief Technology Officer bei Lynk & Co. Er bezeichnet sich selbst als Tech-Geek und konzentriert sich hauptsächlich auf das vernetzte Auto und das Ökosystem, das es umgibt. Vor seiner Tätigkeit bei Lynk & Co arbeitete er lange Jahre bei der Schwestermarke Volvo in den Bereichen E-Commerce, urbane Mobilitätskonzepte für vernetzte und autonome Fahrzeuge sowie Handels- und Unternehmensinnovation.

Aber ist die Zahl derer, die offen für solche Konzepte sind, ausreichend?

Es wird dauern, aber ich bin überzeugt, dass sich solche Modelle durchsetzen werden. Es braucht jetzt erst einmal Early Adopters, für die das Sharing nicht nur einen bestimmten Nutzen bringt, sondern die ihr Auto auch aus Überzeugung teilen und das gerne tun. Irgendwann wird das für einen großen Teil der Menschen – wenn nicht sogar die Mehrheit – ganz normal sein. Wann das sein wird? Zehn Jahre? 20 Jahre? 50 Jahre? Bitte nageln Sie mich nicht fest! Aber es wird kommen.

Das muss aber in einer gewissen Geschwindigkeit passieren, sonst funktioniert ein solches Geschäftsmodell ja nicht.

Völlig richtig. Aber die Uhr dreht sich schon. Ein Beispiel: Ein Student in Berlin hat keine Probleme, in der Stadt mit dem ÖPNV von A nach B zu kommen, auch wenn er sich kein eigenes Auto leisten kann. Wenn er aber seine Großmutter besuchen will, die irgendwo mitten Deutschland auf dem Land lebt, ist das schon schwieriger. Vor ein paar Jahren musste er sich dafür vielleicht ein Auto mieten. Das war teuer und mit relativ viel Aufwand verbunden. Heute ist das deutlich einfacher. Man bucht sich ein Auto per App und fährt mal für ein paar Stunden raus. An dieses Konzept ist er auch gewöhnt, wenn er sich später ein Auto leisten könnte. Aber er denkt sich vielleicht: Ich kann mir eine größere Wohnung leisten, wenn ich mein Geld nicht für ein eigenes Auto ausgeben muss. Die Zahl der Leute, die ein eigenes Auto so dringend brauchen, dass sie dafür viel Geld ausgeben, geht zurück. Stattdessen bieten wir ihnen neue Konzepte, die besser zu ihren Bedürfnissen passen. Und wir sind da ja nicht die einzigen. Und was wir nicht vergessen dürfen, wenn wir über das Geschäftsmodell sprechen: Wer jahrelang Lynk-&-Co-Nutzer war, kann – sobald er es benötigt – unser Auto auch kaufen.

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Über den Autor

 Andreas Wehner

Andreas Wehner

Redakteur Newsdesk Automotive