Reparaturkonzepte für elektrische Antriebe E-Antriebe bekommen ein zweites Leben

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 6 min Lesedauer

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ZF bringt mehr als 100 Reparatursatzvarianten für elektrische Antriebe auf den Markt. Doch ob die Reparatur in der Werkstatt günstiger ist als eine wiederaufbereitete Austauschbaugruppe, hängt vor allem von Diagnose, Arbeitszeit und Prüftechnik ab.

ZF Aftermarket wendet seine „Maintain-Repair-Replace“-Strategie mit neuen Reparaturoptionen auf den elektrifizierten Antriebsstrang an.(Bild:  ZF Friedrichshafen AG)
ZF Aftermarket wendet seine „Maintain-Repair-Replace“-Strategie mit neuen Reparaturoptionen auf den elektrifizierten Antriebsstrang an.
(Bild: ZF Friedrichshafen AG)

ZF bringt mehr als 100 Varianten von Reparatursätzen für elektrische Achsantriebe in den freien Ersatzteilmarkt. Damit sollen Werkstätten defekte Elektromotoren, Inverter und Getriebe gezielter instand setzen können. Ob eine solche Reparatur tatsächlich günstiger ist als der Einbau einer Austauschbaugruppe, hängt jedoch stark von Diagnoseaufwand, Arbeitszeit und Qualifikation ab.

Mit zunehmendem Alter des Elektrofahrzeugbestands wächst der Bedarf an wirtschaftlichen Reparaturlösungen. Bislang werden bei Schäden am elektrifizierten Antriebsstrang häufig komplette Baugruppen ersetzt. Das ist vergleichsweise einfach und kalkulierbar, kann für Fahrzeughalter jedoch hohe Kosten verursachen. Zudem werden dabei möglicherweise noch funktionsfähige Komponenten ausgetauscht.

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ZF Aftermarket will deshalb seine sogenannte „Maintain-Repair-Replace“-Strategie auf elektrifizierte Antriebe ausweiten. In den kommenden Wochen sollen mehr als 100 Varianten von Reparatursätzen für elektrische Achsantriebe verfügbar werden. Sie bündeln jeweils die Komponenten, die für einen bestimmten Reparaturfall benötigt werden.

Reparaturlösungen mit unterschiedlicher Eingriffstiefe

Das angekündigte Programm umfasst verschiedene Lösungen. Für ZF-Hybridmodule der zweiten Generation auf Basis des 8HP-Getriebes bietet das Unternehmen ein Paket aus Rotor- und Statorbaugruppe an. Für 8HP-Hybridgetriebe der vierten Generation kommen ein Reparatursatz für den Inverter sowie aufgearbeitete Mechatroniken hinzu.

Ein weiterer Reparatursatz enthält Lagerkomponenten für die Reduziergetriebe elektrischer Antriebseinheiten. Dadurch soll sich ein Lagerschaden beheben lassen, ohne die komplette Antriebseinheit ersetzen zu müssen.

Die Bezeichnung „Reparatursatz“ darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die erforderlichen Arbeiten erheblich unterscheiden. Der Austausch eines Lagers, einer Mechatronik, eines Inverters oder einer Rotor-Stator-Einheit stellt jeweils andere Anforderungen an Werkzeuge, Prüfverfahren und Qualifikation. Teilweise dürfte zudem eine weitgehende Demontage des Antriebs oder Getriebes notwendig sein.

Ist die Reparatur wirklich günstiger?

Ein geringerer Materialeinsatz führt nicht automatisch zu niedrigeren Gesamtkosten. Für die Wirtschaftlichkeit müssen neben dem Preis des Reparatursatzes auch Fehlersuche, Aus- und Einbau, Demontage, Reinigung, Montage und Funktionsprüfung berücksichtigt werden. Hinzu kommen möglicherweise Softwarearbeiten sowie Prüfungen der elektrischen Sicherheit, Isolation, Kühlung und Abdichtung.

Besonders bei hohen Werkstattstundensätzen kann ein zeitaufwendiger Eingriff teurer werden als der Einbau einer bereits aufgearbeiteten Austauschbaugruppe. Das gilt insbesondere, wenn sich der Fehler erst nach der Demontage eindeutig eingrenzen lässt oder weitere Schäden zum Vorschein kommen. Auch das Risiko einer erfolglosen Reparatur muss die Werkstatt in ihre Kalkulation einbeziehen.

ZF nennt bislang weder Preise noch vorgesehene Arbeitszeiten oder konkrete Fahrzeugzuordnungen. Daher lässt sich aus der Ankündigung noch nicht ableiten, in welchen Fällen die Reparatursätze für den Endkunden tatsächlich günstiger sind. Ein Kostenvergleich mit neuen oder wiederaufbereiteten Austauschkomponenten fehlt ebenfalls.

Werkstattreparatur oder zentrale Wiederaufbereitung?

Der E-Antrieb muss nicht zwangsläufig in der Kfz-Werkstatt vollständig zerlegt werden. Bei komplexen Eingriffen könnte ein abgestuftes Modell wirtschaftlicher sein: Die Werkstatt diagnostiziert den Fehler und tauscht die betroffene Baugruppe aus. Das ausgebaute Aggregat geht anschließend an einen spezialisierten Betrieb, der es unter kontrollierten Bedingungen zerlegt, instand setzt und prüft.

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Vor allem bei Arbeiten an Elektromotor, Inverter oder Mechatronik bietet eine zentrale Wiederaufbereitung Vorteile. Spezialisierte Betriebe können Prüfstände, Werkzeuge und Fachpersonal besser auslasten und standardisierte Prozesse einsetzen. Die Werkstatt erhält im Gegenzug eine geprüfte Austauschbaugruppe und kann dadurch die Standzeit des Fahrzeugs verkürzen.

Die Reparatursätze können grundsätzlich beide Modelle unterstützen: die direkte Instandsetzung in entsprechend ausgestatteten Werkstätten und die Wiederaufbereitung ausgebauter Komponenten. Welcher Weg wirtschaftlicher ist, hängt von der betroffenen Baugruppe, dem Schadensbild, der benötigten Arbeitszeit und der vorhandenen Werkstattausstattung ab.

ZF sieht den Austausch aufgearbeiteter Komponenten ausdrücklich als Teil seiner Strategie vor. Ist eine Reparatur technisch oder wirtschaftlich nicht sinnvoll, sollen wiederaufbereitete Austauschprodukte zum Einsatz kommen. Das Unternehmen nennt rund 2.400 aufgearbeitete Getriebe-SKUs, darunter rund 600 Teilenummern für wiederaufbereitete Mechatroniken.

Was bedeutet das für Fahrzeughalter?

Für Endkunden kann das Angebot vor allem den wirtschaftlichen Totalschaden älterer Elektro- und Hybridfahrzeuge verhindern. Muss bei einem Lagerschaden nicht mehr der gesamte E-Antrieb ersetzt werden, können die Materialkosten erheblich sinken. Zusätzlich entsteht eine Alternative zu neuen Originalbaugruppen und gebrauchten Komponenten unbekannter Herkunft.

Ob diese Vorteile tatsächlich beim Kunden ankommen, entscheidet jedoch die Gesamtrechnung. Eine zeitaufwendige Reparatur mit ungewissem Ausgang kann trotz günstiger Einzelteile weniger attraktiv sein als eine teurere, aber schnell eingebaute Austauschbaugruppe mit eindeutig geregelter Gewährleistung.

Wichtig wären deshalb transparente Teilepreise, definierte Arbeitswerte und klare Vorgaben für Diagnose und Prüfung. Für den Kunden zählt am Ende nicht der Preis des Reparatursatzes, sondern der Gesamtpreis einschließlich Arbeitszeit und möglicher Folgereparaturen.

Chancen und Anforderungen für freie Werkstätten

Für freie Werkstätten ist das Programm grundsätzlich ein wichtiger Schritt. Der Zugang zu Originalkomponenten kann verhindern, dass Reparaturen am E-Antrieb ausschließlich Herstellerbetrieben oder dem Austausch kompletter Systeme vorbehalten bleiben. Werkstätten könnten ihr Geschäft damit auf Elektrofahrzeuge ausweiten, die zunehmend aus Garantie- und Leasingzeiträumen herausfallen.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen. Neben der notwendigen Hochvoltqualifikation werden detaillierte Reparaturinformationen, Diagnosemöglichkeiten, Spezialwerkzeuge und geeignete Prüfmittel benötigt. Nach dem Eingriff muss die Werkstatt nicht nur feststellen können, ob der Antrieb funktioniert. Sie muss auch prüfen, ob Isolation, Kühlung, Abdichtung und mechanische Montage den Vorgaben entsprechen.

Daher dürften sich unterschiedliche Werkstattrollen entwickeln. Größere oder spezialisierte Betriebe können Reparaturen auf Komponentenebene selbst übernehmen. Andere Werkstätten dürften sich auf Diagnose sowie Aus- und Einbau beschränken und mit spezialisierten Wiederaufbereitern zusammenarbeiten.

Für kleinere Betriebe könnte gerade dieses Netzwerkmodell sinnvoll sein. Es ermöglicht ihnen, Reparaturen an elektrifizierten Antrieben anzubieten, ohne selbst sämtliche Prüfstände, Spezialwerkzeuge und Kompetenzen vorhalten zu müssen.

Druck auf Hersteller und Zulieferer

Für konkurrierende Zulieferer setzt ZF ein deutliches Signal: Mit dem wachsenden Bestand älterer Elektrofahrzeuge wird die Reparierbarkeit des Antriebs zu einem eigenen Markt. Anbieter, die nur komplette Baugruppen liefern, könnten unter Druck geraten, ebenfalls Einzelteile, Reparatursätze und Diagnoseinformationen bereitzustellen.

Davon betroffen sind auch unabhängige Instandsetzer. Original-Reparatursätze erleichtern ihnen grundsätzlich den Zugang zu geprüften Komponenten. Gleichzeitig tritt ZF mit seinem eigenen Remanufacturing-Portfolio als Wettbewerber auf.

Entscheidend wird deshalb sein, zu welchen Bedingungen die Reparatursätze erhältlich sind. Sind sie frei verfügbar und werden sie durch technische Informationen sowie Prüfverfahren ergänzt, können auch unabhängige Spezialbetriebe davon profitieren. Bleiben wesentliche Diagnose- und Prozessdaten hingegen an geschlossene Werkstattkonzepte gebunden, könnte sich der Wettbewerb trotz verfügbarer Ersatzteile einschränken.

Mehr als 100 Varianten, aber noch wenige Details

ZF gibt an, mit seinem Ersatzteilprogramm rund 92 Prozent des europäischen Bestands der 20 verbreitetsten Elektroautomodelle abzudecken. Diese Zahl bezieht sich allerdings auf das gesamte EV-Portfolio. Dazu zählen neben Antriebskomponenten auch Bremsen, Lenkung, Fahrwerk, Dämpfung und Betriebsstoffe. Die Angabe bedeutet daher nicht, dass sich die E-Antriebe von 92 Prozent dieses Fahrzeugbestands bereits auf Komponentenebene reparieren lassen.

Auch die angekündigten mehr als 100 Varianten entsprechen nicht zwangsläufig ebenso vielen Fahrzeugmodellen. Mehrere Kits können unterschiedliche Ausführungen oder Schadensfälle desselben Antriebs abdecken. Welche Fahrzeuge unterstützt werden und wie sich die Reparaturkosten gegenüber einem Austausch entwickeln, lässt ZF bislang offen.

Bis zum ersten Quartal 2027 will das Unternehmen zudem bis zu 200 Katalogreferenzen für chinesische Fahrzeugmarken anbieten. Bis Ende 2027 sollen zehn der nach Unternehmensangaben beliebtesten chinesischen Modelle in Europa abgedeckt und damit rund 30 Prozent des entsprechenden Werkstattbedarfs erreicht werden. Auch für diese Prozentangabe nennt ZF keine nähere Berechnungsgrundlage.

Wirtschaftlichkeit entscheidet über den Erfolg

Gerade mit Blick auf die Umwelt, sind Reparatursätze ein wichtiger Schritt weg vom pauschalen Austausch kompletter E-Antriebe. Sie schaffen die technische Voraussetzung, defekte Baugruppen gezielter und mit geringerem Materialeinsatz instand zu setzen. Ob daraus auch eine günstigere Reparatur für den Endkunden wird, ist jedoch noch nicht belegt.

Gerade bei komplexen Arbeiten dürfte häufig ein zweistufiges Modell sinnvoll sein: Die Werkstatt tauscht die betroffene Baugruppe, während ein spezialisierter Betrieb das ausgebaute Teil wiederaufbereitet. Direkte Reparaturen vor Ort kommen dagegen vor allem für entsprechend qualifizierte und ausgerüstete Fachbetriebe infrage.

Die eigentliche Bedeutung der ZF-Ankündigung liegt deshalb nicht darin, dass künftig jede Werkstatt Elektromotoren oder Inverter zerlegt. Entscheidend ist, dass zwischen Wartung und Komplettaustausch zusätzliche Reparaturwege entstehen. Ob diese sich durchsetzen, werden Teilepreise, Arbeitszeiten, verfügbare Reparaturdaten und die Organisation der Wiederaufbereitung bestimmen. (mr)

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