„Aerospace Valley“ Toulouse Die Kleinen heben zuerst ab, die Großen lauern

Von Dirk Kunde

Auch die Luftfahrtindustrie muss ihre Antriebe dekarbonisieren. Im französischen Luftfahrtzentrum Toulouse machen Start-ups erste Schritte in Richtung CO2-freies Fliegen. Große Hersteller wie Airbus warten ab. Sie wollen übernehmen, sobald Ideen serienreif sind.

Das Start-up Ascendance arbeitet an einem Senkrechtstarter mit acht Rotoren in zwei Flügeln, der perspektivisch reinelektrisch unterwegs sein soll.
Das Start-up Ascendance arbeitet an einem Senkrechtstarter mit acht Rotoren in zwei Flügeln, der perspektivisch reinelektrisch unterwegs sein soll.
(Bild: Ascendance)

Der nackte, unbeheizte Raum auf dem ehemaligen Militärflugplatz Francazal versprüht den Charme einer Start-up-Garage. Fünf Ingenieure sitzen an einem provisorischen Tisch und schauen auf ihre Monitore. Vor den Fenstern rattert ein Diesel-Generator, der Strom erzeugt. Das französische Start-up Ascendance kämpft heute mit einem Stromausfall.

Eigentlich sollten die Besucher den Prototypen in der Luft bestaunen. Doch nun bleibt Atea, benannt nach einem polynesischen Licht-Gott, am Boden. Das Modell im Maßstab 1:4 ruht auf einem Ständer in der benachbarten Werkhalle. Mitgründer und COO Jean-Christophe Lambert steht neben dem Prototypen und erläutert die Pläne für das VTOL.

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Atea steigt senkrecht auf. Für den Auftrieb sorgen acht Rotoren in zwei Flügeln. Auf Flughöhe bringen Propeller an Front und Heck das Flugobjekt auf bis zu 200 km/h Reisegeschwindigkeit. Beim Antrieb der Rotoren und Propeller setzen die drei Gründer zunächst auf ein Hybrid-Konzept. Neben Elektromotoren und Batterie wird ein Strom-Generator mit synthetischem Kraftstoff an Bord betrieben. Diese Kombi senke den CO2-Ausstoß im Vergleich zum konventionellen Antrieb bereits um 80 Prozent und den Lärm um 70 Prozent, verspricht Lambert.

Langfristig wollen die Franzosen Atea rein elektrisch betreiben. Eine Idee kreist auch um Wasserstoff und Brennstoffzelle. Jede Lösung hat Vor- und Nachteile in Sachen Gewicht, Reichweite, Energiedichte und Kosten. „Der beste Kompromiss gewinnt in der Luftfahrt“, lautet Lamberts nüchternes Fazit als er auf die Lösungen der Mitbewerber Lilium und Volocopter angesprochen wird.

Die französischen Gründer haben ihr Unternehmen aufgeteilt. Unter dem Namen Atea wird die Form des Flugobjekts weiter verfeinert. Die Antriebstechnik entwickeln sie unter dem Namen Sterna weiter. Zusammen soll beides 2023 zu einem ersten Flug im vollständigen Maßstab abheben. Der Senkrechtstarter wird Platz für einen Piloten und vier Passagiere bieten.

Toulouse gilt als „Aerospace Valley“

Das Start-up profitiert von der guten Vernetzung der Luftfahrtbranche in Toulouse. Im Innovationszentrum B612 beziehen die Gründer gerade einen Raum, in dem sie ihren Antrieb mit bis zu einem Megawatt Leistung testen können. Der moderne Neubau aus Glas und Stahl ist das optische Gegenteil zum Büro auf dem alten Militärflughafen. An der Glasfassade blickt einem neben dem Schriftzug B612 der kleine Prinz entgegen. B612 ist ein Planet im gleichnamigen Kinderbuch. In Toulouse ist man auf den Autor Antoine de Saint-Exupéry extrem stolz. Der war im Hauptberuf Pilot und flog für Aéropostale. Die Flugzeuge transportierten Geld, Verträge und Briefe deutlich schneller in die französischen Kolonien als es Schiffe konnten.

Im B612 sitzen Start-ups Tür an Tür mit Forschungseinrichtungen sowie etablierten Unternehmen wie dem European Satellite Service Provider (ESSP). Die liefern wichtige Korrekturdaten für Egnos. Jener Dienst ermöglicht satelliten-gestützte Landeanflüge in der kommerziellen Luftfahrt.

In direkter Nachbarschaft zum B612 befinden sich die französische Raumfahrtagentur CNES sowie die Piloten- und Fluglotsenschule ENAC. Die Einrichtungen stehen entlang der alten Aéropostale-Landebahn. Außerdem haben in Toulouse die Flugzeughersteller Airbus und ATR, Zulieferer wie Safran und Thales ihren Sitz. Man spricht zu Recht vom Aerospace Valley. In der Region im Süden Frankreichs, unweit der Pyrenäen, hängen rund 150.000 Jobs an der Luftfahrtindustrie. Neben großen Namen existieren rund 550 kleine und mittelständische Unternehmen, davon rund 100 Start-ups.

So traurig und verlassen einige der alten Militär-Gebäude in Francazal wirken, so sehr spürt man hier die Aufbruchstimmung. Vor dem Fenster von Ascendance dreht der autonom fahrende Shuttle-Bus von Easy Mile seine Runden. Nebenan liegen Röhren mit vier Metern Durchmesser. Sie gehören zu Hyperloop TT. Das Unternehmen schickt hier bereits seine Magnetschwebebahn durch eine luftleere Teststrecke über 350 Meter Länge.

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