Ex-Audi-Technikchef „Wir haben in Europa eine ganze Menge Megatrends verpasst“

Redakteur: Claus-Peter Köth

Einst mischte Peter Mertens bei Volvo und Audi im Vorstand mit. Heute ist er unter anderem Aufsichtsratschef der israelischen Softwareschmiede Aurora Labs. Im Interview erklärt er, wie er die hiesige Autoindustrie für die Transformation gerüstet sieht.

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Peter Mertens: „Welche Technologie sich durchsetzt, wird am Ende der Markt regeln.“
Peter Mertens: „Welche Technologie sich durchsetzt, wird am Ende der Markt regeln.“
(Bild: Audi)

Redaktion: Herr Mertens, die EU-Kommission will den Kontinent als Klassenprimus des Klimaschutzes positionieren. Sie diktiert Grenzwerte und verordnet strenge CO2-Ziele. Sehen Sie die Gefahr, dass die europäische Automobilindustrie international ihre Führungsrolle verliert – lachen sich China und die USA ins Fäustchen?

Peter Mertens: CO2 ist ein globales Problem, und die Europäer können die Klimaziele nicht im Alleingang erreichen; das muss der eine oder andere erst noch begreifen. Die CO2-Vorgaben der EU stellen extrem hohe Anforderungen an die Industrie. Das Gute daran ist: Die Grenzwerte zwingen die Unternehmen zu ihrem Glück und treiben sie in Richtung Innovation. Weniger gut hingegen ist die Starrheit der Systeme. Die Politik wäre besser beraten, mehr Flexibilität zuzulassen – Anreizsysteme statt Verbote zu schaffen und Innovationen zu fördern. Welche Technologie sich durchsetzt, wird am Ende der Markt regeln. Viele Kunden haben begriffen, dass wir alle eine große Verantwortung für das Klima haben und entsprechend handeln müssen.

Ist die E-Mobilität alternativlos?

Zunächst einmal haben wir als Industrie mittlerweile verstanden, dass wir nicht so weiter machen können. Wir dürfen die E-Mobilität nicht länger nur diskutieren, sondern müssen sie durchziehen. Dann funktioniert sie hoffentlich schneller, als wir das alle einmal gedacht haben.

Allerdings – auch das ist Industriepolitik – müssen wir über kurzfristige Ziele hinausdenken und weitere technologische Entwicklungen forcieren. Wasserstoff zum Beispiel brauchen wir in Kombination mit der Brennstoffzelle nicht nur als Antriebsalternative, etwa im Schwer-Lkw. Wir brauchen ihn insbesondere auch in der Schwerindustrie, wo heute noch überwiegend Strom aus Kohle genutzt wird.

Als Fahrer eines Elektroautos finde ich es unerträglich, dass wir immer noch keine funktionierende Ladeinfrastruktur aufgebaut haben.

Peter Mertens

An welche Anreizsysteme denken Sie?

Als Fahrer eines Elektroautos finde ich es zum Beispiel unerträglich, dass wir immer noch keine funktionierende Ladeinfrastruktur aufgebaut haben. Ich kann mich unterwegs nicht so frei bewegen, wie ich es zuvor gewohnt war. Da hätte zum Beispiel ein frühzeitiges Anreizsystem für Tankstellenbetreiber, Energie- und Mineralölkonzerne mehr bewegen können. Wenn mit einem riesigen Kraftakt große Veränderungen stattfinden sollen, muss die Industriepolitik helfen, die Weichen zu stellen.

Fehlt uns in Europa die Gesamtschau, etwa im Vergleich zu China?

Das unterstreiche ich zu hundert Prozent. Die Chinesen arbeiten ihre Fünfjahrespläne stoisch ab. Das System hat zwar auch große Schwächen. Aber es führt zumindest dazu, dass die Regierung im Sinne der Industriepolitik Entwicklungen ganzheitlicher betrachtet und oft langfristiger denkt als wir.

Zurückblickend haben wir in Europa eine ganze Menge Megatrends verpasst. Wir sind erst sehr spät aufgewacht – etwa um Förderprogramme für den Bau von Batteriefabriken aufzulegen. Da war das Spiel fast schon entschieden, es lief die 88. Minute. Das ist uns auch bei der Software und der Mikroelektronik passiert und droht uns nun beim Wasserstoff. Das muss aufhören.

Das hört sich an, als ginge gerade die Vormachtstellung der deutschen Automobilindustrie verloren.

So weit würde ich nicht gehen. Die deutsche Automobilindustrie hat in den vergangenen Monaten ein furioses Feuerwerk abgebrannt, mit einer breiten Palette an Elektrofahrzeugen und dem Mercedes EQS als Leuchtturmprojekt. Und die Investitionsoffensive geht ja weiter: Denken Sie nur an die sechs Gigafabriken von Volkswagen für die Herstellung von Batteriezellen. Das ist vom Timing her gerade noch rechtzeitig. Wir müssen eher aufpassen, beim hochautomatisierten Fahren den Anschluss nicht zu verlieren. Diese Technologie wird die Branche noch mehr verändern als die Antriebsfrage.

Zur Person

Dr. Peter Mertens, 60, ist seit mehr als 35 Jahren in der Automobilindustrie aktiv. Er hatte leitende Positionen bei Daimler, General Motors und Jaguar Land Rover inne. Danach war er Entwicklungschef bei Volvo Cars und zuletzt bei der VW-Tochter Audi. Mertens lernte Werkzeugmacher und studierte anschließend Produktionstechnik und Maschinenbau. 1990 schloss er an der TU Kaiserslautern seine Promotion ab. Seit seinem Ausstieg bei Audi Ende 2018 aus gesundheitlichen Gründen ist er Investor und in den Aufsichtsräten von Faurecia, Recogni, Valens, Vhola und Aurora Labs (Vorsitz) tätig.

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