Verkehrsplanung Wie Software Ordnung in das Scooter-Chaos bringt

E-Scooter, die Gehwege versperren oder gar im Fluss landen, sind ein Ärgernis für die Kommunen, Betreiber und Passanten. Datenplattformen können Ordnung ins Chaos bringen und helfen, ÖPNV und Mikromobilität besser zu verzahnen.

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Deutschland ist eines von wenigen Ländern, dass den Mikromobilitätsmarkt bisher kaum reguliert. Das sorgt an mancher Stelle für Ärger, beispielsweise bei E-Scootern.
Deutschland ist eines von wenigen Ländern, dass den Mikromobilitätsmarkt bisher kaum reguliert. Das sorgt an mancher Stelle für Ärger, beispielsweise bei E-Scootern.
(Bild: Seyerlein/VCG)

Hunderte E-Scooter im Rhein und weiterer Missbrauch sorgten für eine Verbots-Debatte in Köln. So weit kam es am Ende dann doch nicht, dennoch hat die Stadtverwaltung die Abstellverbotszonen erweitert und weitere Auflagen für die Anbieter von Mikromobilität erlassen.

Viele Städte haben solche oder ähnliche Vereinbarungen mit den Dienstanbietern, zu großen Teil auf freiwilliger Basis. „In der Praxis ist das jedoch nur schwer einzuhalten und kontrollierbar“, sagt Uwe Jasnoch. Er spricht viel mit Verkehrsplanern, um eine Lösung für das Problem anzubieten.

Jasnoch leitet den Bereich Business Development bei Hexagon Geospatial, einem Software-Unternehmen, das zunächst wenig mit Scootern und E-Bikes zu tun hat. Hexagon ist darauf spezialisiert, Daten vieler Sensoren zu erfassen, auszuwerten und dann verständlich aufbereitet darzustellen.

Datenplattform vernetzt Städte und Mobilitäts-Anbieter

Eine weitere Datenplattform, die Städte und Mobilitäts-Anbieter vernetzen und so dazu beitragen will, einen Kollaps zu vermeiden ist Vianova. „Die Idee kam mir auf einer USA-Reise im Jahr 2018. Damals gab es die ersten E-Scooter in San Francisco. Das war ein Chaos. Wir haben dann gedacht, dass Städte einen Plan für den Umgang damit brauchen könnten“, sagt Co-Gründer und CEO Thibault Castagne.

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Bei Uwe Jasnochs war es ein Mitarbeiter, der die Idee hatte, GPS-Daten von E-Scootern zu erfassen und auszuwerten. Über die die Ortsdaten der Leihroller kann dann exakt ermittelt werden, an welcher Stelle und wie lange das Gefährt in einer der sogenannten Abstellverbotszonen steht. „Diesen Bestrafungsansatz wollte ich jedoch nicht weiterverfolgen“, beschreibt er sein Bestreben, mehr aus dem Ansatz zu machen als eine automatisierte Kontrollinstanz.

GPS-Bewegungsdaten auswerten

Auch Vianova nutzt GPS-basierte Bewegungsdaten von Sharing-Fahrzeugen. Und diese stellen der Plattform bereits zahlreiche namhafte Anbieter bereit, beispielsweise Tier, Lime, Share Now, Bolt, Voi oder Bird. Im direkten Austausch mit Städten zeigen sich diese beim Datenaustausch dagegen häufig eher verschlossen. Woran liegt das?

Thibault Castagne meint: „Städte kommunizieren teils nicht ausreichend, was sie mit den Daten der Anbieter machen wollen. Die Verknüpfung zu konkreten Anwendungsfällen fehlt oft. Außerdem mangelt es mancher Kommune am Verständnis für Daten. Auch in Bezug darauf, was im Rahmen der DSGVO möglich ist.“ Anbieter, die grundsätzlich bereit wären, ihre Daten zu teilen, zweifelten dann wiederum daran, dass die öffentlichen Einrichtungen mit den Informationen sicher umgehen können.

Warum bestehen gegenüber einem Mittels-Unternehmen wie Vianova solche Zweifel nicht? „Auch uns gegenüber waren einige Anbieter anfangs skeptisch. Aber wir haben in den vergangene zweieinhalb Jahren viel erreicht und uns so das Vertrauen im Markt erarbeitet“, erklärt Castagne. „Und Vertrauen ist das Wichtigste. Wir sind sehr transparent, wer mit uns arbeitet, weiß genau, mit wem wir, zu welchem Ziel die Daten teilen. Und deswegen sind wir als vertrauenswürdige Plattform anerkannt.“

Datenschutz einhalten

Mit den Daten der Mobilitätsanbieter lasse sich auch datenschutzkonform sehr gut arbeiten, betont Jasnoch. So zeige die Software von Hexagon anonymisiert Verkehrsströme auf. Damit können Verkehrsplaner wiederum Lücken im ÖPNV-Netz erkennen, so Jasnoch. „Wir zeigen, wo shared mobility überhaupt stattfindet.“ Mit der Software von Hexagon sei es etwa möglich zu unterscheiden, ob ein Leihfahrzeug zum Pendeln oder in der Freizeit genutzt werde.

Die Anbieter von E-Scootern geben – zeitverzögert – jeweils Ort und Zeit für den Start- und Endpunkt der Leihe an die Datenplattform weiter. Reicht die Fahrzeit lediglich für eine direkte Route zwischen Start- und Endpunkt der Leihe, wird diese als geschäftlich verbucht. Ist deutlich mehr Zeit vergangenen, gehen die Experten von Hexagon von einem touristischen Zweck der Leihe aus.

Solche Auswertungen könnten Städten dabei helfen, die Sharing-Mobilität vor Ort sinnvoll zu regulieren. Wo sollten mehr Abstellflächen für E-Scooter geschaffen werden? Wie viele Scooter kann ein Zentrum maximal vertragen? Wo braucht es neue Radwege, wo autofreie Zonen?

Deutsche Städte warten ab

Als ein gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit mit Städten nennt Vianova-Chef Thibault Castagne Stockholm: Dort gibt es bis zu 17.000 Sharing-Fahrzeuge. Die Stadt habe mit einem gewaltigen Park-Problem zu kämpfen gehabt. Vianova habe dann Zonen identifiziert, in denen beispielsweise Roller besser nicht fahren sollten, um Unfälle zu vermeiden. Außerdem habe man sich angesehen, wo es Abstellzonen brauche. Seitdem seien die Schwierigkeiten und Beschwerden in der schwedischen Hauptstadt spürbar zurückgegangen. Auch die Verknüpfung von Mikromobilität und ÖPNV hat Vianova im Blick. In Zürich hat die Plattform beispielsweise Ergebnisse geliefert, an welchen Haltestellen Nutzer besonders häufig auf Sharing-Fahrzeuge umsteigen.

In Deutschland ist man in vielen Städten von solchen Erkenntnissen und sich daraus ergebenden Ableitungen noch ein gutes Stück entfernt – was das Beispiel Köln zeigt. Ähnlich wie bei Hexagon hält man bei Vianova Verbote für wenig visionär. Markus Lübeck, Leiter der politischen Kommunikation und Marktentwicklung sagt: „E-Scooter einfach zu verbieten, hätte in Köln vielleicht verhindert, dass Leute die Roller in den Rhein werfen. Aber wir brauchen intelligentere Lösungen. Wir sollten nicht mit Verboten arbeiten. Das würde viel Potenzial vernichten.“

Erste Projekte mit Städten in Deutschland

Die Plattform von Vianova nutzen aktuell insgesamt rund 30 Städte, darunter große Namen wie Mailand, Brüssel, Stockholm, Paris oder Zürich. In Deutschland haben sich dagegen bislang zwei eher kleinere Kommunen zu einer Zusammenarbeit entschlossen: Gelsenkirchen und Troisdorf.

Hexagon hat sich in München und Berlin an Pilotprojekten beteiligt. „Über unseren Algorithmus konnten wir beispielsweise sehen, dass die Busverbindung zwischen der TU München am Standort Garching und der U-Bahn nicht gut war“, nennt Jasnoch ein Beispiel. Viele Fahrten mit E-Bikes fanden direkt zwischen Uni und Haltestelle statt. Jasnochs Fazit: „Die Studenten hatten vermutlich keine Lust, auf den Bus zu warten.“

Budget für Daten-Analysen

Daten-Analysen könnten für Städte also hilfreich sein. Doch was würde das für die teils klammen Kassen in den Kommunen bedeuten? Vianovas Preismodell erklärt CEO Thibault Castagne: „Wir arbeiten aktuell mit einem Freemium-Modell mit einigen Standard-Funktionen. Zusätzliche Features kosten dann extra. Wer mit uns professionell arbeiten will, kann je nach Größe des Vorhabens mit einem Budget von 500 bis 6.000 Euro pro Monat planen.“

In München wurde das Pilotprojekt mit Hexagon zum Monitoring von E-Tretrollern im März 2021 beendet. Langfristig soll ein System für alle Shared-Mobility-Angebote, den fließenden und ruhenden Verkehr aufgebaut werden, teilt das Mobilitätsreferat der Stadt mit.

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Über den Autor

 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Fachredakteur, »Automobil Industrie« und Next Mobility