Mikromobilität Vässla-Chef: „Wenn wir es vermasseln, sind wir selbst Schuld“

Autor: Svenja Gelowicz

Rickard Bröms bringt Lifestyle-Mikromobile für hippe Städter auf den Markt, die er vor allem mit Design überzeugen will. Am Rande der IAA hat der Vässla-Gründer mit uns über seine Deutschland-Pläne gesprochen – und scharf für autofreie Städte plädiert.

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Rickard Bröms war mit seinem Vässla Bike auf der IAA in München als Aussteller.
Rickard Bröms war mit seinem Vässla Bike auf der IAA in München als Aussteller.
(Bild: Svenja Gelowicz)

Wiesel sind zweifellos süß: Flauschiger Pelz, dunkle Knopfaugen, kurze Beine. Zugleich ist der Wiesel allerdings auch ein im Tierreich gefürchtetes Raubtier. Die Fleischfresser erlegen Beute, die um ein vielfaches größer als sie selbst sind. „Sogar solche, die zehnmal so groß sind. Diese Tiere sind heftig“, sagt Rickard Bröms. Er hat 2017 das Unternehmen Vässla gegründet. „Vessla“ heißt Wiesel auf schwedisch, das Logo ist entsprechend eine Tatze.

Wiesel-Fan Rickard Bröms trägt eine graue Kappe, Sneaker und einen Pulli, auf dem der Vässla-Marketingslogan „Silent, smooth and fucking fierce“ gedruckt ist. Zur Branchenmesse IAA Anfang September ist er aus Schweden angereist, um sein Vässla Bike vorzuführen. Dort in der Halle fünf, das ist wohl mit das größte Novum der erneuerten IAA, füllen ausschließlich Zweiräder die Fläche.

Wir haben horrende Quadratmeterpreise für Immobilien in Städte, dennoch dürfen Autos für ein paar Euro zentral liegende Flächen besetzen.

Rickard Bröms

Bröms' Vässla-Bike will dabei eine Lücke zwischen Fahrrädern mit E-Motor und E-Rollern besetzen. Am meisten erinnert es an ein Mofa – allerdings in mattschwarz und in schlankem Design. Bis zu 25 km/h schafft das Fahrzeug bei einer Reichweite von 40 Kilometern. An der Lenkstange können Nutzer eine Transportbox oder eine Art Getränkekisten-Halterung anbringen, wenn sie Stauraum brauchen.

Herr Bröms, warum brauchen wir neben E-Bikes, E-Scootern und E-Mopeds nun noch die Zwischenstufe Elektromofa?

Beim Fahrrad muss man strampeln, ein Moped ist schwer und braucht Parkfläche und E-Scooter haben weder Dämpfer noch Sitz. Wir sind in eine Marktlücke gestoßen.

Aber zuerst haben Sie doch selbst ein Moped auf den Markt gebracht.

Ja, denn ich lebe außerhalb von Stockholm, knapp sieben Kilometer. Als ich mir ein E-Moped zulegen wollte, weil ich immer so lange auf die Arbeit gebraucht habe, war das ganz schön schwierig. Deshalb habe ich ein eigenes entwickelt. Mit der Zeit habe ich allerdings gemerkt, dass es innerhalb der Stadt mit dem Parken nervig ist. Das Moped war also nur der Anfang.

Für das Vässla Bike brauche ich mindestens einen Führerschein der Klasse AM und darf nicht auf Fahrradwegen fahren. Das klingt, um ehrlich zu sein, auch umständlich.

In Schweden oder auch in Österreich ist das einfacher. Geschwindigkeit und Gewicht sollten Fahrzeuge klassifizieren und nicht, ob sie Pedale haben oder nicht. Denn meistens gilt: Alles mit Pedalen ist ein Fahrrad. In Deutschland gelten wir eben als Mofa. Auf der anderen Seite, einen Helm zu tragen ist sinnvoll und unser Fahrzeug eignet sich nicht für Kinder. Aber wir wären mit unserem Vässla Bike gerne auf den Fahrradwegen erlaubt. Auf EU-Ebene werden diese Regularien gerade überprüft.

Also könnte sich das bald ändern?

Wir hoffen, dass es schnell geht. Jedes Fahrzeug, dass die Umwelt nicht verschmutzt, ist gut.

Das ist ja eines der selbsterklärten Ziele mit den Stromer-Mobilen. Glauben Sie, dass wir in Europa bald wirklich großteils autofreie Städte sehen werden?

Früher als Sie denken. Wir können uns nicht vorstellen, wie Städte in fünf Jahren aussehen werden. Sie werden mehr oder weniger autofrei sein. Städte haben ein riesiges Problem mit Stau und Umweltverschmutzung.

Und dann fahren wir alle mit elektrifizierten Bikes, Scootern und Mofas – bei Wind und Wetter?

Für schlechtes Wetter gibt es Kleidung, für mich ist das kein Grund ein Auto zu nutzen. Aber Mikromobilität kann viele Anteile übernehmen, ja. Die meisten Wege sind Kurzstrecken. Die Autobauer haben das lange vernachlässigt und sie werden einen Teil ihres Geschäfts verlieren, wenn sie das nicht stärker ins Auge fassen.

Bei E-Scootern haben Städte aber mittlerweile große Probleme. Sie drängen deshalb Anbieter zurück und regulieren die Stückzahlen stärker.

Diese Diskussion geht dennoch in eine falsche Richtung. Wir haben horrende Quadratmeterpreise für Immobilien in Städte, dennoch dürfen Autos für ein paar Euro pro Stunde zentral liegende Flächen besetzen. Autos töten Menschen bei Unfällen. E-Scooter nicht. Aber wir werden wütend, wenn die kleinen Scooter herumliegen. Dass überall ungenutzt große Autos herumstehen stört uns wiederum nicht. Ohne Autos hätten wir so viel Platz – sie sind das Problem, nicht die Scooter. Wir müssen die Sichtweise ändern.

Ein Vässla Bike kostet knapp 2.000 Euro. In Berlin kann man für 79 Euro pro Monat eines abonnieren und hat dann Wartung und Service dabei, ihr nennt das den Vässla-Club. Wer sind Kunden von diesem Lifestyle-Angebot?

Wir nennen unsere Kunden „urban tribes“. Am Alter machen wir das nicht fest. Ich bin über 40, aber fühle mich mental wie 25. Wir stecken viel in Markenbildung, viele vernachlässigen die Macht von Marken. Wir wollen eine emotionale Verknüpfung, eine loyale Community. Deshalb spielt Design eine wichtige Rolle in unserer Produktstrategie. Und eben die Mitgliedschaft. Leute wollen nicht Teil eines Subscription-Modells sein. Sie wollen im Club sein.

Zahlt sich das in Schweden aus? Wie viele Vässla Bikes hat Ihr Unternehmen dort verkauft?

Wir sind im Verhältnis zu unserer Größe bekannt. In Stockholm kennen uns die meisten, wir haben in Schweden Tausende Vässla Bikes verkauft.

Warum verleiht ihr die Fahrzeuge nicht und rechnet nach Nutzungsdauer ab?

Dieser Service passt nicht zu regelmäßigen Wegen. Du musst erst ein Fahrzeug finden, es entriegeln. Ich nutze solche Angebote auch, aber ein schneller Zugang ist für die tägliche Nutzung wichtig.

Wie geht es nach dem Marktstart in Berlin weiter?

Madrid und Paris folgen. Sobald wir das Drehbuch für Berlin haben, wollen wir weitere Standorte in Europa erschließen. Darauf konzentrieren wir uns jetzt erst mal. Langfristig sehen wir in den USA hohes Marktpotenzial.

Anderes Thema: Vässla hat das Bike gänzlich selbst entwickelt. Warum macht ihr alles selbst und baut sogar eigene Batteriepacks für die Wechselakkus?

Sobald man Hard- und Software aus dem Regal nutzt, hat man die Kompetenz dafür nicht mehr im Haus. Ich bin ein Kontrollfreak und will nicht, dass andere Einfluss auf unser Geschäft haben. Wenn wir es vermasseln, dann sind wir selbst Schuld. Man kann nicht das beste Produkt entwickeln und sich differenzieren, wenn man auf Standardkomponenten setzt.

Herr Bröms, danke für das Gespräch.

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Svenja Gelowicz

Redakteurin im Ressort Management