China Market Insider Steer-by-Wire: Hella und Geely wollen das Lenken verändern

Von Henrik Bork

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Lenken ohne Lenksäule: An dieser Technologie arbeiten schon seit Jahren vor allem deutsche Zulieferer. Das autonome Fahren verspricht eine erhöhte Nachfrage nach dem Steer-by-Wire-Ansatz. Nun will eine deutsch-chinesische Kooperation den Markt aufrollen.

Lenken ohne Lenkstange: Hella und Geely wollen die Technologie zusammen zur Serienreife entwickeln.
Lenken ohne Lenkstange: Hella und Geely wollen die Technologie zusammen zur Serienreife entwickeln.
(Bild: Hella)

Da braut sich ein deutsch-chinesisches Komplott gegen die Lenkstange zusammen. Hella und Geely wollen sie gemeinsam abschaffen, durch rein elektrische Signale übersetzen. Diese „Steer-by-Wire“-Technologie (SBW) werde man gemeinsam zur Serienreife entwickeln, gaben die beiden Unternehmen jetzt bekannt. Zuerst solle sie serienmäßig in Autos des chinesischen Herstellers zum Einsatz kommen, voraussichtlich im Jahr 2026, dann aber auch an andere Hersteller verkauft werden, hieß es.

Als Teil seines neuen Mutterkonzerns Forvia verstärkt Hella damit seinen Vorstoss in neue automobile Geschäftsbereiche, in denen Software, Chips und Elektronik die gute alte Hydraulik und Mechanik im Auto verdrängen. SBW, einst für Flugzeuge entwickelt, ist eines dieser Felder.

Für die Entwicklung einer serienreifen SBW-Systemlösung im Auto hat sich der Lippstädter Konzern mit dem „Lotus Tech Innovation Centre“ (LTIC) verbündet, einem Forschung- und Entwicklungszentrum des chinesischen Automobilherstellers Geely. Die Geely-Gruppe hatte 2017 die Mehrheit an Lotus übernommen hat.

Autonomes Fahren als Treiber

Hella fungiert in dieser neuen Partnerschaft als Zulieferer für Sensorik und Steuerungselektronik, zwei der schnell wachsenden Geschäftsbereiche des einst vor allem für seine grellen Scheinwerfer bekannten Hella-Konzerns.

„Mit der Serienentwicklung von Schlüsselkomponenten für vollelektrische Lenksysteme bauen wir unsere Marktposition in diesem zukunftsweisenden Technologiefeld weiter aus,“ sagte der Hella-Elektronik-Chef Björn Twiehaus bei der Ankündigung der Zusammenarbeit mit LTIC und dem Geely-Konzern.

Die Elektrifizierung von Fahrzeugen und ihre zunehmende Steuerung durch Software gehen ja tatsächlich Hand in Hand. Für Chassis und Lenkung entstehen dadurch neue Anforderungen. Um höhere Stufen des autonomen Fahrens realisieren zu können, muss die Lenkung der Räder unabhängig vom Fahrer gesteuert werden können. Steer-by-wire gibt solche Fahrbefehle künftig vollelektrisch und macht damit eine mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderachse überflüssig.

Ähnlich wie bei Flugzeugen, wo der Bedarf an multidirektionalem Lenken und die große Entfernung zwischen Cockpit und Heckruder schon lange der Elektronik zum Durchbruch verholfen haben, wird sich SBW den meisten Experten zufolge auch in Autos durchsetzen.

Hella und Geely konkurrieren in diesem Markt mit einer wachsenden Zahl von ambitionierten OEMs und Zulieferern vor allem in Deutschland und China, wo der Enthusiasmus für intelligente Fahrzeugkomponenten und das fahrerlose Fahren besonders schnell wachsen.

Konkurrent Great Wall plant Computer auf Rädern

So hat der größte chinesische SUV-Hersteller Great Wall Motors in diesem Sommer angekündigt, dass schon ab 2025 etwa 40 Prozent seiner neu verkauften Fahrzeuge mit fortgeschrittenen Funktionen des autonomen Fahrens ausgestattet werden sollen. Es geht da um Level 4, die zweithöchste Stufe.

Great Wall Motors will daher schon ab 2023 ein „Chassis-by-wire“-System bis zur kommerziellen Serienreife bringen, wo Bremsen und Lenkung durch elektrische Signale kontrolliert werden. Man habe vor, „Fahrzeuge zu bauen, die Computern auf Rädern ähneln,“ heißt es bei Great Wall Motors. 2021 hatte der Autobauer ein erstes, selbst entwickeltes SBW vorgestellt.

Changan Auto, ein weiterer staatlicher Autobauer in China, rüstet seine „CX30-Plattform“ ebenfalls schon von Hydraulik auf SBW um. Das in Chongqing beheimatete OEM hat dafür mit Fahrtests begonnen.

Das chinesische Unternehmen DECO in Tianjin forscht eigenen Angaben zufolge schon seit 20 Jahren an entsprechenden Lösungen und hat die Serienproduktion für ein „voll redundantes SBW“ für das Jahr 2024 angekündigt. Redundant bedeutet, dass es ein Backup-System gibt, das beim Ausfall des Hauptsystems die Steuerung übernehmen kann.

Bei DECO hat man schon erhebliches Know-How in Bereich der Fahrzeuglenkung angehäuft, indem man bislang rund 1,6 Millionen elektrische Power-Lenk-Systeme gebaut und verkauft hat - und das ist einer der technologischen Urahnen des SBW. Und auch in Tianjin hat man internationale Ambitionen. Die ECE-Zertifizierung der Europäischen Union und die IATF16949-Qualitäts-Zertifizierung hat DECO bereits erworben.

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ZF mit großer Ankündigung

Historisch waren es Unternehmen in Europa und den USA, die zuerst Steer-by-Wire-Systeme entwickelt haben. TRW und Kasselmann gehörten da schon in den 50er Jahren zu den Pionieren. Nur waren die Autobauer damals noch nicht interessiert. Die Kosten schienen zu hoch, die Sicherheit zu schwer zu gewährleisten. Man blieb lieber bei Lenksäule und Hydraulik.

ZF in Friedrichshafen hat TRW übernommen und 2016 einen ersten Prototypen einer Front- und Hinterachsen-Lenkung vorgestellt, die rein elektrisch funktioniert. Jetzt heißt es am Bodensee, man wolle SBW als erster Tier-1-Zulieferer der globalen Automobilindustrie zur Serienreife bringen.

Schon im Laufe des nächstens Jahres wolle „ein großer, global agierender Automobilhersteller” die Technologie „im industriellen Maßstab” einsetzen, hatte das Auto Medien Portal im Juli dieses Jahres Firmensprecher von ZF zitiert. Welcher Autohersteller das sein wird, wurde noch nicht verraten, weshalb nun in der Presse über entweder chinesische oder amerikanische OEM spekuliert wird.

Es fällt unabhängig davon auf, dass gerade bei führenden deutschen Zulieferern die nun auch von Hella verfolgte Strategie beliebt ist, die Entwicklung von Steer-by-Wire-Systemen gleich mit einem chinesischen Partner zu betreiben, der dann beim Marketing und Verkauf im größten Automarkt der Erde nützlich sein kann.

Bosch, der global führende Automobil-Zulieferer, will 2025 ein serienreifes SBW-System im Angebot haben und arbeitet daran unter anderem in seinem deutsch-chinesischen Gemeinschaftsunternehmen „Bosch Huayu Steering Systems Co., Ltd.”. Dort kooperiert man unter anderem mit Audi, stattet Prototypen des A3 mit SBW aus und fährt damit in China probeweise spazieren, berichtet die chinesische Autozeitung Taipingyang Qiche.

Politische Förderung am chinesischen Markt

Der chinesische Staat wittert eine Chance, mit SBW eine Zukunftstechnologie, die andere erfunden haben, zuerst in der Praxis einzuführen und damit einen neuen Markt zu erschließen. Nicht so sehr die Grundlagenforschung, aber die schnelle und pragmatische Umsetzung neuer Technologien ist eine chinesische Spezialität.

Chinesische Unis und Forschungsinstitute wie die Jilin University, die Shanghai Jiaotong University oder das Beijing Institute of Technology werden daher gerade großzügig mit Fördergeldern ausgestattet, um grundlegende Forschungen für SBW-Systeme durchzuführen.

Ob SBW kommt, scheint bereits keine Frage mehr zu sein, trotz einiger noch zu lösender Probleme, vor allem in den Bereichen Redundanz und Sicherheit. Was noch umstritten ist, ob nach der Lenkstange dann auch das Lenkrad verschwinden wird.

Manche Autofahrer, die eigentlich ganz gerne eine Lenkrad in den Händen halten, hoffen noch, dass dieses zumindest noch ab und zu aus der Versenkung auftauchen wird wie in dem Gefährt von Will Smith im Kinofilm „I, Robot“.

Bei Hella aber, also selbst in dem für seine bodenständigen Menschen bekannten Ostwestfalen, scheint man kaum noch Nostalgie für das gute alte Lenkrad zu verspüren. Der „freiwerdende Platz“ ließe sich prima „für größere Armaturenbretter oder Head-up-Displays nutzen“, heißt es in einer SBW-Presseerklärung von Hella in Lippstadt. Na denn.

Über den Autor

Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

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