Transformation Diese neuen Automarken greifen in Europa an

Von Andreas Wehner

Die Autobranche befindet sich im Umbruch. Das hat zur Folge, das viele neue Marktteilnehmer auf den Plan treten und ihren Anteil am europäischen Pkw-Markt erobern wollen. Dabei sind es nicht nur Chinesen und Elektro-Start-ups, die sich in Stellung bringen.

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Der Lynk & Co 01 kostet als Plug-in-Hybrid 42.000 Euro – oder 500 Euro im Monat.
Der Lynk & Co 01 kostet als Plug-in-Hybrid 42.000 Euro – oder 500 Euro im Monat.
(Bild: Wehner)

Die Versuche, auf den europäischen Märkten neue Autofabrikate zu etablieren, waren in den letzten Jahren nicht allzu oft von Erfolg gekrönt. Dabei muss man nicht nur an die aufgrund schlechter Technik krachend gescheiterten chinesischer Autobauer wie Brilliance oder Landwind denken. Auch Qoros, Borgward oder Byton waren wieder weg, bevor sie richtig da waren. Durchaus ernstzunehmen war einst der Marktstart des japanischen Edelfabrikats Infiniti. Doch die Nissan-Tochter konnte sich nicht gegen die etablierte Konkurrenz durchsetzen.

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Inzwischen sind die Karten neu gemischt. Das schnelle Voranschreiten der Elektromobilität erwischte viele etablierte europäische Hersteller kalt. Für neue Vertriebsmodelle jenseits des klassischen Autohandels interessierten sie sich auch erst spät. Das entstandene Vakuum beginnen die alteingesessenen Autobauer erst jetzt langsam zu füllen. Eine Chance, die neue Marktteilnehmer nutzen – allen voran Tesla. Das kalifornische Start-up des exzentrischen Milliardärs Elon Musk hat sich inzwischen weltweit etabliert und baut sogar bereits Autos in Deutschland. Und vor allem in China stehen sowohl große Autokonzerne als auch neue, kleine Hersteller mit innovativen Ideen in den Startlöchern, um auf den europäischen Märkten Anteile zu erobern.

Dabei sind es nicht nur chinesische Hersteller und US-Start-ups, die sich neu in Stellung bringen. Mit Genesis startete im vergangenen Jahr das Premiumfabrikat des koreanischen Hyundai-Konzerns auf den ersten europäischen Märkten, darunter auch in Deutschland. Innerhalb weniger Monate brachten die Koreaner fünf Modelle auf den Markt – alle sind Verbrenner. Die Elektromobilität haben die Koreaner jedoch nicht vergessen, schließlich soll Genesis von allen Hyundai-Konzernmarken die erste sein, die rein elektrisch unterwegs ist. Den Start macht das bisher kleinste Genesis-SUV GV60, das Anfang Juni startet.

Mit Geely hat auch ein chinesischer Konzern längst Fuß gefasst. Das Unternehmen hatte früh die Fühler ausgestreckt, um sich in Europa einzukaufen. Unter anderem gehört die schwedische Marke Volvo zu Chinas größtem privaten Autobauer. Inzwischen ist auch Smart unter das Geely-Dach geschlüpft. Doch die Chinesen wollen weitere Marken etablieren. So haben die Chinesen Volvos früheren Tuning-Ableger Polestar inzwischen als Premium-Elektromarke positioniert. In diesem Jahr startet das inzwischen dritte Modell des Fabrikats.

Kombination aus Abo und Carsharing

Seit April 2021 ist Geely zudem mit Lynk & Co in Europa aktiv. Das Vertriebskonzept ist komplett neu. Das Fabrikat will das Fahrzeug vor allem per Abo an die Kunden bringen – oder Mitglieder, wie Lynk & Co sie nennt. Das kostet 500 Euro im Monat mit einmonatiger Kündigungsfrist und der Möglichkeit, das Auto auf Knopfdruck mit anderen über eine herstellereigene Carsharing-Plattform zu teilen. Die Kunden sollen ihre Autos vor allem online bestellen. Und dazu bietet Lynk & Co ein radikal einfaches Angebot. Hybrid oder Plug-in-Hybrid, blau oder schwarz: Mehr Auswahlmöglichkeiten gibt es nicht – und auch keine Extras.

Mit MG hat Chinas größter Autobauer SAIC eine einst legendäre Marke zurück auf die europäischen Straßen gebracht. Zum Modellportfolio gehören die beiden Elektro-SUVs ZS EV und Marvel R Electric, der Plug-in-Hybrid EHS sowie der Elektrokombi MG 5 Electric. Ein fünftes Modell steht in den Startlöchern.

Mit Great Wall trat im vergangenen Jahr ein weiterer chinesischer Autokonzern mit zwei Marken auf den Plan: Wey soll ab der Jahresmitte 2022 im Premiumsegment antreten. Ora positioniert sich als Lifestyle-Marke und spricht ein jüngeres Publikum an. Die ersten Autos sollen in der zweiten Jahreshälfte zu den Kunden rollen.

Norwegen als Testmarkt

BYD startete ursprünglich als Batteriehersteller, produziert inzwischen aber auch Pkw und Nutzfahrzeuge. In Europa ist das Unternehmen vor allem als Lieferant von Elektro-Bussen aktiv. Im August 2021 startete das Unternehmen den Verkauf seines Elektro-SUVs Tang in Norwegen. Ebenfalls bislang nur in Norwegen bietet der recht junge chinesische Elektroautobauer Xpeng sein SUV G3 an. Seit Kurzem ist dort zudem die Limousine P7 bestellbar. In den Startlöchern steht zudem mit dem P5 ein drittes Modell, das die Chinesen auch in Dänemark, Schweden und den Niederlanden auf den Markt bringen wollen.

Ebenfalls bereits in Norwegen vertreten ist das chinesische Start-up Nio. Die ersten Exemplare des SUVs ES8 lieferte Nio im Herbst des vergangenen Jahres aus. In Deutschland soll dagegen ab dem Jahresende 2022 die Limousine ET7 erhältlich sein. Weitere Länder sollen schnell folgen. Neben den Fahrzeugen hat Nio auch eine eigene Lifestyle-Marke etabliert, die Kleidung und viele weitere Produkte anbietet.

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Das US-Start-up Lucid hat ebenfalls bereits die erste Duftmarke gesetzt und jüngst seinen ersten europäischen Standort in der Münchner Innenstadt eröffnet. Die mit mehr als 1.000 PS erhältliche Limousine Lucid Airs ist jedoch schon in vielen europäischen Ländern online reservierbar. Mit Fisker steht ein weiterer junger US-Autobauer vor dem Start. Im Herbst will das Unternehmen die ersten Exemplare des Fisker Ocean ausliefern. Mit dem Pear soll bald ein weiteres Modell folgen.

Neben etablierten und neuen Autoherstellern versuchen sich inzwischen auch Konzerne aus anderen Branchen im Autogeschäft. So gründete der britische Chemieriese Ineos 2016 eine Automotive-Sparte, um einen Geländewagen im Stil des eingestellten Land Rover Defender zu bauen. Der Ineos Grenadier war geboren. Daneben hat sich die vietnamesische Marke Vinfast in Stellung gebracht. Das erst wenige Jahre alte Fabrikat, das zum Mischkonzern Vingroup gehört bietet aktuell zwei Elektro-SUVs an. Mittelfristig will Vinfast insgesamt fünf Fahrzeuge im Portfolio haben.

Ernstzunehmende Markteintritte

Die Bandbreite neuer Marken ist groß. Neben den genannten gibt es noch einige weitere – mit unterschiedlichen Hintergründen, Produkten und Vertriebsmodellen. Prof. Stefan Reindl, Direktor des Geislinger Instituts für Automobilwirtschaft, hält die neuen Anläufe insgesamt für ernst zu nehmen. Die Fehler von Brilliance oder Borgward werden sie nicht wiederholen, glaubt der Experte. „Der damalige Markteintritt war in vielfältiger Weise naiv angelegt. Dies gilt sowohl für die Produkte selbst, die den damaligen Standards und Design-Ansprüchen nicht gerecht wurden, als auch für die Marketing- und Vertriebsaktivitäten. Sie waren unzureichend für einen soliden Markteintritt“, sagt Reindl.

Wer und wie viele der neuen Anbieter sich mittel- und langfristig durchsetzen können, muss sich erst zeigen. „Marken, die auf Konzernstrukturen aufsetzen, sind im Vorteil – schon aufgrund der finanziellen Ausstattung und der Möglichkeiten zur Nutzung von Synergien“, glaubt Reindl. Reine Start-ups hingegen würden sich schwertun, die notwendigen Strukturen für Entwicklung, Produktion und Vertrieb zu schaffen.

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