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Pilotprojekt: E-Mobilität am kenianischen Viktoriasee

Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Ein deutsch-niederländisches Start-up testet im kenianischen Fischerort Mbita ein neues Geschäftsmodell: E-Motoren werden gegen eine monatliche Gebühr an lokale Fischer verliehen – inklusive Schulung, Wartung und Batterieladeservice mit Solarenergie. Bleibt die Frage: Inwieweit verbessert die Elektromobilität das Leben an dem riesigen Süßwassersee?

In den Abendstunden fahren die Fischer auf den See, um Omena zu fangen, die auch Viktoriasee-Sardinen genannt werden.
In den Abendstunden fahren die Fischer auf den See, um Omena zu fangen, die auch Viktoriasee-Sardinen genannt werden.
(Bild: Asobo)

Zwei bis drei Stunden, länger hat Joshua Miruka nicht gebraucht, um sein Arbeitsleben zu revolutionieren. Er erinnert sich auch mehr als zwei Jahre später noch genau an den Tag, an dem er als erster Fischer mit einem Elektromotor über den Viktoriasee fuhr. Es war der 27. September 2017 am Sienga Beach im kenianischen 6.000-Einwohner-Städtchen Mbita: überall Leute, viele von weit her angereist, die sehen wollen, wie die neue Technologie funktioniert. Kann sie für mehr als 50.000 Boote auf dem See eingesetzt werden?

Und dann darf er, Joshua Miruka, die erste Testfahrt machen. Auf seinem 13 Meter langen Holzkahn, den er als Manchester-United-Fan nach dem englischen Fußballstar Wayne Rooney benannt hat, werden unter neugierigen Blicken eine Batterie und ein Torqeedo Cruise Motor montiert.

Nach dem Ablegen merkt Miruka: Das Boot reagiert plötzlich viel schneller, viel sensibler, wenn er Gas gibt. Nach einigen wenigen Testrunden in der Bucht verlässt er die Uferregion, begibt sich in tieferes Fahrwasser und dreht den Motor auf. „Mir ist sofort aufgefallen, wie leise er ist“, erzählt er.

Doch nicht nur das begeistert den 40-Jährigen, der mittlerweile zwei Boote besitzt: „Ich finde es auch wichtig, dass Elektroantriebe gut für die Umwelt sind. Mit den alten Verbrennern verschmutzen wir die Luft, und ständig gelangen Treibstoff und Öl in unseren See. Wir vergiften die Fische. Es kann so nicht weitergehen.“ Für Joshua Miruka bleibt es nicht bei dieser einen Testfahrt. Er wird Teil eines einzigartigen Pilotprojekts. Zunächst als Testfahrer, dann als Kunde, später als Mitarbeiter.

76 Prozent der Fischarten vom Aussterben bedroht

Das Ziel von Asobo ist es, die negativen Auswirkungen von Treibstoffemissionen auf den zweitgrößten Süßwassersee der Welt massiv zu reduzieren. Der ostafrikanische Viktoriasee, der an Kenia, Uganda und Tansania grenzt, ist etwa so groß wie Irland und beheimatet mehr als 200 Pflanzen- und Tierarten, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Doch das Ökosystem ist bedroht: 76 Prozent aller Fischarten im See sind vom Aussterben bedroht. Die Lebensgrundlage der 30 bis 50 Millionen Menschen, die direkt oder indirekt von dem See leben, ist akut gefährdet.

Ein Grund für die alarmierende Situation ist, dass der See seit Jahrzehnten überfischt wird. Ein weiterer die enorme Umweltverschmutzung. Dazu tragen große Landwirtschaftsbetriebe und offene Abwasserkanäle bei, die Chemikalien ins Wasser leiten. Aber auch die Fischer mit ihren etwa 50.000 Booten tragen zu dem Problem bei. Mit 10 bis 15 PS starken Zweitaktaußenbordern knattern sie über den See und blasen Schadstoffe und CO2 in die Luft. Reparatur- und Wartungsmaßnahmen werden meist direkt am Strand durchgeführt, nicht selten läuft dabei Öl ungefiltert ins Wasser. So vergiften sie nicht nur viele Fische, sondern gefährden auch sich selbst: Der See ist in der küstennahen Region die zentrale Trinkwasserquelle.

Genau das will Asobo ändern, eine in Mbita ansässige Firma, die der Niederländer Laurens Friso und der Deutsche Wolfgang Gregor im Jahr 2019 gemeinsam mit dem Venture Builder Persistent Energy gründeten. Das Start-up will so viele Fischer wie möglich überzeugen, auf einen Hightech-Elektroantrieb umzusteigen. Da das in einem Land mit einem durchschnittlichen Bruttomonatslohn von knapp 500 Euro leichter gesagt als getan ist, haben sie ein innovatives Leasing-Modell entwickelt: Asobo erwirbt den Cruise 4.0 T, dessen Vortriebsleistung der eines 8-PS-Außenborders entspricht, und vermietet ihn an die Fischer.

Außerdem bildet Asobo die Fischer dafür aus, den neuen elektrischen Antrieb effizient zu nutzen, lädt die Torqeedo-Batterien mit 3,5 kWh auf und bietet einen Back-up-Service an, falls etwas schiefgeht: Jeden Morgen, wenn die Fischer ihren Fang am Strand verkaufen, holt ein Asobo-Mitarbeiter die Batterien mit einem E-Lastenrad ab und fährt sie zu einer nahe gelegene Solarenergiestation. Am späten Nachmittag, kurz bevor es wieder aufs Wasser hinausgeht, sind die Batterien zurück an Bord.

Bis zu 25 Prozent Kostenersparnis

Um die Fischer zum Umstieg zu motivieren, setzt Asobo nicht allein auf ihr Umweltbewusstsein oder den erhöhten Komfort, sondern liefert auch wirtschaftliche Argumente: Die Miete für einen elektrischen Motor liegt zwischen 20 und 25 Prozent unter den Kosten, die für einen Benzinaußenborder pro Monat anfallen. „Überall auf der Welt mögen es die Leute, Geld zu sparen, aber in einkommensschwächeren Ländern wie Kenia ist es umso wichtiger“, sagt Asobo-Mitbegründer Laurens Friso. Wie hoch die Monatsmiete konkret ist, ist abhängig vom jeweiligen Boot, der Route und den aktuellen Kraftstoffpreisen.

Bevor Asobo im Februar 2020 mit seinem Geschäftsmodell auf den Markt gegangen ist, wurde der Arbeitsalltag der kenianischen Fischer gründlich analysiert: Wie sehen ihre Fangtouren aus? Was muss ein Motor leisten? Gibt es spezielle Herausforderungen? Torqeedo ist seit der ersten Testfahrt am Sienga Beach ein wichtiger Teil des Projekts. Gregor Papadopoulos, Torqeedo Vertriebsmanager für Zentraleuropa und Projekte EMEA, der sich seit Jahren auf dem afrikanischen Kontinent engagiert, reiste zweimal nach Kenia, um sich ein Bild zu machen und das Asobo-Team mit wertvollen Tipps zu unterstützen.

Papadopoulos fuhr nachts mit den Fischern auf den See und beobachtete, wie sie Omena fangen, winzige Fische, die auch Viktoriasee-Sardinen genannt werden. Die Omena sind der Hauptfang der Menschen am See und werden in der Sonne getrocknet, in der Küche zubereitet oder zu Tierfutter verarbeitet. Meist fahren vier Fischer in einem Boot auf den nächtlichen See. Nach ein bis drei Stunden haben sie die Fanggründe erreicht. Dort hängen sie Lampen über dem Wasser auf, um kleine Fliegen anzulocken – die bevorzugte Nahrung der Omena – und werfen ihre Netze aus.

Die Lichter auf dem nachtschwarzen See sind ein wunderschönes Bild, haben aber einen großen Nachteil. Noch vor Kurzem wurden die meisten Lampen mit umweltschädlichem Kerosin befeuert, das oft ins Wasser gelang. Seit einiger Zeit nutzen immer mehr Fischer moderne Solarlampen – ein Zeichen dafür, dass neue Technologien helfen können, alte Traditionen in eine nachhaltige Zukunft zu transportieren. Nach ein bis zwei Stunden kommen die Fische an die Oberfläche, um die Mücken zu fangen. Dann ziehen die Männer ihre Netze nach oben. Eine kräftezehrende, komplexe Prozedur, bei der jeder Handgriff sitzen muss.

Die effiziente, schmale Rumpfform der Fischerboote ist ideal, um möglichst energieeffizient über das Wasser zu gleiten. Die Batterien bieten auch für die lange Fahrt zu den Fanggründen genügend Energie – der Bordcomputer mit integrierter GPS-Reichweitenberechnung zeigt den Fischern in jeder Sekunde, wie weit sie noch fahren können. Und der eigentliche Fischfang wird durch die leisen Elektromotoren deutlich angenehmer: Die Fischer können nun viel präziser manövrieren. Das Motorengedröhn ist verschwunden, weshalb sie sich problemlos verstehen, wenn sie sich Kommandos zurufen. Und ein schöner Nebeneffekt: In den Wartezeiten können sie Radio hören.

Elektrische Testfahrt: Der Fischer Joshua Miruka und Asobo-CEO Laurens Friso bei einer Erprobungstour mit dem Torqeedo Cruise.
Elektrische Testfahrt: Der Fischer Joshua Miruka und Asobo-CEO Laurens Friso bei einer Erprobungstour mit dem Torqeedo Cruise.
(Bild: Privat)

„Die E-Mobilität ist selbst von einer Pandemie nicht aufzuhalten“

Joshua Miruka hat nach der „Rooney“ auch die „Messi“, sein zweites Boot, mit einem Cruise 4.0 T ausgestattet. „Wir denken, dass wir in naher Zukunft von Mbita aus bis zu 500 Fischer versorgen können“, sagt Laurens Friso. Weitere Miet- und Ladestationen rund um den See sollen folgen. Und langfristig auch Filialen auf anderen Kontinenten. „Ich hoffe, dass unser Modell in einigen Jahren nicht nur auf dem Viktoriasee funktioniert, sondern in aufstrebenden Märkten überall auf der Welt“, sagt Friso. „Zum Beispiel in inselreichen Ländern in Südostasien wie Indonesien oder auf den Philippinen.“

Ähnlich sieht man das bei Torqeedo. „Das Ziel ist es, in wenigen Jahren mehrere Tausend Elektroaußenborder auf dem See zu haben“, sagt Papadopoulos. „Ich gehe davon aus, dass 2040 kein einziger Benzinmotor mehr auf dem Viktoriasee im Einsatz sein wird.“ Der Vertriebsleiter hat bereits Anfragen von Geschäftsleuten aus Uganda und dem Senegal erhalten, die an dem Projekt interessiert sind. Aktuell stattet Torqeedo schon Fischer auf den Kapverdischen Inseln und in Südamerika mit vollelektrischen Motoren aus.

Der Fischer Joshua Miruka ist mittlerweile einer von acht Asobo-Mitarbeitern. Seine Aufgabe: Kundenakquise und Workshops mit Elektroaußenbordern. Im Frühsommer 2020 gingen die ersten Fischer mit Torqeedo Motoren auf Fangtour. Das Interesse der lokalen Community ist groß. Das Projekt läuft an, auch wenn natürlich die Corona-Pandemie für die eine oder andere Verzögerung sorgt.

Joshua Miruka ist aber absolut überzeugt von dem Projekt. Der Siegeszug der Elektromobilität ist selbst von einer Pandemie nicht aufzuhalten. „Wir müssen einfach geduldig sein“, sagt er am Telefon, „es wird immer weitergehen.“

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