Chinas Elektrifizierung der Schifffahrtsflotte Der erste grüne Hafenschlepper mit Hybridantrieb ist in Qingdao unterwegs

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

Mit innovativen Lösungen arbeitet China an der Dekarbonisierung seiner Schifffahrtsflotte. Vor einigen Tagen waren die Schlepper dran; jene hochmotorisierten Kraftprotze, die Ozeanriesen in die Häfen und wieder hinausbugsieren.

Der Wasserstoff-elektrische Schlepper „Qing Dian Tuo 1“ ist im Hafen von Qingdao in Betrieb genommen worden.(Bild:  CSSC Ship Electric Technology (Wuxi) Co., Ltd.)
Der Wasserstoff-elektrische Schlepper „Qing Dian Tuo 1“ ist im Hafen von Qingdao in Betrieb genommen worden.
(Bild: CSSC Ship Electric Technology (Wuxi) Co., Ltd.)

Am 26. Juni ist im Hafen von Qingdao der Wasserstoff-elektrische Schlepper „Qing Dian Tuo 1“ in Betrieb genommen worden. Das Schiff, das den Strom für seine zwei massiven E-Motoren sowohl aus Lithiumbatterien, als auch aus Brennstoffzellen ziehen kann, sei nicht nur das erste dieser Art in China, sondern „eine Weltneuheit“, berichtet die Zeitung „China Daily“. Rein äußerlich, aus einiger Entfernung, ist der Schlepper kaum von anderen Booten dieser Art zu unterscheiden. Das Schiff ist 39 Meter lang, 11 Meter breit, hat einen Tiefgang von 4,2 Metern und wiegt 167 Tonnen.

Erst im Maschinenraum wird klar, dass es sich um einen der ersten „grünen Schlepper“ Chinas handelt, der dank seines hybriden Antriebs völlig ohne fossile Treibstoffe auskommt. Das Boot werde ab jetzt im Vergleich zu herkömmlichen Schleppern jährlich 1.500 Tonnen an CO₂-Emissionen einsparen, schreibt sein Hersteller „CSSC Ship Electric Technology (Wuxi) Co., Ltd.“, in einer Presseerklärung.

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Leistung gefragt

Die flüssig-gekühlten Lithiumbatterien des Schiffes haben eine beachtliche Gesamtkapazität von mehr als 7838 kWh. Sie können am Hafenkai wieder aufgeladen werden. Zusätzlich hat man die mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellen an Bord. Es geht dabei weniger um mehr Reichweite, sondern um zusätzliche Leistung, wann immer diese benötigt wird. Gemeinsam powert dieser hybride Schiffsantrieb zwei elektrische Antriebsmotoren mit insgesamt 5.200 kW.

Das Boot fährt nicht nur emissionsfrei, sondern biete auch „signifikante Vorteile bei der Lärmkontrolle, der Lebensdauer der Ausrüstung und bei der Energie-Effizienz“, schreibt CSSC. Es könne geräuscharm und ohne Dieselwolke zwölf Stunden lang mit einer Geschwindigkeit von neun Knoten fahren, dabei eine Zugkraft von 82 Tonnen entfalten, teilt der Hersteller mit.

Diese Premiere des ersten Wasserstoff-elektrischen Schleppers ist aus zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen zeigt sie erneut, wie ernst es China damit ist, seine Schifffahrtsflotte in Etappen zu elektrifizieren oder mit anderen alternativen, grünen Antrieben auszurüsten. China ist bei der Erzeugung von alternativen Energien mit Solaranlagen, Windturbinen und anderen Technologien weltweit führend. Ferner stellt das Land einen strategisch wichtigen Hub für die globale Schifffahrt dar. Entsprechend ist diese Ernsthaftigkeit im Hinblick auf das Erreichen globaler Klimaziele keine Kleinigkeit.

Zum anderen ist der Schlepper in Qingdao ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig für China der Aufbau seiner Wasserstoff-Wirtschaft ist, die sukzessive in sämtlichen Industriebereichen vorangetrieben wird. Schon jetzt ist China mit großem Abstand der weltgrößte Markt für Wasserstoff. Trotzdem hat die nationale Energiebehörde in Peking im Juni einen neuen Plan veröffentlicht, mit dem landesweit die Produktion, die Infrastruktur und auch die konkrete Anwendung (Schlepper und andere Hafen-Infrastruktur sind da nur eines von unzähligen Beispielen) noch einmal massiv skaliert werden sollen.

Vollgas beim Wasserstoff

Ähnlich wie der grüne Schlepper in Qingdao wird es ab jetzt überall in der Volksrepublik noch mehr Pilotprojekte geben. Dazu gehören vielen großen Elektrolyse-Anlagen zur Wasserstoff-Produktion mit einer Kapazität von mindestens 100 MW. Zum Vergleich: Die derzeit größte Anlage dieser Art in Europa ist eine von der BASF in Deutschland betriebene Anlage mit 54 MW. Dazu kommen weitere Projekte für riesige Wasserstoff-Speicher und eben für industrielle Anwendungen aller Art, ob in Fabriken oder in Hafenbecken oder im Transport auf der Schiene oder der Straße.

Um Missverständnissen vorzubeugen: China setzt bei der Dekarbonisierung seiner Schiffsflotte natürlich nicht allein auf Wasserstoff oder Brennstoffzellen. Es wird mit Innovationen verschiedenster Art gearbeitet. Brennstoffzellen sind mit dabei, aber man versteift sich nicht auf eine einzelne oder einige wenige Technologien. So ist auf dem Chaohu-See im Osten Chinas beispielsweise seit Ende Juni dieses Jahres das erste zu 100 Prozent mit Ammoniak betriebene Boot unterwegs. Es hat einen Verbrennungsmotor, der nur mit NH3 auskommt und so erhebliche Emissionen von Kohlendioxid im Vergleich zu dieselbetriebenen Schiffsmotoren ermöglicht.

Ein weiteres Beispiel: In der Nähe von Shanghai laufen Pilotversuche, in denen das an Bord von großen Containerschiffen abgeschiedene Kohlendioxid weiterverwertet wird, wie das Fachportal Offshore Energy kürzlich berichtete. Das verflüssigte Kohlendioxid (LCO₂) wird von einem Pier in Zhoushan 2.000 Kilometer weit zu einem Stahlwerk in der Inneren Mongolei transportiert, wo es zur Herstellung von kohlenstoffarmem Calciumcarbonat verwendet wird, aus dem wiederum umweltfreundliche Baustoffe entstehen.

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Grünes Methanol

Eine essenzielle technologische Route zur Emissionsreduktion in Chinas Schifffahrt ist auch der Einsatz von grünem Methanol. Noch sind die meisten Containerschiffe und sonstigen Ozeanriesen der Erde mit Diesel unterwegs und viele davon werden in Chinas Werften gebaut. Doch bis 2050 schon könne der Einsatz traditioneller Kraftstoffe auf den Weltmeeren auf 15 Prozent fallen, während der Einsatz von Methanol auf 42 Prozent steigt, sagt die International Maritime Organisation (IMO) voraus. Auch in diesem Bereich positioniert sich China daher gerade als Anbieter neuer Technologien und testet sie selbst in Pilotprojekten.

Der Wasserstoff-elektrische Hafenschlepper in Qingdao ist wieder ein solches Pilotprojekt. Es soll erprobt werden, ob der Einsatz von Wasserstoff und Brennstoffzellen helfen kann, Häfen in ganz China und ihre Infrastruktur zu Land und im Hafenbecken umweltfreundlicher zu machen. Falls sich die „Qing Dian Tuo 1“ bewährt, wird es wohl bald in vielen der mehr als 2.000 kommerziellen Häfen Chinas ähnliche hybride Schlepper geben. Dann werden Chinas Werften auch ein weiteres, hervorragend für den Export geeignetes Produkt anzubieten haben. (sb)

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