Mikromobilität „Der Hotspot für E-Scooter ist nicht mehr das Stadtzentrum“

Der E-Scooter-Markt wird umkämpfter, erste Wettbewerber strichen in Deutschland zuletzt die Segel. Voi sieht sich derweil auf dem richtigen Weg. Nun gaben die Schweden Einblicke, wer wann und wie die Roller nutzt und wie man sich gegen die finanzstarke Konkurrenz behaupten will.

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Voi hat im vergangenen Jahr die Marke von einer Million Nutzer in Deutschland knapp verfehlt.
Voi hat im vergangenen Jahr die Marke von einer Million Nutzer in Deutschland knapp verfehlt.
(Bild: Voi)

Deutschland verzichtet für E-Scooter-Verleiher bislang weitgehend auf klare Spielregeln. Diese fehlende Regulierung hat in den letzten Jahren viel Anbieter auf den Markt gespült. Zuletzt waren erste Verwerfungen zu erkennen: Spin zog sich jüngst beispielsweise mit Verweis auf die mangelhaften rechtlichen Vorgaben aus dem deutschen Markt zurück.

Die Vermutung liegt nahe: In absehbarer Zeit werden im Mikromobilitätsgeschäft nur noch wenige Anbieter übrig bleiben, auch dort fressen die Großen die Kleinen. Einige Wettbewerber wie Lime, Bolt oder Dott sind mit jeder Menge Geld ausgestattet. Auch der Berliner Platzhirsch Tier Mobility hat großen finanziellen Spielraum und befindet sich seit einigen Monaten in einem exzessiven Kaufrausch.

Einen ähnlichen Weg könnte auch Voi einschlagen. Als Übernahmekandidat sieht sich der schwedische Anbieter nicht. Ein Vorgehen à la Tier sei für Voi „definitiv eine Option“, erklärte Deutschlandchef Stephan Boelte am Donnerstag vor Journalisten. Für das Wettrüsten in der Branche hat sich das Unternehmen im vergangenen Jahr rund 160 Millionen Dollar besorgt. Man beobachte den Markt genau, aktuell gebe es aber nichts Spruchreifes zu verkünden, so Boelte weiter.

Die Million steht für 2022 „auf dem Zettel“

Spruchreif sind dafür Vois Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Jahr 2021 in Deutschland. In den 17 Städten, in denen die Marke hierzulande derzeit aktiv ist, zählten die Schweden im zurückliegenden Jahr insgesamt 996.592 Nutzer. „Es hat leider noch nicht ganz für die Millionenmarke gereicht. Das haben wir aber für dieses Jahr auf dem Zettel“, sagte Boelte.

„Wir sehen in den ersten Monaten 2022 noch einmal eine stark gestiegene Nachfrage im Vergleich zu 2021“, freute sich der Deutschlandchef. Dennoch zeigte sich der Deutschlandchef auch mit dem Wachstum im vergangenen Jahr zufrieden: 2020 habe man hierzulande noch 495.380 Nutzer gezählt, der Wert hat sich binnen 12 Monaten also in etwa verdoppelt.

Auch die durchschnittliche Strecke, die Voi-Nutzer pro Fahrt mit einem E-Scooter hierzulande zurücklegen, ist weiter gestiegen. Von 1,6 Kilometern im Jahr 2019, über 1,7 Kilometern 2020 ist man nun bei 2 Kilometern im Mittel angekommen. Spitzenreiter und den deutschen Voi-Städten ist Bremen mit einer durchschnittlichen Fahrtlänge von 2,4 Kilometern, während Karlsruhe mit 1,5 Kilometern am Ende des Rankings liegt. Bei der insgesamt zurückgelegten Strecke liegt allerdings mit deutlichem Abstand Berlin ganz vorne. In den Spitzen-Zeiten Sommer legten die Nutzer dort pro Monat deutlich mehr als eine Million Kilometer zurück.

Dass Nutzer immer weitere Strecken auf den Rollern zurücklegen, führt Voi unter anderem darauf zurück, dass E-Scooter mehr und mehr kein reines Downtown-Phänomen mehr sind. „Wir sehen deutlich, dass sich die Fahrten in die Außenbezirke verlagern“, erklärte ein Sprecher. „Der heißeste Punkt ist nicht mehr die Innenstadt. In Frankfurt ist er beispielsweise zehn Kilometer vom Zentrum entfernt. Die meisten Fahrten starten und enden an ÖPNV-Haltestellen.“

„Hochgerechnet haben wir im letzten Jahr drei Millionen Autofahrten ersetzt“

Etwa 49 Prozent der Nutzer kombinieren einer Voi-Umfrage zufolge ihre Trips mit dem E-Scooter mit einer Fahrt mit einem ÖPNV-Angebot. 15 Prozent gaben an, mit ihrer letzten Rollerfahrt eine Autofahrt ersetzt zu haben. „Hochgerechnet haben wir damit im letzten Jahr drei Millionen Autofahrten hierzulande ersetzt“, sagte Stephan Boelte.

Am häufigsten greifen Kunden zu den klassischen Pendelzeiten vormittags und am späten Nachmittag bzw. frühen Abend auf E-Scooter zurück. Rund die Hälfte aller Fahrten bei Voi entfällt auf diese Tageszeiten. „Das zeigt, dass viele Nutzer die E-Scooter in ihr tägliches Pendeln zur Arbeit oder in die Schule einbinden“, meint Boelte. Das Durchschnittsalter der Voi-Kunden liegt bei 25 Jahren.

Alles in allem haben die genannten Zahlen laut Stephan Boelte für Voi ausgereicht, um in Deutschland insgesamt profitabel zu arbeiten. Gerade in den warmen Monaten zwischen Mai und Oktober mache man gute Geschäfte, während ansonsten die Zahl der aktiven Nutzer aufgrund schlechterer Witterungsbedingungen stark nachlässt. Wie viel Voi verdient, wollte der Manager am Donnerstag nicht verraten.

In den kommenden Monaten geht es für die Schweden wie auch für die gesamte Branche nun darum, die Akzeptanz des eigenen Angebots weiter zu steigern. Falsch abgestellte Roller und rücksichtslose Fahrer haben das Image der Scooter bereits beschädigt, in Städten wie Köln wurde deshalb beispielsweise über Verbote diskutiert.

Voi will dem mit verschiedenen Maßnahmen entgegenwirken. Beispielsweise will der Anbieter Nutzer belohnen, die die von ihnen genutzten Roller ordnungsgemäß abstellen. Wer das Gegenteil tut, muss dagegen mit Strafen rechnen, falls er erwischt wird. Die Sanktionen reichen von Bußgeldern bis zu 25 Euro bis hin zu Konto-Sperrungen. Parkstationen, incentivierte Parkzonen sowie Parkverbotszonen sollen daneben helfen, die Rollerfahrer zur ordnungsgemäßen Nutzung zu erziehen.

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