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Das iPhone wird zum Autoschlüssel: Neue Chancen und neue Abhängigkeiten

| Autor / Redakteur: Alyssa Altman / Benjamin Kirchbeck

Auf der Worldwide Developers Conference (WWDC) kündigte Apple kürzlich an, dass man sein Auto dank der neuen CarKey-Funktion nun bald mit dem iPhone öffnen und starten könne. Das ist per se nicht neu und doch scheint Apple wieder einmal vieles besser zu machen.

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Mit dem Digital Key für das iPhone können Kunden ihren BMW durch einfaches Halten des iPhones an den Türgriff entriegeln und verriegeln und den Motor starten, indem sie das iPhone im Smartphone-Fach ablegen und den Startknopf drücken.
Mit dem Digital Key für das iPhone können Kunden ihren BMW durch einfaches Halten des iPhones an den Türgriff entriegeln und verriegeln und den Motor starten, indem sie das iPhone im Smartphone-Fach ablegen und den Startknopf drücken.
(Bild: BMW)

BMW ist der erste Hersteller, dessen Fahrzeuge sich mit mit Apples CarKey-Funktion auf- und zusperren sowie starten lassen. Der iPhone-Schlüssel funktioniert nicht nur mit dem neuen 5er-BMW, sondern soll mit fast allen Fahrzeugen kompatibel sein, die ab dem 1. Juli 2020 gebaut werden. Ausnahmen gibt es bei der 7er-Reihe sowie bei X1, X2, X3 und X4. Zudem benötigt man ein unterstütztes iPhone. CarKey funktioniert ab den iPhone-Modellen XR und XS vom Herbst 2018 – und mit allen danach erschienenen Apple-Smartphones.

Apples Wunsch, im Automobilsektor Fuß zu fassen, ist kein Geheimnis. Ein selbstentwickeltes Fahrzeug des Technologieunternehmens, über das bereits viel spekuliert wurde, ist aber nicht in Sicht. Stattdessen ist es dem Unternehmen gelungen, seine Technologie Schritt für Schritt in den Fahrzeugmodellen anderer Hersteller zu etablieren. Laut Apple ist das CarPlay-Infotainment-System bereits in 97 Prozent aller Neuwagen verfügbar.

Nun also soll das iPhone den Autoschlüssel ersetzen. Durch diesen subtilen und strategisch klugen Schachzug dringt Apple weiter in unser tägliches Leben vor – und schafft neue Abhängigkeiten. Der Autoschlüssel ist über 100 Jahre alt – und damit schon fast ein Relikt aus der Vergangenheit. Es gilt also, diesen unzeitgemäßen Gebrauchsgegenstand für die digitale Ära neu zu erfinden. Eine Disziplin, die Apple bekanntlich beherrscht wie keine andere Marke. Dem Tech-Giganten ist es immer wieder gelungen, Entwicklungen zu etablieren, von denen wir überhaupt nicht wussten, dass wir sie brauchen.

Nicht neu, aber besser

Digitale Autoschlüssel sind allerdings nichts Neues. Viele Autohersteller bieten bereits ähnliche Funktionalitäten. So lassen sich Teslas mit der zugehörigen App öffnen. Beim Polestar 2, dem vollelektrischen Modell der Volvo-Tochter, erfolgt das Entriegeln ebenfalls berührungslos. Das Smartphone wird vom Fahrzeug aus zehn Metern Entfernung erkannt und das Auto schrittweise zum Leben erweckt. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass diese Funktionalitäten nicht direkt in Apples Betriebssysteme eingebettet sind. Denn das bietet einige Vorteile.

Apples CarKey-Feature ist Teil des neuen Betriebssystems iOS 14 und nutzt die NFC-Technologie (Near Field Communication), die es Geräten ermöglicht, Daten drahtlos auszutauschen, wenn sie wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Das Fahrzeug selbst muss daher NFC-kompatibel sein. Der CarKey wird im Apple Wallet abgelegt. Als Sicherheitsebene lassen sich die Face- oder Touch-ID-Authentifizierung hinzufügen. Dies ist eine kluge Schutzmaßnahme, um eine Welle von gleichzeitig gestohlenen Telefonen und Autos zu vermeiden. Für die Einrichtung des Apple CarKeys werden die Sonderausstattungen Komfortzugang (SA 322) und Connected Drive Services (SA 6AE) sowie die iOS-App BMW Connected benötigt.

Das lästige Schlüssel-Suchen ist Geschichte

Nutzer können ihren digitalen Autoschlüssel über iMessage auch mit zusätzlichen Fahrern teilen. Diese Funktionalität macht die gemeinsame Fahrzeugnutzung im Vergleich zum Austausch eines physischen Schlüssels wesentlich unkomplizierter. Durch das Einrichten individueller Fahrerprofile lässt sich zudem beschränken, wie lange Freunde und Familie Zugang zum Auto haben. Auch hier gilt: Solange sie ein unterstütztes iPhone besitzen. iOS 14 ermöglicht es zudem, mehrere digitale CarKeys im zentralen Wallet aufzubewahren.

Apple setzt aber nicht nur auf die bewährte NFC-Technologie. Angeblich arbeitet das Unternehmen parallel an einem industrieweiten Standard, der seinen neuen U1-Ultrabreitband-Chip verwendet. Dadurch soll die Entriegelung aus größeren Entfernungen möglich werden und es wird überflüssig, das Smartphone aus der Tasche zu nehmen und an das Fahrzeug zu halten. Digitale Schlüssel sind ein bequemer Ersatz für den traditionellen Autoschlüssel und kreieren den fortgeschrittenen Grad an Personalisierung, der nötig ist, um Carsharing mit Freunden und Familienmitgliedern sowie weitere Funktionen zu ermöglichen, die unser mobiles Leben komfortabler machen. Die Autos von morgen werden sich an die Fahrer anpassen – nicht umgekehrt. Auch wenn es erst einmal nicht bahnbrechend klingt, wird sich der Apple CarKey als wirklich nützliches Feature herausstellen – vor allem dann, wenn auch Fahrzeuge weiterer Autobauer unterstützt werden.

Potenzial für mehr

Unser Alltag wird immer stärker durch die Nutzung mobiler Geräte geprägt. Alle Autohersteller arbeiten an Apps, mit denen sich Fahrzeugfunktionen steuern lassen – vom Heizen bis zum Abtauen, von der Musiksteuerung bis zur Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Möglichkeiten gehen weit über die individuelle Fahrzeugnutzung hinaus. Die Technologien bieten großes Potenzial für Carsharing- und Firmenwagenprogramme. Auch wenn es bisher kein Zeichen für ein vollwertiges Apple-Auto gibt, sollte man die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht kommt es eben nur nicht in der Form, wie wir es uns ursprünglich vorgestellt haben. Also Augen offen halten.

* Alyssa Altman leitet beim Beratungshaus Publicis Sapient das Transportation- & Mobility-Business in Nordamerika.

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