Über das Software-definierte Fahrzeug hinaus China: Die Zukunft des Autos ist „ki-nativ“

Von Henrik Bork 7 min Lesedauer

Während chinesische Hersteller ein „KI-definiertes Auto“ nach dem anderen vorstellen, stellt sich vor allem die Frage, was das überhaupt ist. Darüber wird in der chinesischen Autoindustrie gerade lebhaft diskutiert. Prototypen und erste Serienmodelle zeugen von unterschiedlichen Konzepten, wie künstliche Intelligenz das Design der Fahrzeuge, das Fahrerlebnis und sogar die Autobauer selbst verändern soll.

Ist der Roewe Jiayue 07 weltweit das erste KI-native Serienauto? So bezeichnete das Fahrzeug zumindest sein Hersteller SAIC. ((Schmuckbild)  (Bild:  KI-generiert)
Ist der Roewe Jiayue 07 weltweit das erste KI-native Serienauto? So bezeichnete das Fahrzeug zumindest sein Hersteller SAIC. ((Schmuckbild)
(Bild: KI-generiert)

Am 23. Oktober ist der „Roewe Jiayue 07“ auf den Markt gekommen und sein Hersteller SAIC bezeichnet ihn werbewirksam als „weltweit erstes KI-natives Serienauto“, berichtet das chinesische Autoportal Gasgoo. „KI-nativ“ darf man in diesem Zusammenhang als „durch und durch KI-definiert“ verstehen.

In den vergangenen zwei Jahren hatten zuerst die großen Sprachmodelle (LLM) und Chatbots Einzug in die Cockpits von dutzenden Herstellern gehalten. Mehr oder weniger intelligente Chats und das Steuern der Klimaanlage oder Verstellen der Sitze per Sprachbefehl wurden anfangs als beeindruckende Errungenschaften der KI gefeiert. Alle sind sich einig, dass das inzwischen längst nicht mehr reicht.

KI in die die Definition der Fahrzeugarchitektur einbinden

KI ist auf dem Weg aus der virtuellen, sprachbasierenden Welt in die direkte Kollaboration mit der Hardware und aus dem Cockpit in das Chassis. Sie steuert nicht mehr nur einzelne Funktionen des Fahrzeugs, sondern ganze Aktionsketten vom Sprachbefehl des Fahrers bis zu seiner Ausführung auf der Straße. Was das in der Praxis bedeutet, zeigt der neue EREV „Roewe Jiayue 07“ des chinesischen Autobauers SAIC. Die Intelligenz des Autos stammt von Volcano Engine, der Technologiesparte des Tiktok-Konzerns Bytedance.

„Halte etwas mehr Abstand zu dem Auto neben uns“, kann ein Fahrer jetzt zum Beispiel einfach sagen. Der Wagen führt den Befehl dann selbstständig aus. Das werde möglich, wenn nicht mehr nur einzelne KI-Funktionen auf bestehende Fahrzeugarchitekturen aufgepfropft werden, sondern wenn „die KI zum zentralen Punkt der Interaktion im KI-nativen Fahrzeug werde“, wie sich Qian Yang, Geschäftsführer bei SAIC Roewe gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Caijing äußerte.

Die KI muss dafür von Anfang an in die Definition der Fahrzeugarchitektur eingebunden werden. Sie wird dann nicht mehr wie beim Software-definierten Fahren zum Befolgen starrer, deterministischer Regeln genutzt. Vielmehr interpretiert sie die Intention des Fahrers mithilfe von KI-Inferenz und innerhalb klar definierter Grenzen. Meng Chao, der das „Zentrum für Intelligente Software“ der Pkw-Sparte von SAIC Motor leitet, verdeutlichte das im September auf einem Industrieforum zum Thema KI-definiertes Fahren mit einem anschaulichen Beispiel.

Es ist Nacht, es regnet und auf dem Rücksitz schläft ein Kind. Der Fahrer oder die Fahrerin sagt: „Lass uns leise sein, finde eine Apotheke, die offen ist und sag mir, wenn wir fast da sind.“ Momentan müsste man dafür selbst nach einer Apotheke suchen, die Adresse im Navi eintippen, die Musik ausschalten und selbst aufpassen, wann es Zeit für die Suche nach einem Parkplatz ist.

In dem neuen System würden nun ein paar Bemerkungen ausreichen. Ein KI-Assistent könnte dann vom Cockpit aus die Orchestrierung der Hardware des Fahrzeugs und anderer Online-Dienste übernehmen, hieß es. „Ein KI-natives System versteht das Ziel ‚Medikamente kaufen‘ und berücksichtigt dabei die Vorgaben ‚das Kind nicht wecken, Umwege minimieren und vor der Ankunft erinnern‘. Es koordiniert daraufhin Navigation, Innenraumfunktionen, Fahrzeugsteuerung und angebundene Dienste und passt die Planung laufend an, wenn sich die äußeren Bedingungen ändern“, beschreibt Gasgoo die schöne neue Welt des Autofahrens, die es demnächst zu kaufen gibt.

Neue Anforderungen benötigen neue Hardware

Unterwegs erkennen Sensoren Unebenheiten auf der Straße und passen schon im Vorfeld die Federung des „KI-kontrollierten mCDC-Komfortchassis“ des Roewe Jiayue 07 entsprechend an. Warum nur „07“ und nicht „007“ ist ein Geheimnis der Hersteller. Eine Null mehr im Namen und das Auto wäre vermutlich gut genug für James Bond. „Unter einem KI-Auto verstehen wir nicht einfach ein mit KI ausgestattetes Fahrzeug, sondern eine neue Form physischer KI“, wird Yang Liwei, Vizepräsident von Volcano Engine, von Caijing zitiert. Der Fokus verschiebe sich von den verwendeten KI-Modellen zu der Frage, welche Funktionen für die Fahrer wirklich nützlich sind.

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Für die neuen Anforderungen wird neue Hardware gebraucht. Die Rechenleistung in Billionen Operationen pro Sekunde (TOPS) allein genüge als Maßstab für die Leistung der Autochips nicht mehr, sagte Meng Chao. Ebenso wichtig seien Speicherbandbreite, die effiziente Übersetzung der Modelle für die Chips, deren Auslastung und technische Verlässlichkeit, die unter anderem von ihrer thermischen Stabilität abhängt.

Im Roewe Jiayue 07 läuft das KI-Weltmodell R7 von Momenta auf Chips der Serie XHEART X7 von Xinxin Hangtu, das nicht nur Fahrassistenzfunktionen im Stadtverkehr und auf Autobahnen bietet, sondern beim automatischen Einparken nach Angaben der Hersteller auch zwischen 300 verschiedenen Parkplatztypen unterscheiden kann. Das mit Lidar und 4D-Millimeter-Radar sowie 12 Ultraschallsensoren und 11 hochauflösenden Kameras hochgerüstete Auto ist damit als SUV in der Preisklasse unter 150.000 Yuan, was rund 20.000 Euro entspricht, nicht teuer. Ihren Anspruch, das erste „KI-native Auto in Serie“ zu bauen, begründen SAIC und Volcano Engine in ihren eigenen Worten beim Launch des Autos damit, als erste den Sprung von „KI auf dem Bildschirm“ zur „KI am Steuer“ vollzogen zu haben.

AI-first-Entwickler statt Autobauer

Da würden vermutlich eine ganze Reihe anderer Autohersteller in China widersprechen. Fast alle arbeiten daran, KI zu integrieren. BYD setzt auf seine Xuanji-Architektur und große Stückzahlen, um intelligente Technik breiter verfügbar zu machen. Geely entwickelt mit StepFun den Agenten „Super Eva“, der ebenfalls Sprachbefehle ausführen kann. Great Wall Motor hat sich ein KI-Labor gebaut. Die etablierten Hersteller wollen Fahrassistenz, Cockpit und Antrieb enger integrieren, beschreibt Caijing den allgemein vorherrschenden Trend.

Andere Firmen in China positionieren sich schon seit einiger Zeit radikal als „AI first“-Entwickler, nicht mehr als Autobauer. Xpeng etwa, der Partner von VW in China, bezeichnet sich als globales Unternehmen für verkörperte Intelligenz und sucht nach den Synergien zwischen dem autonomen Fahren und der Robotik, weil die KI beides kann. „Heutige Autounternehmen müssen KI-Unternehmen werden“, hatte auch Nio-Gründer Li Bin im Juni dieses Jahres erklärt, wie Caijing berichtete.

Startups, die sich in diesem Umfeld eines technologischen Wettbewerbs auf Steroiden behaupten wollen, versuchen das mit noch gewagteren Konzepten beim Thema KI-definiertes Fahren. „Aiva“, eine neue Elektromarke des Herstellers Saidou Technology, hat sich selbst das Motto „KI an erster, Auto an zweiter Stelle“ gegeben.

Saidou Technology hieß früher Landian Technology und gehört heute zu 32,96 Prozent dem erfolgreichen Autohersteller Seres (unter anderem „Aito“), dem weltgrößten Batteriehersteller CATL (rund 9,89 Prozent) und einem Staatsbetrieb als größtem Aktionär. Gebaut wird das Auto in der „Phoenix-Fabrik“ von Seres im Stadtbezirk Shapingba von Chongqing.

Dieses Power-Konsortium hat auf der Pariser Modewoche im September einen Prototyp seines „AIVA ME7“ vorgestellt. Sein KI-Konzept lautet „2 + 22“. Die zwei Stunden am Tag, die ein Autobesitzer durchschnittlich in seinem Wagen verbringt, werden über einen KI-Agenten und ein tragbares Armband mit den übrigen 22 Stunden außerhalb des Autos verknüpft. „In diesem Konzept ist ein Auto nicht länger ein isoliertes Gerät, das auf Anweisungen wartet, sondern ein Raum, in dem KI kontinuierlich den Nutzer versteht, ihm dienen und Aufgaben ausführen kann“, beschreibt das chinesische Online-Portal Wandian die neue Idee.

Ein konkretes Beispiel ist der Wochenendausflug. Der Fahrer kann unter der Woche außerhalb des Autos die Idee kommunizieren, am Samstag aufs Land zu fahren. Das Auto, über ein Armband oder ein Handy mit im „Loop“, ist über die Pläne informiert. Es weiß, wer mitfährt, ob es zum Wandern oder in ein Restaurant gehen soll. Es schlägt schon mal Ziele in geeigneten Entfernungen vor und arbeitet die Routen aus. Wenn die Familie am Samstag einsteigt, genügt eine kurze Bestätigung und es geht los.

Um solche Konzepte technisch umzusetzen, muss die KI von Anfang an im Design eines neuen Fahrzeugs mitgedacht werden. Wenn alles funktioniert, verändern sie das Verhältnis zwischen Mensch und (rollender) Maschine. Das Auto wird zu einem „Companion“, der proaktiv Situationen erkennt, Handlungen ausführen und dabei kontinuierlich weiterlernen kann.

KI-natives Fahren ist die Zukunft

Wie viel Autonomie und wie viele Daten die Käufer bereit sein werden, an KI-Agenten und „KI-native Autos“ abzutreten, bleibt abzuwarten. Auch darüber wird in China viel diskutiert. „Hinter dieser Aufbruchstimmung verbirgt sich jedoch ein tieferer Widerspruch. Die Branche richtet ihre Strategie für intelligentes Fahren auf eine immer umfassendere Vision aus. Beim grundlegenden Thema des Nutzervertrauens bleiben vergleichbare Fortschritte bislang jedoch aus“, kommentiert Caijing. Die Autoindustrie erkläre begeistert, das Auto sei ein „Zugang zu physischer KI“, eile damit bisweilen dem Sicherheitsgefühl der Nutzer etwas voraus.

Vor dem Hintergrund des scharfen Wettbewerbs auf dem chinesischen Automarkt ist es unvermeidlich, dass die Autobauer hier wesentlich schneller und gewagter an die Integration von KI herangehen als im vergleichsweise vorsichtigen Europa. Das wesentliche Alleinstellungsmerkmal (USP), das über den Erfolg oder Misserfolg in der Branche entscheidet, ist von der Elektrifizierung (Batterie, E-Antrieb) über die Navigation und Fahrassistenz inzwischen weiter zur systemweiten Integration von künstlicher Intelligenz gewandert.

Welche KI-Konzepte sich genau durchsetzen werden, mag umstritten sein. Dass „KI-natives Fahren“ in der einen oder anderen Form die Mobilität der Zukunft definieren wird, ist jedoch schon klar. (se)

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