Wie verändert die Digitalisierung das Geschäftsmodell der Autobauer?

Autor / Redakteur: Peter Weidenhammer / Benjamin Kirchbeck

Im Interview geben zwei Porsche-Experten Einblicke in die digitalen Technologien in der Automobilentwicklung, sprechen über erweiterte Funktionen für ein optimales Kundenerlebnis und wie sich die digitale Produktwelt entwickeln wird.

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Dr. Rolf Zöller und Joachim Bischoff (l-r) im Porsche-Elektrik-Integrationszentrum.
Dr. Rolf Zöller und Joachim Bischoff (l-r) im Porsche-Elektrik-Integrationszentrum.
(Bild: Steffen Jahn/ Porsche)

Welche Einflüsse hat die Digitalisierung auf die Automobilbranche, was verändert sich für die Kunden und welche Sicherheitsaspekte gilt es zukünftig zu beachten? Im Interview geben Dr. Rolf Zöller, Leiter Elektrik-Elektronik-Entwicklung bei der Volkswagen AG, und Joachim Bischoff, Leiter Fachbereich Digitalisierung bei Porsche Engineering, Antwort.

Die Digitalisierung ist in aller Munde – was verstehen Sie darunter?

Dr. Rolf Zöller:Digitalisierung ist im Fahrzeug längst Alltag, schon seit den Neunzigerjahren. Heute sind fast ausschließlich digital rechnende und vernetzte Systeme an Bord. Neu ist, dass sich das Fahrzeug nun auch mit der Außenwelt verbindet. Das ist die Digitalisierung, von der heutzutage häufig gesprochen wird und die der Kunde erlebt. Unser Ziel ist es, den Kunden in seinem digitalen Lebensstil abzuholen, mitzunehmen und einen sinnvollen Beitrag durch unser Produkt zu leisten.

Joachim Bischoff:Im Kern ist die heutige Digitalisierung davon gekennzeichnet, dass Übertragungsraten sowie Rechenleistungen massiv zunehmen, Speicherkapazitäten immer größer und Chips immer kleiner werden. Sie ermöglichen erst die Dienste, die wir unter Digitalisierung verstehen.

Betrifft die Digitalisierung dann nur die Wahrnehmung durch den Kunden?

Dr. Rolf Zöller:Neben der vom Kunden wahrgenommenen Digitalisierung existieren auch grundlegende Einflüsse auf unser Unternehmen und unsere Prozesse. Wir müssen die Digitalisierung in unseren Entwicklungsprozessen beherzigen und uns mehr an der Softwareindustrie orientieren, wir müssen unsere Geschwindigkeiten anpassen und wir müssen weiterdenken – über das bisherige Fahrzeug hinaus. Daraus ergibt sich dann das vom Kunden wahrgenommene digitale Gesamterlebnis.

Joachim Bischoff:Genau diese beiden internen und externen Komponenten sind essenziell für den zukünftigen Erfolg: digitale interne Prozesse, die eine einzigartige externe Customer User Experience ermöglichen.

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Dr. Rolf Zöller

Nachdem er das Studium der Elektrotechnik und Physik an der Berufsakademie Mannheim und der Technischen Universität Darmstadt mit einer Promotion über numerische Modellbildung beendet hatte, arbeitete Dr. Zöller für mehr als zehn Jahre bei der Carl Schenck AG in der Softwareentwicklung mechatronischer Systeme. Von 1998 bis 2001 leitete er die Softwareentwicklung für High-End- Multimediasysteme bei Siemens VDO. Im Jahr 2001 kam Dr. Zöller als Leiter des Softwarebereichs in der Elektronikentwicklung zu Porsche und verantwortete später die Bereiche Infotainment, Connected Car, HMI und Softwareentwicklung. Seit August 2017 ist er Leiter Elektrik-Elektronik-Entwicklung bei der Volkswagen AG.

Joachim Bischoff

Nach seinem Studium der Nachrichtentechnik an der Fachhochschule in Karlsruhe fand Joachim Bischoff seinen Einstieg ins Berufsleben als Softwareentwickler bei Nokia in Pforzheim. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre lang bei Harman Becker in verschiedenen Funktionen – zu Beginn als Leiter Softwareentwicklung bis hin zum Vice President Product Development. Im Jahr 2010 kam Bischoff als Leiter der Fachdisziplin Systementwicklung zu Porsche Engineering und verantwortet hier seit August 2016 den Fachbereich Digitalisierung.

Wie gut ist die Fahrzeugindustrie auf diese Veränderungen vorbereitet?

Dr. Rolf Zöller:Tatsächlich ist die Branche besser auf die Situation eingestellt als üblicherweise angenommen oder teilweise auch in den Medien kommuniziert wird. Die Fahrzeugentwicklung bedient sich schon lange unterschiedlichster digitaler Prozesse, denkt man nur einmal an die numerische Simulation. Unter dem Blech und in der Entwicklung ist das Fahrzeug schon längst digital, das wird aber vom Kunden nicht immer als Digitalisierung wahrgenommen.

Joachim Bischoff:Die Komplexität, die man seit bereits etwa zehn Jahren im Fahrzeug findet, ist enorm. Beispiel Multimediasystem. Hier haben wir schon lange die Vernetzung verschiedener Funktionen vorliegen. Hinzu kommt die Fähigkeit, solche komplexen Systeme in die Fahrzeugumgebung zu integrieren, in der auch Fahrzeugfunktionen wie eine Antriebssteuerung vorhanden sind. Da kann man sich also die Frage stellen: Tut sich ein Softwareunternehmen wohl leichter, ein Auto zu bauen, oder ein Automobilhersteller, Software zu entwickeln?

Dr. Rolf Zöller:Wirklich neu ist, dass wir über das Fahrzeug hinaus agieren, dass wir mit anderen Playern konkurrieren und neuen Anforderungen gerecht werden müssen. Früher bestand der Wettbewerb aus anderen Fahrzeugherstellern. Heute kann der Konkurrent ein IT-Unternehmen sein und die Kunden werden Funktionen im Fahrzeug erwarten, die ein Start-up innerhalb kürzester Zeit auf den Markt gebracht hat.

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