Lynk & Co „Viele unserer Kunden haben noch nie ein neues Auto gekauft“

Autor: Andreas Wehner

Mit Lynk & Co wagt sich eine neue Marke aus der Deckung, deren Kunden Autos über eine Mitgliedschaft nutzen und mit Freunden teilen sollen. CEO Alain Visser beschreibt die Strategie; und warum er trotz des radikalen, neuen Konzepts zum Start auf Autos mit Verbrennungsmotor setzt.

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Alain Visser ist CEO von Lynk & Co..
Alain Visser ist CEO von Lynk & Co..
(Bild: Lynk & Co.)

Herr Visser, Sie haben in Deutschland schon mehrere tausend Bestellungen für ihr erstes Modell, den Lynk & Co 01 gesammelt, obwohl Sie noch keinen Standort hier haben und auch sonst recht leise sind. Wann starten Sie durch?

Der erste Club wird im Sommer in Berlin öffnen. Dort wollen wir zweimal pro Woche Events veranstalten. Außerdem haben wir temporäre Pop-up-Stores in München, Düsseldorf und Hamburg geplant. Ende Mai haben wir außerdem unsere Städtetour in Stockholm gestartet. Hier sind wir mit Container-Kits unterwegs, die immer ein bis zwei Wochen an einem Ort sind. Damit kommen wir auch nach Deutschland.

Die Mitgliedschaft bei Lynk & Co soll mehr bieten als nur das Auto. Was denn genau?

Wir wollen keine Autos verkaufen, sondern Mobilität anbieten. Dazu gehört, dass Nutzer die Fahrzeuge unkompliziert mit anderen teilen können. Hinzu kommen die diversen Veranstaltungen in unseren Clubs und Pop-up-Stores. Und sobald das wieder möglich ist, wollen wir unsere Mitglieder zu kulturellen Veranstaltungen einladen: zu Musikfestivals, zu Ausstellungen, zu Neueröffnungen von Restaurants und solchen Dingen. Wir wollen eine Community etablieren, die sich auf bestimmten Veranstaltungen regelmäßig trifft.

Viele unserer Kunden haben noch nie ein neues Auto gekauft, sagen aber jetzt: Unter diesen Voraussetzungen will ich auch ein Auto haben.

Wer ist denn Ihre Zielgruppe?

Das sind vor allem Menschen, die eine bestimmte Einstellung haben und damit verbunden eine gewisse Vorstellung von Mobilität. Sie wollen ein Auto fahren, wenn sie es brauchen, aber nicht notwendigerweise eins besitzen. Sie wollen nicht mehr das Gleiche, das sie jetzt über 100 Jahre lang von der Autoindustrie bekommen haben, sondern etwas komplett Anderes. Viele unserer Kunden haben noch nie ein neues Auto gekauft und würden das vielleicht auch nicht tun, sagen aber jetzt: „Unter diesen Voraussetzungen will ich auch ein Auto haben.“ Das ist letztlich keine Frage des Alters. Das sind nicht nur junge Leute. Dennoch sehen wir, dass unsere bisherigen Kunden im Durchschnitt jünger sind als die Kunden der klassischen Autoindustrie.

Wie groß ist die Zielgruppe für Ihr Geschäftsmodell? Viele Menschen in Europa sind beim Auto doch sehr konservativ und wollen klassisch zum Autohändler gehen und dort kaufen.

Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der europäischen Autokäufer bereit sind, etwas komplett anderes zu tun als einfach ein Auto zu kaufen. Unsere mittelfristigen Ziele basieren darauf, davon zehn Prozent zu erreichen. Es ist also genügend Potenzial für uns vorhanden. Natürlich ist uns bewusst, dass das, was heute neu und angesagt ist, in fünf Jahren bereits uninteressant sein kann. Daher müssen wir unser Geschäftsmodell konstant prüfen und anpassen. Aktuell gehen wir den ersten Schritt, aber Schritt zwei und drei haben wir natürlich schon im Hinterkopf.

Lynk & Co 01: Das All-inklusive-Auto
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Warum setzen Sie auf elektrifizierte Verbrenner und nicht auf ein reines Elektroauto?

Wir bieten nur ein Modell an, und da ist das Elektroauto noch nicht die richtige Wahl. Die Ladeinfrastruktur in Europa ist noch nicht ausreichend. Unser Konzept sieht vor, dass alles einfach und unkompliziert funktioniert. Das können wir mit einem Elektroauto derzeit nicht gewährleisten. Das wird sich aber ändern. Deswegen gehe ich davon aus, dass unser nächstes Modell ein vollelektrisches Auto sein wird.

Können Sie uns schon mehr darüber verraten?

Es wird 02 heißen (lacht). Nein, ich kann noch keine Details nennen.

Wann kommt es?

Das kann ich auch noch nicht sagen, aber nicht vor 2023.

In China bieten Sie ja bereits deutlich mehr Modelle an. Wie soll Ihr Angebot in Europa mittelfristig aussehen?

Nicht viel anders als jetzt. Wir werden nie mehr als drei Modelle haben, vielleicht sogar nur zwei. Und wir werden immer ein sehr einfaches Angebot haben – sowohl was die Motorisierung als auch was die Ausstattung angeht. Unser Konzept heißt: keine Optionen. So haben wir die Möglichkeit, unsere Fahrzeuge direkt und ohne Wartezeit vom Lager auszuliefern. Das klappt aktuell noch nicht. Wie viele andere kämpfen auch wir mit dem Problem der fehlenden Elektronikchips. Daher müssen unsere Kunden derzeit deutlich länger auf ihre Autos warten als ursprünglich geplant. Das wird aber künftig funktionieren.

Sie bieten auch Lifestyle-Produkte an, man kann die Möbel in Ihren Clubs kaufen und so weiter. Wie groß ist der Anteil des Geschäfts um das Auto herum?

Wir sind gespannt, wie groß die Nachfrage nach solchen Dingen sein wird. Ein gewisses Potenzial existiert da sicher. Aber in unserem Geschäftsmodell spielt das nur eine kleine Rolle. Für die Etablierung unserer Marke sind solche Dinge dagegen sehr wichtig. Wir können so deutlich zeigen, dass wir eben keine klassische Automobilmarke sind.

Wie sieht es denn mit dem klassischen Kfz-Zubehör aus? Fahrradträger, Dachkoffer, Anhängerkupplung – Dinge, die ein Kunden braucht, wenn er zum Beispiel in den Urlaub fahren will. Bieten Sie das an?

Ja. Aber wie schon bei unseren Fahrzeugen ist die Auswahl sehr klein. Unser Geschäftsmodell basiert darauf, dass das Angebot super einfach ist. Das halten wir hier auch so.

Wo sehen Sie Lynk & Co in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

Wir wünschen uns, dass man Lynk & Co in einigen Jahren für die Autoindustrie als das wahrnehmen wird , was Uber für das Taxigeschäft ist oder Airbnb für die Hotelindustrie. Wir wollen die Autoindustrie auf den Kopf stellen.

Wer ist Lynk & Co?

Das chinesisch-schwedische Unternehmen Lynk & Co versteht sich selbst als Mobilitätsanbieter, nicht als Automobilhersteller. Sein erstes Auto „01“ kommt mit einem auf den ersten Blick recht radikalen Konzept: Zwar verkauft das Unternehmen die Autos auch, das Hauptgeschäft sollen aber Mitgliedschaften sein. Kunden zahlen 500 Euro im Monat und können dafür ein Auto selbst nutzen; und an Freunde, Kollegen oder fremde Menschen verleihen – und so ihre monatlichen Kosten senken. Die technischen Voraussetzungen für dieses Carsharing-Konzept liefert Lynk & Co.. Wer sein Auto nicht mehr braucht, kann kurzfristig kündigen.
In Deutschland verzeichnete das Unternehmen Ende Mai bereits mehrere tausend Mitglieder. Dabei machte Lynk & Co bislang hierzulande kaum Werbung. Autohäuser soll es nicht geben, stattdessen setzt das Unternehmen neben Lifestyle-Stores in großen Städten, sogenannten Clubs, vor allem auf Online-Kommunikation. Lynk & Co ist eine Marke des chinesischen Geely-Konzerns, zu dem unter anderem auch der schwedische Autohersteller Volvo gehört.

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Redakteur Newsdesk Automotive