Studie So könnten in Hamburg 15 Millionen Auto-Kilometer pro Woche eingespart werden

Hamburg liegt aktuell bundesweit auf Platz drei der staureichsten Städte. Was dagegen tun? Eine Studie zeigt nun, mit welchen Maßnahmen eine Verkehrswende in der Hansestadt möglich sein könnte.

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Das KIT und die TU München haben die Nutzerstruktur von Moia unter die Lupe genommen und Zukunftsszenarien entworfen.
Das KIT und die TU München haben die Nutzerstruktur von Moia unter die Lupe genommen und Zukunftsszenarien entworfen.
(Bild: Moia)

Über eine Verkehrs- und Mobilitätswende wird viel gesprochen, doch wie sehen Lösungsansätze in der Praxis aus? Eine Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der Technischen Universität München (TUM) im Auftrag der VW-Ridepooling-Tochter Moia hat nun am Beispiel Hamburg Ansätze dafür ermittelt. Das Ergebnis: Der Auto-Verkehr in der Hansestadt um acht Prozentpunkte zurückgehen. Das entspräche 15 Millionen Pkw-Kilometer weniger pro Woche, sagte Martin Kagerbauer, Leiter des Instituts für Verkehrswesen am KIT, am Mittwoch (8. Dezember).

Möglich sei das aber nur unter der Voraussetzung, dass es flächendeckend Sammeltaxi-Angebote mit vielen autonom fahrenden Fahrzeugen gebe, dass der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut sei und der Autoverkehr eingeschränkt werde.

Doch wie kommen die Forscher im Detail zu jenem Schluss? Zwischen Juni 2019 und Oktober 2021 haben sie Moia-Daten in Hamburg aufbereitet. Insgesamt wurden 11.400 Menschen im Zuge der Studie befragt, davon 9.200 Moia-Nutzer. Auf dieser Basis entstanden unter Einbeziehung der Moia-Flottenstärke, der Bevölkerungsentwicklung und zahlreicher Details der Hamburger Verkehrsplanung vier Zukunftsszenarien. Wir zeigen, wie diese aussehen.

Die verschiedenen Simulationen

Bevor wir zur Zukunft kommen, zunächst ein Blick auf den Status Quo (Simulation A). Dieser zeigt die Mobilität in Hamburg vor der Corona-Pandemie, etwa Ende 2019. Mehr als ein Viertel der Wege (25,2 %) legen Personen per Pkw zurück. Die weitere Verteilung: öffentliche Verkehrsmittel (23,9 %), Fahrräder (14,5 %), zu Fuß (26,5 %), Sonstige wie Taxis, Sharing-Angebote und Co. (9,8 %). Moia hat einen Anteil von 0,1 Prozent und ist mit 250 Fahrzeugen in einem Gebiet von 190 Quadratkilometern unterwegs. Pro Woche nutzen durchschnittlich 28.000 Personen den Dienst.

Kommen wir zu Simulation B. Dabei würde Moia die Zahl seiner Fahrzeug auf 500 verdoppeln. Gleichzeitig würden auch die öffentlichen Verkehrsmittel und Carsharing-Angebote ausgebaut. Zudem führt Hamburg in jenem Szenario Velorouten für Fahrräder ein. Zudem rechnen die Forscher mit einem Bevölkerungswachstum von 1,87 auf 1,95 Millionen Menschen in Hamburg. Die höhere Angebotsvielfalt würde in dem Szenario zwar dafür sorgen, dass etwas weniger Wege per Pkw (24,6 %) zurückgelegt würden. Allerdings gäbe es kaum nennenswerte Einschränkungen für den Auto-Verkehr. Aufgrund des prognostizierten Bevölkerungswachstums rechnen die Forscher bei jenem Szenario deshalb damit, dass die motorisierte Verkehrsleistung gegenüber dem Status Quo sogar steigen würde. Die CO2-Emissionen dürften dann 1,8 Prozent höher ausfallen.

Deshalb sieht Simulation C erste einschränkende Maßnahmen für den motorisierten Individualverkehr vor. Die Anzahl der Parkplätze in Hamburg wird dabei reduziert. Zudem erhebt die Stadt einige Geschwindigkeitsbegrenzungen. Moia baut gleichzeitig seine Flotte auf 1.200 Fahrzeuge aus und erweitert sein Marktgebiet auf 350 Quadratkilometer. Den Ridepooling-Dienst könnten dann pro Woche rund 140.000 Personen für 220.000 Fahrten nutzen, prognostizieren die Forscher. In jenem Szenario rechnen die Studienautoren damit, dass die Zahl der Pkw-Fahrten um 2,4 Prozentpunkte auf 22,8 Prozent sinken könnte, da längere Parkplatzsuche und geringere Geschwindigkeiten die Nutzer Zeit kosten würde.

Simulation D kommt ohne größere Einschränkungen für den Pkw-Verkehr aus. Dafür gibt es in jenem Szenario eine autonom fahrende Moia-Flotte mit 2.500 Fahrzeugen auf 350 Quadratkilometern. Das vergünstigt die Fahrpreise spürbar. Die Forscher rechnen deshalb mit 340.000 wöchentlichen Mitfahrern, die den Dienst für 580.000 Fahrten nutzen. 1,4 Prozent der gesamten Mobilität in Hamburg würden dann auf Moia entfallen.

Dennoch würde auch der Anteil der öffentlichen Verkehrsmittel um 0,6 Prozentpunkte auf 24,5 Prozent steigen. Das begründen die Forscher damit, dass Moia vor allem für intermodale Fahrten genutzt wird. Also dort, wo es kein gutes ÖPNV-Angebot gibt. Generell betrachten die Forscher Ridepooling anhand der gesammelten Daten eher als Mobilitätsangebot für die Freizeit. Wenn die Zeit knapp sei, würden Nutzer wohl auch in Zukunft beispielsweise Taxis priorisieren. Die Zahl der Autofahrten würde in Simulation D im Vergleich zum Status Quo um 0,9 Prozentpunkte auf 24,3 Prozent zurückgehen.

Die finale Simulation E arbeitet dann neben einer weiter ausgebauten autonomen Moia-Flotte (5.000 Fahrzeuge, 700 Quadratkilometer Marktgebiet) mit deutlichen regulatorischen Eingriffen in den privaten Pkw-Verkehr. Geschwindigkeitsbegrenzungen würden im Vergleich zu Simulation C dabei noch ausgeweitet und auch der Parkdruck weiter erhöht. Die durchschnittliche Reisezeit stiege dadurch gegenüber dem Ist-Zustand um 50 Prozent. Außerdem sieht das Szenario hohe Kraftstoffkosten und Kfz-Steuern vor. Autofahren würde damit etwa 30 Prozent teurer.

Die Forscher gehen davon aus, dass dadurch der Pkw-Bestand um 150.000 Fahrzeuge sinken könnte. Die private Auto-Nutzung würde dann um 7,8 Prozentpunkte gegenüber dem Status Quo auf 17,4 Prozent zurückgehen. Gleichzeitig stiege die Zahl der wöchentlichen Moia-Nutzer auf 640.000, die der Fahrten auf 1,2 Millionen. Auch der Marktanteil des ÖPNV würde in dem Szenario klar zunehmen (28,7 %). So könnten den Studienautoren zufolge pro Woche viereinhalbtausend Tonnen CO2 eingespart werden.

Alle weiteren Ergebnisse der Studie und weitere Details gibt es direkt bei Moia.

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