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Mobilität in Corona-Zeiten: Wie nachhaltig sind die Veränderungen?

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Hat sich das geänderte Mobilitätsverhalten während des Lockdowns in den Köpfen verankert oder herrscht wieder weitestgehend Normalzustand? Und wie ist die Resonanz der Bevölkerung auf die neuen Pop-Up-Radwege?

Das Auto ist weiterhin mit einem deutlichen Wohlfühlfaktor verknüpft. Im Lockdown hat rund ein Drittel der Personen aus Haushalten ohne Auto den eigenen PKW vermisst.
Das Auto ist weiterhin mit einem deutlichen Wohlfühlfaktor verknüpft. Im Lockdown hat rund ein Drittel der Personen aus Haushalten ohne Auto den eigenen PKW vermisst.
(Bild: Clipdealer)

Der öffentliche Verkehr verliert weiter an Boden, die Bedeutung individueller Transportmittel, insbesondere des privaten PKW, steigt. Anhand einer zweiten Untersuchung im Zeitraum von Ende Juni bis Anfang Juli 2020 hat das DLR untersucht, wie sich die Corona-Pandemie mit inzwischen gelockerten Maßnahmen auf das Mobilitätsverhalten auswirkt. Eine erste Befragung hatte während des Lockdowns im April 2020 stattgefunden. Ziel war es, mit der zweiten Erhebung die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf Einstellungen und Verhalten im Mobilitätsbereich untersuchen.

"Es zeichnet sich ab, dass es ein ‚Wie davor‘ nicht geben wird. Die Frage ist vielmehr, wie die neue mobile Normalität aussehen wird. Im Ausnahmezustand erprobte Verhaltensweisen haben sich eingeprägt und beeinflussen neue Routinen", fasst Prof. Barbara Lenz, Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrsforschung, zusammen. Diese Veränderungen sind mit Chancen und Risiken für das Gelingen der Verkehrswende verbunden. "Die Menschen probieren umweltfreundliche Alternativen aus, nutzen zum Beispiel das Fahrrad. In einigen Städten sind sogenannte Pop-up-Radwege entstanden, die das unterstützen. Durch das Arbeiten im Homeoffice entfällt der Weg zur Arbeit."

Gleichzeitig fände eine Rückbesinnung auf individuelle, weniger nachhaltige Verkehrsmittel statt: Das eigene Auto geht als deutlicher Gewinner aus der Corona-Krise hervor, der öffentliche Verkehr als Verlierer. Auch nachhaltige Mobilitätskonzepte wie das Carsharing sind geschwächt. "Der Weg zur Verkehrswende ist dadurch weiter geworden. Denn für ihren Erfolg ist ein starker öffentlicher Verkehr notwendig. Hierauf sollte in Zukunft ein deutliches Augenmerk liegen", so Lenz weiter.

Trotz Normalisierung: Befragte nehmen Mobilität als eingeschränkt wahr

Die Analyse von Mobilfunkdaten legt nahe, dass das Verkehrsaufkommen zum Zeitpunkt der zweiten Erhebung weitgehend das Niveau vor der Corona-Krise erreicht hat. Die individuelle Wahrnehmung der Befragten ist eine andere: 43 Prozent geben an, in den letzten sieben Tagen weniger oder sehr viel weniger unterwegs gewesen zu sein als sonst üblich. Rund die Hälfte sagt, dass sich ihr Wegeaufkommen normalisiert hat.

Die Verkehrsmittel sind unterschiedlich stark betroffen: Rund zwei Drittel geben an, genauso häufig mit Fahrrad, Auto oder zu Fuß unterwegs zu sein. Rund die Hälfte erklärt jedoch, seltener und zum überwiegenden Teil viel seltener die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Dies deckt sich mit den deutlich gesunkenen Fahrgastzahlen im öffentlichen Nah- und Fernverkehr.

In der ersten und zweiten Befragung verbinden die Teilnehmenden sehr unterschiedliche Gefühle mit den Verkehrsmitteln: Großes Unbehagen äußern sie gegenüber Bahn, Flugzeug, Carsharing und dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Besonders unwohl fühlen sich die Befragten im Flugzeug (31 Prozent), gefolgt von Bahn und ÖPNV (25 Prozent). Allerdings ist bei Personen, die häufig den ÖPNV nutzen, das Unbehagen besonders stark ausgeprägt. Frauen sind dabei kritischer als Männer. Besonders unwohl fühlen sich auch junge Menschen und Städter. "Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Denn das sind genau die Gruppen, die im Alltag den öffentlichen Nahverkehr häufig nutzen. Der ÖPNV gehört damit zu den großen Verlierern der Krise", bilanziert DLR-Forscherin Barbara Lenz.

Das Auto ist weiterhin mit einem deutlichen Wohlfühlfaktor verknüpft. Dieser ist im Sommer weniger stark ausgeprägt als im Frühling, aber nach wie vor deutlich vorhanden. 80 Prozent geben keine Veränderung an, 16 Prozent fühlen sich deutlich wohler. Im Lockdown hat rund ein Drittel der Personen aus Haushalten ohne Auto den eigenen PKW vermisst. Dieser Wert ist auf ein Fünftel zurückgegangen. Fast 60 Prozent der Nutzerinnen und Nutzern von öffentlichen Verkehrsmitteln geben an, dass ihnen das eigene Fahrzeug fehlt. Von den Befragten, die im Alltag Fahrrad fahren, sind es nur 13 Prozent. Die Absicht von Personen aus Haushalten ohne Auto, ein solches zu kaufen, bleibt bei sechs Prozent. Bei knapp drei Viertel davon steht die Kaufabsicht in Zusammenhang mit Corona.

Nach wie vor arbeiten viele der Befragten von zu Hause. Fast vierzig Prozent der Berufstätigen unter den Teilnehmenden an der Studie berichten, dass sie teilweise oder immer von zu Hause arbeiten. Sie handhaben dies allerdings flexibler als bei der ersten Studie im April. 75 Prozent der Befragten mit der Möglichkeit zu Homeoffice bewerten dies als positiv. Gegenüber dem Frühling ist diese Zahl um 15 Prozent gestiegen. Der Anteil der Personen, die sich vorstellen können, langfristig vermehrt von zu Hause zu arbeiten hat im Vergleich zum April zugenommen: von 59 Prozent auf 70 Prozent.

Pop-Up-Radwege: Breite Zustimmung in der Bevölkerung

Eine weitere Studie zeigt, dass die so genannte Pop-Up-Radwege immer größeren Anklang in der Bevölkerung finden. Diese neuen Radwege steigern demnach das Sicherheitsempfinden. Zum einen besteht ein geringeres Infektionsrisiko, da die neuen Fahrradwege beim Einhalten von Distanzen helfen. Zum anderen wird dem erhöhten Radverkehrsaufkommen Rechnung getragen, indem durch ausreichenden Sicherheitsabstand zwischen den einzelnen Fahrrädern und zum Autoverkehr Unfälle vermieden werden können.

„Und dies sind auch die Gründe, warum Pop-Up-Radwege über alle Altersgruppen hinweg so gut ankommen. Gerade die jüngeren Generationen befürworten deren dauerhaften Erhalt, und selbst die über 60-Jährigen stimmen mehrheitlich (60 Prozent) dafür. Ein klares Votum der Bevölkerung für den Erhalt der Pop-up-Radwege“, erklärt Hansjörg Arnold, Leiter Mobility Transformation bei PwC Deutschland.

In den USA und in Kolumbien wurden Pop-Up Radwege bereits zu Beginn der Pandemie eingeführt. In der französischen Hauptstadt Paris wurde jüngst beschlossen, eine Strecke von 50 km dauerhaft zum Radweg umzuwidmen. In Deutschland war Berlin ein Vorreiter, weitere Städte wie München, Leipzig, Düsseldorf und Stuttgart folgten. „Diese Entwicklung nun wieder rückgängig zu machen, geht an dem Bedürfnis der Bevölkerung vorbei. Vielmehr sollten in neuen Verkehrskonzepten verschiedene Arten der Mobilität ihren Platz finden. Der Radverkehr kann so zu einem wichtigen Bestandteil einer nachhaltigen Mobilitätswende werden“, unterstreicht Arnold.

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