Ecole 42 Kein Abschluss, heiß begehrt: Softwareentwickler made in Wolfsburg

Autor: Svenja Gelowicz

Eine Coding-Schule ohne Abschlüsse, Lehrer oder Stundenpläne soll der deutschen Mobilitätsindustrie die dringend benötigten Softwareentwickler heranziehen. Dabei helfen Millionenbeträge von Volkswagen.

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Ex-Google-Manager Max Senges leitet die Wolfsburger 42-Dependance. Hinter ihm: der neue Campus.
Ex-Google-Manager Max Senges leitet die Wolfsburger 42-Dependance. Hinter ihm: der neue Campus.
(Bild: 42 Wolfsburg)

Ganz am Anfang ist ein Computerspiel. Es gibt mehrere Level, im Hintergrund läuft die Uhr runter. An einem späten Nachmittag im vergangenen Jahr klickt sich Zurusch Mokhtari über einen Link in das erste Level. „Ich wusste, dass ich mindestens zwei Stunden Zeit dafür brauche“, erinnert sich der 31-Jährige. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell sie vergangen sind.“ Die ersten Aufgaben waren „easy, nach zehn Minuten war ich drin“, sagt Mokhtari. An einem Level knobelte er etwa eine halbe Stunde. „Ich konnte nicht aufhören, wollte immer weiter kommen“. Und er hat es geschafft: Mokhtari rückt eine Runde weiter in einem Auswahlprozess um einen der begehrten ersten 150 Studienplätze für die Betriebsaufnahme der „42 Wolfsburg“.

Mokhtari ist einer der ersten Bewerber für eine neue Programmierschule, die gänzlich anders tickt als klassische Studiengänge. Das Computerspiel ist ein erster Filter im Auswahlprozess für die Lehreinrichtung. Das Studium ist kostenlos, Volkswagen sei Dank: Der Konzern steckt 3,6 Millionen Euro in den Aufbau der Wolfsburger „Filiale“ und will auch weitere Millionen zuschießen. Die Stadt am Mittellandkanal ist einer von insgesamt 33 Standorten weltweit. Gerade in Frankreich hat sich das Konzept der „École 42“ etabliert, im Jahr 2013 entstand in der Hauptstadt Paris die erste Hochschule.

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42 Wolfsburg: Kommilitonen bewerten sich gegenseitig

„In Paris bewerben sich etwa 80.000 Menschen auf 2.000 Plätze“, sagt Max Senges. Er ist der Schulleiter der Wolfsburger Dependance. Ein ehemaliger Google-Manager, beim Gespräch per Videochat im grauen Hoodie und mit strubbeligen Haaren.

Stundenpläne gibt es genauso wenig wie Lehrer oder einen Abschluss. Die künftigen, vom Arbeitsmarkt heiß begehrten Softwareentwickler lernen selbstständig und miteinander. Die Aufgaben starten einfach und werden dann in kleinen Schritten immer anspruchsvoller, Senges beschreibt es wie eine Treppe. „Außerdem bewerten die Kommilitonen gegenseitig ihre Teamfähigkeit“, sagt Senges.

Er erklärt das mit Beispielen aus der Softwareentwicklung zum Beispiel bei Unternehmen wie seinem Ex-Arbeitgeber Google: Mehrere Milliarden Zeilen Code müssen zusammen funktionieren. „Da kann nicht einfach jeder Entwickler neuen Code dazu schreiben. Es braucht das Peer Review.“

Diese gegenseitige Einschätzung unter den Kommilitonen geht schon im Auswahlprozess los, der nach dem Spiel startet: eine Art vierwöchiger Crashkurs, „Piscine“ genannt, ein Schwimmbecken. „Die Bewerber springen gemeinsam ins kalte Wasser“, sagt Senges.

Softwareentwickler für die Autobranche

Einen Abschluss erlangen die Absolventen der Softwareschule nicht. Die Studierenden können sich bei künftigen Arbeitgebern mit ihrem Portfolio bewerben, so Schulleiter Senges, also Programmen, die sie geschrieben und Projekte, die sie bearbeitet haben. Er glaubt, dass künftig Formalien wie Uni-Zertifikate weniger bedeutsam bei der Jobsuche sein werden. Die 42-Absolventen seien auf dem Arbeitsmarkt stark gefragt. Nach etwa einem Jahr nämlich folgt ein halbjähriges Praktikum bei einem Unternehmen, dann hätten die Studierenden etwa den Status eines Junior Software Entwicklers – und zwei Drittel der angehenden Programmierer ein Jobangebot in der Tasche. Kein Wunder: Laut dem IT-Verband Bitkom können aktuell Zehntausende Stellen nicht besetzt werden.

Gerade die Automobilindustrie sucht händeringend Softwarespezialisten – auch um ihre Eigenfertigung bei den wichtigen Betriebssystemen zu erhöhen. Die 42 Wolfsburg schraubt gerade an einem Schwerpunkt „Software-Engineering Automotive and Ecosystems“: Die Einrichtung bilde gesamten den Softwarestack von „Fahrzeug-IT bis in die Cloud“ aus, so Senges. Für die deutsche Automobilindustrie sieht er viel Potenzial: „International gibt es da noch nicht so viel, wenn es um offene Standards wie Interoperabilität und gerade die Sicherheit der Systeme geht.“ Auch Themen wie die Digitalisierung der Fabriken spielten eine Rolle. Freilich würden die Absolventen nicht alle bei VW anheuern können; auch andere Tech-Unternehme und auch kleine und mittlere Unternehmen sollen von den Spezialisten profitieren.

Weitere Schulen für Deutschland

Die Millionenspritze von Volkswagen ermögliche der Schule moderne Technik und einen hippen Campus. „Nichtsdestotrotz wollen wir weitere Partner“, sagt Senges. „Auch Zulieferer oder Softwareunternehmen.“ In Heilbronn startet ebenfalls gerade ein 42-Ableger, in Deutschland seien noch weitere Schulen geplant.

Senges glaubt, dass sich an seiner Schule ein „bunter Haufen“ zusammenfinden werde, als Eliteschmiede sieht er die Einrichtung nicht. „Wir wollen sehr zugänglich sein und auch ein Platz für ,Misfits' werden, also für Leute, die woanders nicht reinpassen“, so Senges. Gesprochen wird Englisch; es gibt keine formalen Voraussetzungen für eine Bewerbung, entscheidend seien Motivation, Teamfähigkeit und Durchhaltevermögen bei Aufgaben. Deshalb auch das Computerspiel: Algorithmen prüfen, wie oft die Bewerber sich an Aufgaben probieren. Wiederholen ist erwünscht.

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 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Redakteurin im Ressort Management