Anbieter zum Thema
Welche Rolle wird aus Ihrer Sicht die Automobilindustrie für die Mobilität der Zukunft spielen?
Ein wichtiges Learning für die Automobilindustrie wird sein, sich von der Dominanz eines PS-getriebenen Verkaufsmodells zu lösen. Es geht nicht mehr darum, ein Auto zu besitzen oder nicht, sondern darum, wie man sich in Zukunft seine Mobilität über digitalisierte Services auf die Sekunde passgenau zusammenstellen kann. Und in diesen Blumenstrauß muss entweder mein Produkt passen oder ich biete einen Service an, der ihn zusammenbindet.
Ein Umdenken hin zum Serviceprovider. Ich denke, die Automobilindustrie bekommt hier gerade eine einmalige Chance, sich neu zu positionieren, indem sie ihre Entwicklungen wie beispielsweise pilotiertes Parken oder automatisiertes Fahren nicht mit Fokus auf den individuellen Nutzer, sondern ein Kollektiv lenkt und einen positiven Beitrag zur Nutzung von urbanem Raum oder Emissionsreduktion leisten kann.
Meiner Meinung nach kann gerade die Automobilindustrie über ihre technologischen Entwicklungen weiterhin eine wichtige Rolle für die urbane Mobilität der Zukunft spielen, indem sie es ermöglicht, bestimmte Zielsetzungen von Städten zu erreichen und zu unterstützen. Natürlich sieht es immer besser aus, wenn man Zukunftsbilder von Straßen ohne Autos mit viel Grün sieht, aber das ist in meinen Augen eine wenig realistische Lösung.
Haben Sie ein Beispiel für uns zum Thema Visionäre Stadtprojekte?
Das ist eine schwierige Frage, denn es gibt weltweit sehr viele Projekte und Initiativen, die visionär sind und bereits zu Veränderungen geführt haben. Gerne schauen wir uns die nordischen Länder an, denn die sind in Europa sicherlich mit am progressivsten, was eine Incentivierung der Bevölkerung zur Aufgabe des eigenen Fahrzeugs angeht. Dies wird aber eben nicht über reine Verbote, sondern andere Maßnahmen erreicht.
Ein gutes Beispiel ist Helsinki. Marko Forsblom, Chief Executive Office für intelligente Transportsysteme, hat es sich zur Aufgabe gestellt, den Bewohnern von Helsinki so gute Alternativangebote zu machen, dass sie freiwillig auf den Besitz eines eigenen Autos verzichten werden. Der Schlüssel liegt im Verständnis, dass Mobilität ein Service ist (Mobility as a Service): viele unterschiedliche, perfekt koordinierte und digital miteinander vernetzte Optionen, die flexibel und preissensitiv genug sind, um dem eigenen Fahrzeug ernsthaft Konkurrenz zu machen.
Das Ganze läuft über eine digitale Plattform (MaaS Global) und kann per einfach zu handhabender App (Whim) von den Bewohnern genutzt werden. Whim funktioniert dabei gleichzeitig als Routenplaner, Buchungs-und Zahlungsplattform.
Wie sieht Ihre Vision von Urbaner Mobilität 2040 aus?
Wahrscheinlich erwarten Sie jetzt, dass ich Ihnen ein Bild zeichne mit futuristischen Verkehrsträgern, die automatisiert und ohne Stau durch eine durchaus grüne, jedoch chic designte Stadt fahren, während sich die Nutzer zurücklehnen und entspannt lesen oder sich über virtual reality auf einer Scheibe Sehenswürdigkeiten und Restaurantempfehlungen vorspielen lassen.
Wir bei Urban Standards sind vorsichtig mit beliebten Science-Fiction-Szenarien, da die Zukunft ja praktisch schon jetzt jeden Tag passiert. Die technologische Entwicklung verläuft in den letzten 15 Jahren so unglaublich schnell, dass schon morgen unsere kühnsten Phantasien Wahrheit sein können und nicht erst in 20 Jahren.
Natürlich haben auch wir Vorstellungen und können aufgrund heutiger Entwicklungen bestimmte Annahmen treffen, aber belassen wir es vielleicht dabei, dass wir in 2040 so weit sein sollten, dass sich Stadt und Mobilität wirklich vertragen. Dass Stadtplanungs- und Technologiezyklen im Einklang sind, wir über den zweidimensionalen Raum hinausdenken und vielleicht dann doch ein bisschen in einer Science-Fiction-Welt leben, in der es auch fliegende Mobilitätsträger gibt, die uns weitere Möglichkeiten des Neudenkens geben.
Unsere Vision wäre eine Mobilitätskultur der Vielfalt, nicht Dominanz des Einen oder Anderen, die eine Stadt und ihre Menschen nicht erstickt, die Lebensqualität erhöht und gleichzeitig neue Märkte eröffnet.
Autonomous Driving Index: Deutschland abgeschlagen auf dem letzten Platz!
Konfliktmineralien: BMW geht neue Wege für nachhaltige Batteriezellen-Lieferkette
* Jennifer Reinz-Zettler ist Projektmanagerin Mobilitt / Cluster Automotive bei Bayern Innovativ
(ID:45000768)