Künstliche Intelligenz soll Fahrzeug steuern Chinas Wettrennen um KI-Agenten im Auto

Von Henrik Bork 5 min Lesedauer

KI-Agenten waren der wichtigste Trend auf der diesjährigen „Auto China“. Es ist das bislang sichtbarste Signal, dass die dritte Disruption der Automobilindustrie begonnen hat. Nach der Elektrifizierung und dem intelligenten Fahren folgt nun mit Macht das „KI-definierte Fahren“.

Auf der Auto China in Peking zeigte sich: Der Wettlauf um die beste KI im Fahrzeug ist im vollen Gange. Dieser wird nicht von den Fahrzeugherstellern entschieden, sondern von der Plattform und dem besten Partner.(Bild:  frei lizensiert bei Pexels)
Auf der Auto China in Peking zeigte sich: Der Wettlauf um die beste KI im Fahrzeug ist im vollen Gange. Dieser wird nicht von den Fahrzeugherstellern entschieden, sondern von der Plattform und dem besten Partner.
(Bild: frei lizensiert bei Pexels)

Vor allem die chinesischen Hersteller überbieten sich gerade gegenseitig mit der Ankündigung von KI-Agenten. Nachdem die erste Welle der KI-Adoption im Fahrzeug vor allem zu besseren Sprachassistenten im Cockpit geführt hatte, soll die Künstliche Intelligenz nun auch komplexere Aufgaben übernehmen. Die KI-Agenten sollen nicht mehr nur plaudern oder Fragen beantworten, sondern Absichten interpretieren, Aufgaben aufschlüsseln und mehrstufige Handlungsketten wie Bestellung von Essen, Reservierungen im Restaurant, Bezahlung, Navigation und konkrete Fahrzeugsteuerung über ADAS in einer geschlossenen Schleife ausführen.

KI ist mehr als ein Tool

Aus der Stimme im Cockpit soll also ein intelligenter Dirigent werden, der das ganze Fahrzeug steuern kann. „Mit anderen Worten, der Wettbewerb hat sich von KI als Chat-Werkzeug entfernt. KI muss nun handeln können", zitierte das chinesische Internetportal NetEase Zhong Xuedan, VP bei „Tencent Smart Mobility“. Was dann alles möglich sein soll, zeigt schon mal ein Video über das E-Auto Zeekr 8X aus dem Geely-Konzern. „Fahre mich, um mein Kind von der Schule abzuholen, und finde unterwegs ein McDonald's. Ich muss vor 17 Uhr ankommen", lautet der Befehl, den ein Nutzer dem Auto in dem PR-Video erteilt. Das Fahrzeug plant darauf selbst die beste Route, schaltet das assistierte Fahren ein, hält bei einem McDonald's, fährt weiter und parkt schließlich automatisch vor der Schule. Der Fahrer muss nicht mehr viel selbst tun, außer seinem Kind den Hamburger zu überreichen und vielleicht danach die Sitze zu putzen.

KI-Lieferkette in China(Bild:  Asia Waypoint)
KI-Lieferkette in China
(Bild: Asia Waypoint)

„Das ist kein Sprachassistent, der irgendwas für Sie recherchiert. Es ist ein KI-Agent, der Aufgaben für Sie ausführt", beschreibt das chinesische Tech-Magazin Jike Gongyuan den technologischen Sprung, der da gerade begonnen. hat. Ab wann der Zeekr 8X mit genau diesen Fähigkeiten ausgeliefert wird, wird nicht erwähnt. Es soll aber offenbar nicht mehr lange dauern. Bei seiner Markteinführung am 17. April sollen für den Zeekr 8X innerhalb der ersten 29 Minuten mehr als 10.000 Bestellungen eingegangen sein, heißt es beim Hersteller. Fachmedien schreiben von der ersten chinesischen Antwort auf das „Grok + FSD-Modell“ von Tesla.

Entwickelt hat diese agentische Fahrzeug-KI eine eigens für diesen Zweck gegründete Industrieallianz. Der Autobauer Geely, seine KI-Tochter Afari (Qianli Technology) und das KI-Startup StepFun haben gemeinsam „Super Eva“ entwickelt. Es ist eine kombinierte Suite von KI-Agenten, die domänenübergreifend mehrstufige Aktionen im Auto ausführen kann.

Ermöglicht werden diese Funktionen durch ein von StepFun entwickeltes multimodales KI-Modell, das Sprach- und Bilderkennung gleichzeitig abdeckt. Es arbeitet teilweise als Edge-Modell im Fahrzeug, für komplexere Denkaufgaben in der Cloud. Zwischen der ersten Veröffentlichung des KI-Modells 3.5-Flash und seinem Einbau ins Auto seien nur etwa 40 Tage vergangen, berichtet die Wirtschaftszeitung Shangguan Xinwen. Exakt zu überprüfen ist auch das nicht, gibt aber eine ungefähre Vorstellung von der Geschwindigkeit, mit der solche oder ähnliche KI-Funktionen ab jetzt in der chinesischen Autoindustrie ausgerollt werden dürften.

Neue Szenarien möglich

Auch andere chinesische Hersteller rüsten mit KI-Agenten nach und präsentierten in Peking erste Ergebnisse. XPeng aktualisierte sein KI-Modell so, dass Befehle wie „Park in der Nähe des Eingangs zum Einkaufszentrum" auch ohne Karte und Koordinaten funktionieren. Das Auto navigiert mithilfe von KI allein durch die Wahrnehmung der realen Welt vor Ort, einfach per Kamera.

Xiaomi wiederum hat gerade ein Update für sein Auto-Betriebssystem HyperOS freigeschaltet, das während der Fahrt komplexe To-do-Listen abarbeitet, Restaurants reserviert, Kaffee bestellt und an der Stimme erkennt, ob der Fahrer gestresst nach Hause kommen wird, um dort schon mal vorsorglich beruhigendes Licht und sanfte Musik einzuschalten.

Was sich hier in derzeit noch mehr oder weniger beeindruckenden Funktionen ankündigt, ist das nächste Investitions-Wettrennen in der Autoindustrie. Wer hier nicht mitspielt, wird bei den verwöhnten chinesischen Autokunden schon bald nicht mehr ankommen. Huawei hat schon angekündigt, in den nächsten fünf Jahren mehr als acht Milliarden Euro in die Rechenleistung für intelligentes Fahren zu investieren.

Deutsche Hersteller in Zugzwang

Die deutschen Hersteller, die gerade mit Mühe bei der Elektrifizierung und den autonomen Fahrfunktionen aufgeholt haben, geraten damit erneut in Zugzwang. BMW China hat gerade seinen „BMW Intelligent Personal Assistant“ präsentiert, der auf Alibabas Qwen-Modell aufbaut und in neuen iX3-Modellen sowie im 7er BMW erhältlich sein soll.

Am weitesten scheint derzeit Volkswagen zu sein, das für die zweite Jahreshälfte eine Suite von KI-Agenten für alle Autos in China angekündigt hat. Da geht es nicht mehr nur um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine im Cockpit, sondern um genau jene Handlungsketten, mit denen auch schon für den Zeekr 8X geworben wird. „Das Auto sollte wie ein Begleiter sein", erklärt Thomas Ulbrich, CTO von VW in China.

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Der koreanische Autobauer Hyundai brachte seine vollelektrische Marke Ioniq nach China, die mit Software des chinesischen Entwicklers Momenta und einem KI-Assistenten auf einem Qualcomm-Chipsatz arbeitet. „China ist der Ort, an dem die Zukunft der Mobilität definiert wird, und Hyundai beabsichtigt dabei zu helfen", betont José Muñoz, Präsident und CEO der Hyundai Motor Company.

Wettlauf um beste Plattform und Partner

Dieser neue Wettlauf um die beste KI im Auto wird mit großer Sicherheit nicht in den einzelnen Automodellen entschieden und auch nicht von den Fahrzeugherstellern allein. Entscheidend ist, wer sich in die besten Plattformen integriert und die besten Partner findet. KI-Steuerung für das Fahrwerk, im Cockpit, Anbindung an Bezahl-Plattformen, Kredit- und Bankkarten- sowie Service-Apps müssen zusammenkommen.

Das ist eine neue große Chance für die großen Internet- und KI-Unternehmen Chinas, allen voran das für seine Super-APP WeChat bekannte Tencent. „Als intelligenter Träger, der Hardware und Software integriert und stark mit der physischen Welt verbunden ist, ist das Automobil prädestiniert für den Einsatz von KI-Agenten-Szenarien", so Tang Daosheng, Senior EVP bei Tencent. Der Konzern hat am 23. April eine „offene Plattform für KI-Agenten in der Mobilität für alle Szenarien" auf den Markt gebracht. Darüber sind sieben Agenten für Bestellungen, Navigation, Internet-Recherchen, Konnektivität, Infotainment, Pannenhilfe und Valet-Parking relativ einfach in verschiedene Fahrzeugmodelle zu integrieren.

Solche Plattform-Anbieter dürften für viele OEM interessant sein, zumindest bis sie eigene KI-Agenten entwickelt haben. Mehr als 100 Automobilhersteller nutzen derzeit die Tencent Cloud. Die Cockpit-Lösungen von Tencent sind in mehr als 80 Prozent der Automarken Chinas im Einsatz und bislang in rund 18 Millionen Fahrzeugen installiert, berichtet das Portal NetEase.

An WeChat führt jedenfalls kaum ein Weg vorbei, denn das ist auf fast jedem chinesischen Handy die „Killer-APP“, mit der gleichzeitig kommuniziert, recherchiert und alles vom Luxusauto bis zum Abendessen und zur Melone am Straßenrand bezahlt wird.

Selbst Tesla hat im März 2026 das Cockpit seiner Autos in China durch eine WeChat-Integration aufgewertet, unter anderem damit Nutzer „Live-Standorte“ direkt aus Chat- und Karten-Apps an die Fahrzeugnavigation senden können. Auch Alibaba, ByteDance und Baidu arbeiten daran, ihre KI-Großmodelle in möglichst viele Fahrzeuge zu integrieren. (se)

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