Autonomes und vernetztes Fahren Der nächste China-Export hat begonnen: Intelligente Fahrzeuge kommen nach Europa

Von Henrik Bork 5 min Lesedauer

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Nach dem Elektroauto kommt jetzt die zweite Welle der Disruption aus China – das intelligente Fahren. Während in Deutschland noch debattiert wird, ob und wann elektrisch gefahren werden soll, ist man in der Volksrepublik schon einen Schritt weiter. Nach dem elektrischen wird dort sehr schnell das autonome und vernetzte Fahren eingeführt. Und man will damit auch global erfolgreich werden.

Nach dem elektrischen wird in China sehr schnell das autonome und vernetzte Fahren eingeführt. Und man will damit auch global erfolgreich werden.(Bild:  Microchip)
Nach dem elektrischen wird in China sehr schnell das autonome und vernetzte Fahren eingeführt. Und man will damit auch global erfolgreich werden.
(Bild: Microchip)

Chinesische Unternehmen beginnen gerade damit, solche Technologien nach Europa zu bringen. Das Startup Pony.ai aus Peking ist soeben eine strategische Partnerschaft mit Stellantis eingegangen, um gemeinsam autonom fahrende Kleinbusse in Europa zu entwickeln und zu testen. Pony.ai betreibt daheim in China schon fahrerlose Robotaxi-Dienste in mehreren Städten. Die auf das autonome Fahren spezialisierte Firma hat kürzlich ein Europa-Hauptquartier in Luxemburg gegründet. Dort sollen schon in den kommenden Monaten erste Straßentests für elektrische Kleinbusse des Modells „Peugeot e-Traveller“ beginnen, die mit autonomen Fahrsystemen von Pony.ai ausgestattet sind, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Schon im kommenden Jahr sollen dann weitere solcher Straßentests in anderen europäischen Städten beginnen. Man wolle „die fortschrittliche autonome Fahrsoftware von Pony.ai mit der AV-Ready-Plattform für mittelgroße Transporter (K0) von Stellantis in der BEV-Version integrieren“, schreibt Stellantis selbst in seiner Presseerklärung. „Ab 2026 soll dann schrittweise ein Rollout in europäischen Städten folgen“, heißt es weiter. So wollen beide Partner die Sicherheit solcher Fahrzeuge, ihre Leistung und regulatorische Compliance unter echten Verkehrsbedingungen testen. Pony.ai und Stellantis streben in diesem Projekt die Entwicklung „autonomer Fahrzeuge der SAE-Level-4-Stufe an”. Das bedeutet, dass die batteriebetriebenen, mittelgroßen Nutzfahrzeuge im “Hands-off, Eyes-off”-Modus gefahren werden können. Ein Fahrzeugführer muss im Notfall sofort eingreifen können, aber nicht mehr ständig selbst fahren.

Die Entwicklung schreitet voran

Vor einigen Monaten hatte Pony.ai bereits eine Kooperation mit Uber begonnen, um in Europa und im Nahen Osten gemeinsam Robotaxis einzuführen. In Luxemburg ist den Chinesen schon eine L4-Testlizenz erteilt worden.

Auch mehrere andere chinesische Startups aus dem Bereich intelligentes Fahren sind jetzt verstärkt in Europa aktiv. WeRide, AutoX, DeepRoute.ai, Momenta und Apollo Go von Baidu erweitern ihre Pilotversuche in mehreren europäischen Städten und schließen zu diesem Zweck immer neue Partnerschaften mit europäischen Unternehmen. WeRide lässt schon einen autonomen „Robobus-Shuttle“ am Flughafen Zürich fahren, um Piloten und Stewardessen zu ihren Flugzeugen und zurück zu befördern. Ein „Sicherheitsfahrer“ ist da zwar noch an Bord, aber die Busse fahren automatisch.

In der nächsten Phase sollen sich Einwohner in den Schweizer Orten Otelfingen, Boppelsen, Hüttikon, und Dänikon über eine App ein autonom fahrendes Robotaxi von WeRide bestellen können, gefolgt von denen in Buchs, Dällikon, and Regensdorf, hat das chinesische Unternehmen angekündigt.

Das chinesische Startup Momenta wird gemeinsam mit Uber in München mit entsprechenden Straßentests beginnen, ebenfalls auf dem Level 4. Auch DeepRoute.ai, ein weiterer Mobilitätsanbieter aus China, hat kürzlich auf der Automobilmesse IAA in München große Pläne für Europa bekannt gegeben. „Europa ist ein riesiger Markt“, zitiert Reuters Maxwell Zhou, den CEO der Firma. „Es ist sehr wichtig für uns.“

Die chinesischen Hersteller von intelligenten Fahrsystemen hoffen, den Erfolg chinesischer Autohersteller wie BYD, Li Auto oder Nio wiederholen zu können, die als „First Mover“ mit Elektroautos und Hybriden erfolgreich sind und gerade nicht nur den chinesischen, sondern nach und nach auch den globalen Automarkt aufrollen.

First Mover beim automatisierten Fahren

Nun will man auch beim intelligenten Fahren in vielen Bereichen wieder „First Mover“ sein, drängt diesmal noch eher auf den Auslandsmarkt als bei den Elektrofahrzeugen. Bei den automatisierten Fahrlösungen handelt es um Kombinationen aus Hardware und Software. Ein typischer L4-Technologie-Stack umfasst Komponenten wie Sensoren und Lidargeräte, auf HD-Karten oder rein visueller Wahrnehmung basierender „Lokalisierung“, spezielle Halbleiter, Rechenplattformen und Domain-Controller, integrierte Datensysteme, Software und die gesamte jeweils dazugehörige Werkzeugkette.

All das auch schnell nach Europa bringen zu können, ist für die Zukunft der chinesischen Autoindustrie von großer Bedeutung. Mit jeder Partnerschaft, jedem gefahrenen Testkilometer und jedem dabei gesammelten Gigabyte an Daten wird die nächste chinesische Technologie in Europa salonfähig gemacht, noch bevor sich die globale Autoindustrie in den kommenden Jahren von Grund auf verändern wird.

Während sich die USA generell immer stärker von China abschotten, wird Europa von vielen chinesischen Unternehmen als „offener“ empfunden. Auf der IAA in München waren in diesem Jahr daher eine ganze Reihe chinesischer Anbieter von autonomen Fahrlösungen und entsprechenden Komponenten erstmals mit großen Ständen vertreten, darunter unter anderem Liangdao Intelligence, Horizon, Hesai Technology, Black Sesame Technologies, Nobo Automotive, Joyson Electronics, Sense Auto, QCraft, ECARX, Calterah Semiconductor und Bynav.

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Politische Vorgaben

Daheim in China hat die Regierung das intelligente und vernetzte Fahren offiziell zur nächsten „strategischen Richtung“ bei der Transformation der Automobilindustrie ernannt, wie Xin Guobin, der chinesische Vizeminister für Industrie und Informationstechnologie im September auf der Fachmesse „World Intelligent Connect Vehicles“ (WICV 2025) in Peking sagte.

Das chinesische Industrieministerium arbeitet gerade an einem neuen „Aktionsplan“, mit dem intelligente und vernetzte Fahrlösungen während des im nächsten Jahr beginnenden 15. Fünf-Jahresplans (2026 bis 2030) noch schneller gefördert werden sollen als bisher.

So etwas ist in China keine reine Absichtserklärung, sondern ihr folgen erfahrungsgemäß sofort Hunderte von neuen Pilotprojekten und es fließen Milliarden an Investitionen von privaten und staatlichen Geldgebern in Startups und Projekte in dem Bereich. Es entsteht so ein völlig neues innovatives Ökosystem, dass alle Bereiche der neuen „Lieferketten autonom und vernetzt“ zusammenführt.

Seit Anfang dieses Jahres arbeiten Industrie und Regierung in China noch aktiver daran, autonome und vernetzte Lösungen auf die Straße zu bringen. Von Januar bis Juli 2025 seien in China 7,76 Millionen neue Pkw mit Fahrassistenzfunktionen nach SAE-Level 2 verkauft worden, sagte der MIIT-Beamte Guo Shougang auf der Fachmesse. Das waren bereits mehr als 62 Prozent aller neu verkauften Fahrzeuge in China.

Chinesisch-europäische Kooperationen

Über 3 Millionen Fahrzeuge sind in derselben Zeitspanne in der Volksrepublik auch schon mit 5G- und C-V2X-Technologie auf den Markt gekommen, so Guo. Die chinesische Regierung arbeitet mit Hochdruck an der Formulierung von Sicherheits-Standards, genehmigt der Industrie aber gleichzeitig immer neue Pilotprojekte. Bis jetzt sind das bereits 35.000 Kilometer in 20 verschiedenen chinesischen Städten.

Zusammenfassen lässt sich der Status Quo so: chinesische Hersteller stürzen sich, mit Unterstützung ihrer Regierung, gerade im großen Stil auf die zweite Disruption der Automobilindustrie. Die Mobilität der Zukunft sieht man in Peking und Shanghai in einer Kombination aus elektrischem und intelligentem Fahren. Und damit drängt man jetzt gerade verstärkt nach Europa.

Für europäische Städte, Mobilitätsanbieter und Automobilhersteller öffnet die Kooperation mit chinesischen Technologieführern wie Pony.ai oder Momenta die Möglichkeit, schnell marktreife Lösungen auf dem eigenen Heimatmarkt zu etablieren. Für die Chinesen wiederum bietet sich mit Europa nicht nur ein lukrativer Exportmarkt, sondern auch die Chance, die eigene Technologie in einem regulatorisch schwierigen Umfeld zu validieren. Wer in Europa Erfolg hat, wird später auch keine Probleme haben, seine intelligenten Fahrlösungen anderswo auf dem Weltmarkt zu verkaufen, lautet das Kalkül der chinesischen Unternehmen. (se)

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