China Market Insider Geely nutzt sein Satelliten-Netzwerk für autonome Trucks

Von Henrik Bork

Anbieter zum Thema

Der Transportsektor bietet einen interessanten Anwendungsfall für autonome Lkw. Dabei setzen europäische und US-OEMs auf Trucks, die individuell ihre Umgebung wahrnehmen. Geely will dagegen mit seinen eigenen Satelliten die Fahrzeuge zielgenau und als Schwarm steuern.

Der Homtruck der Geely-Tochter Farizon ist die Antwort auf die autonomen Trucks der europäischen und US-Hersteller. Beim zielgenauen Einsatz soll das Geely-eigene Satelliten-Netzwerk helfen.
Der Homtruck der Geely-Tochter Farizon ist die Antwort auf die autonomen Trucks der europäischen und US-Hersteller. Beim zielgenauen Einsatz soll das Geely-eigene Satelliten-Netzwerk helfen.
(Bild: Geely)

Das globale Rennen um die ersten fahrerlosen Lkw hat einen spannenden Streckenabschnitt erreicht - sozusagen die letzte Kurve vor der Zielgeraden. Die Konkurrenz ist groß. Viele Hersteller entwickeln eigene Technologien. Doch kaum ein Unternehmen verfolgt dabei eine so mutige Vision wie der chinesische Geely-Konzern mit seiner neuen Sparte für elektrische Nutzfahrzeuge, Farizon Auto.

Am 7. November hat Farizon Auto einen futuristisch aussehenden, kabinenlosen E-Lkw namens “Homtruck Cabless” vorgestellt. Der Sattelschlepper soll ganz ohne Fahrer auskommen und hat daher konsequenter Weise auch gar kein Führerhaus mehr.

Das ist interessant, aber nicht das spannendste an dem Gefährt. Das besondere am Konzept des Homtruck Cabless ist seine Integration mit einem Netzwerk eigener Satelliten, die Geely gerade zum Aufbau eines eigenen Navigations-Systems ins Weltall schießen lässt.

Der Tesla-Gründer Elon Musk und auch deutsche Hersteller wie Daimler Truck und andere setzen für ihre fahrerlosen Brummi-Konzepte vor allem auf moderne Wahrnehmungs-Technologien in jedem einzelnen Fahrzeug: Sensoren, Kameras, bisweilen auch Lidar und Mikrowellen-Radar. Dazu leistungsstarke Elektronik mit KI-Chips unter jeder Haube.

Logistik-Steuerung aus dem Weltall

Geely und seine Tochter Farizon Auto schlagen eine andere technologische Route ein als die Mitbewerber: Bei den Chinesen sind die einzelnen Lkw und die anderen Nutzfahrzeuge nur Teile eines „intelligenten, unbemannten Logistik-Netzwerks”, wie es der CEO von Farizon Auto, Fan Xianjun, ausgedrückt hat.

Ein eigenes Netzwerk von Satelliten und dazu gehörenden Basis-Stationen auf allen Kontinenten der Erde sollen die hochpräzise Bestimmung der Position der Lkw in Echtzeit, dadurch dann auch eine bis auf wenige Zentimeter genaue Navigation ermöglichen. Geely spricht von „Space-Ground-Integration“, trägt also das Wettrennen um die Logistik der Zukunft ins Weltall.

Es wird hier mit anderen Worten also gerade ein Wettstreit zwischen einer „westlichen“ technologischen Route intelligenter, individuell mit ihren Kameras und Chips die Umgebung analysierender E-Lkw und einer „östlichen“ technologischen Route von im Verbund, per Satellit und Bodenstation, zentral gelenkten E-Lkw ausgetragen.

„Die Industrie für kommerzielle Nutzfahrzeuge insgesamt hat begonnen, neue, alternative Antriebe und Intelligenz zu nutzen, doch das technologische Aufrüsten individueller Fahrzeuge bringt immer nur beschränkte Verbesserungen. Unser intelligentes, unbemanntes Logistik-Netzwerk ist die ultimative Lösung für effiziente Logistik,“ sagt der Farizon CEO Fan.

Geespace, ein weiteres Tochterunternehmen des von dem chinesischen Milliardär und Daimler-Großinvestors Li Shufu gegründeten Geely-Konzerns, baut bereits an dem Satelliten-Netzwerk.

Am 2. Juni dieses Jahres haben chinesische Raketen vom Typ „Long March 2C“ die ersten neun GeeSAT-1-Satelliten von Chinas „Xichang Satellite Launch Center“ in der Provinz Sichuan aus in ihre Umlaufbahn geschossen. Bis 2025 will Geely 63 davon im All stationiert haben. Final sollen es sogar 240 sein.

Die Geely-Satelliten und die dazugehörigen Basis-Stationen von Geespace sind eine Art Verbesserung des chinesischen Satelliten-Netzwerks Beidou, das Peking in Konkurrenz zum amerikanischen GPS- und europäischen Galileo--Netzwerk ausbaut.

Zentimetergenaue Positionsbestimmung

Während die genannten nationalen Netzwerke nur eine relativ primitive Positionsbestimmung mit einer Abweichung von mehreren Metern ermöglicht, kann Geely über seine Tochter Geespace künftig die Position seiner Lkw bis auf wenige Zentimeter genau bestimmen - noch dazu ohne die derzeit üblichen zeitlichen Verzögerungen.

Das ist hilfreich, wenn man viele elektrische Nutzfahrzeuge unbemannt in enger Folge hintereinander fahren lassen möchte. Auch das exakte Einhalten von Fahrbahnen ist dann kein Problem mehr. Aus diesen Gründen konzentriert sich Farizon Auto zuerst auf Szenarien in „geschlossenen Umgebungen“, will seine futuristischen Hometruck Cabless ab 2023 zunächst in mehreren chinesischen Häfen erproben. In einer zweiten Phasen sollen sie dann in Bergwerken, Logistik-Parks und auch im Fernverkehr zum Einsatz kommen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Anders als die von der westlichen Konkurrenz entwickelten „Individualisten“, die ihre Umgebung selbst wahrnehmen und analysieren sollen, aber immer nur ein begrenztes Blickfeld überschauen können, können die E-Lkw von Geely auch über die Position sämtlicher anderer Fahrzeuge und Warengruppen in einem großen Radius auf dem Laufenden gehalten werden, also perfekt in die komplizierte Logistik großer Häfen oder anderer industrieller Szenarien integriert werden. Möglicherweise können sie künftig auch mit KI-gesteuerten Verkehrsleitzentralen von „Smart Cities” verknüpft werden.

Es sei auf Dauer auch billiger, solche Netzwerke aufzubauen, als jeden Truck individuell mit teurer Sensorik und Leistungs-Elektronik vollzustopfen, argumentiert der Geely-Gründer Li Shufu.

Die Homtruck Cabless und eine zeitgleich vorgestellte Plattform kleinerer E-Transporter und -Nutzfahrzeuge namens „superVan“ will die Geely-Tochter künftig auch in Europa und Amerika verkaufen. Dazu hat Geespace im Mai eine strategische Kooperation mit dem Positionierungs-Anbieter u-blox im Schweizerischen Thalwil vereinbart, der weltweit aktiv ist. Die kabinenlosen, aus dem All gesteuerten E-Trucks von Farizon Auto können schon vorbestellt werden.

Auch andere chinesische Entwickler von autonom fahrenden Lkw melden gerade Fortschritte. Das chinesische Startup Pony.ai hat sich zum Beispiel diesen Sommer mit Sany Heavy Truck zusammen getan, um noch in diesem Jahr erste Modelle eines gemeinsam entwickelten „Robotrucks” auszuliefern. Ab 2024 soll da angeblich die Serienproduktion starten.

Über den Autor

Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

(ID:48839686)