BahntechnikFlixTrain kauft 65 Hochgeschwindigkeitszüge von Talgo
Von
Dipl.-Ing.(FH) Richard Oed
3 min Lesedauer
Um die Expansion im Schienenpersonenfernverkehr auch im Ausland voranzutreiben, investiert FlixTrain in neue Züge und setzt dabei auf die Technik von Talgo in Spanien. Für den Antrieb sorgen Loks von Siemens Mobility.
Mit neuen Hochgeschwindigkeitszügen vom Typ Talgo 230 will FlixTrain seine Position im Schienenpersonenfernverkehr in Deutschland und Europa stärken.
(Bild: Flixtrain)
Im Rahmen seiner Langzeitstrategie für FlixTrain plant die Muttergesellschaft Flix, ihr Angebot auf der Schiene in den nächsten Jahren deutlich auszuweiten. Dazu schloss FlixTrain am 27. Mai 2025 ein Rahmenabkommen mit dem spanischen Rollmaterialhersteller Talgo über 65 Hochgeschwindigkeitszüge des Typs Talgo 230. Fest bestellte FlixTrain davon 30 Einheiten im Wert von 1,06 Milliarden Euro. Weder Talgo noch FlixTrain machten Aussagen zur Lieferzeit der Züge. Der Gesamtwert des Abkommens beläuft sich auf 2,4 Milliarden Euro. Die Lokomotiven für die neuen, 230 km/h schnellen Wendezüge vom Typ Vectron liefert Siemens Mobility.
Flix reagiert auf die wachsende Nachfrage nach schnellen und günstigen Zugreisen. So soll gemäß der OC&C-Fernreisemarktstudie 2023 der Schienenpersonenfernverkehr allein in Deutschland bis 2020 um 45 Prozent gegenüber 2021 wachsen. Gesamteuropäisch geht die Studie von einem jährlichen Wachstum von 4 bis 5 Prozent aus. Mit den jetzt bestellten Zügen kann FlixTrain dieses Potenzial erschließen und so auch Fahrten ins Ausland anbieten.
„Mit dem starken Ausbau unserer Zugflotte starten wir eine neue Ära des Zugreisens in Deutschland und Europa“, erklärt André Schwämmlein, CEO und Mitgründer von Flix. Ziel von FlixTrain sei es, mehr Menschen für nachhaltiges Reisen mit dem Zug zu gewinnen, so Schwämmlein. Die Politik sieht die Bestellung der neuen Züge ebenfalls positiv: „Wir begrüßen die Investition von FlixTrain ausdrücklich. Dass ein deutsches Tech-Unternehmen in dieser Größenordnung investiert, ist ein starkes Signal für den Schienenmarkt,“ so Patrick Schnieder, Bundesminister für Verkehr.
Die Talgo-230-Plattform zeichnet sich durch ihre Barrierefreiheit bei 76 cm hohen Bahnsteigen aus, wie sie im deutschen Fernverkehr üblich sind; dort ermöglichen sie einen stufenlosen Einstieg der Fahrgäste. Zusätzlich bietet sie Fahrgastinformationssysteme, Wi-Fi und einen hohen Reisekomfort. Die Deutsche Bahn (DB) bestellte bereits am 13. März 2019 zunächst 23 Züge dieser Bauart als ICE-L und erhöhte die Bestellung im Mai 2023 um weitere 56 Garnituren. Auch die Dänische Staatsbahn (Danske Statsbaner / DSB) orderte insgesamt 16 Züge und setzt wie FlixTrain auf den als bewährt angesehenen Vectron als Zuglok, während die DB dafür Loks der neuen Baureihe 105 bei Talgo einkaufte.
Auffallend kurz sind die Wagen des neuen FlixTrain. Gut zu erkennen sind der tiefe Einstieg und die Wagenübergänge.
(Bild: Flixtrain)
Kurze Wagen und bewährte Lauftechnik
Die jetzt bestellten Züge bestehen aus einem Steuerwagen mit Führerstand, einer variablen Anzahl von Zwischenwagen mit hoher Fahrgastkapazität, davon einem für Personen mit eingeschränkter Mobilität und einem Endwagen, der das Ankuppeln der Lokomotive ermöglicht. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe von FlixTrain und Talgo hat weitere projektorientierte Verbesserungen vorgenommen, um eine große betriebliche Effizienz zu gewährleisten.
Jeder der Wagen ist, zumindest bei den DB- und DSB-Varianten, nur 13,3 Meter lang und in Leichtbauweise ausgeführt. Sie sind so typischerweise um 30 Prozent leichter als andere Züge. Ihre Besonderheit ist, dass lediglich die End- und Steuerwagen an einem Ende über Drehgestelle verfügen, und sich ansonsten immer zwei Wagenkästen auf einen gemeinsamen Losradsatz abstützen.
Detail des Losradsatzes des Talgo-Zugs. Unten rechts erkennbar ist die nicht rotierende Achse, auf der sich die „losen“ Räder drehen.
(Bild: Richard Oed)
Bei diesen drehen sich die Räder unabhängig voneinander, die Achse rotiert nicht mit. Zusätzlich wird bei Kurvenfahrt jede Achse durch das vorauslaufende Laufwerk ausgelenkt und läuft so weniger an der Schiene an. Beide Techniken reduzieren, zusammen mit dem niedrigen Fahrzeuggewicht, den Verschleiß sowohl des Gleises als auch des Fahrwerks und verringern so die Unterhaltungskosten. Das Talgo-Laufwerksprinzip ist bereits seit Ende der 1930er-Jahre bekannt und wurde seit 1950 zunächst in Spanien und später in weiteren Regionen, darunter Saudi-Arabien, Ägypten und Nordamerika, eingesetzt.
Das Laufwerksportal des Talgo 230 steckt voller Technik. Die normalerweise vorhandene Durchgangstür ist hier abgedeckt.
(Bild: Richard Oed)
Europaweiter Einsatz möglich
Konstruktiv ist die Talgo-230-Plattform für einen Betrieb in ganz Europa ausgelegt; als Erstes werden die Züge für Deutschland, Österreich, die Niederlande, Dänemark und Schweden zugelassen. Die notwendigen Zulassungsfahrten werden zurzeit bei der DB und der DSB durchgeführt. Der abgeschlossene Vertrag überträgt Talgo auch für die ersten 15 Jahre nach Lieferung die Wartung der Gliederzüge. Dazu verfügen diese über tausende Sensoren, die bis zu 2 GB Daten in Textform in die Cloud übermitteln. Durch den Einsatz von KI-Modellen gewährleistet der Fernwartungsdienst von Talgo dann nach eigenen Angaben höchste Zuverlässigkeit bei minimalen Standzeiten in der Werkstatt.
Stand: 08.12.2025
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Derzeit bedient FlixTrain in Deutschland 50 Städte im Schienenfernverkehr, betreibt diese Verbindungen mithilfe mehrerer Partner und mit älterem Zugmaterial. Über eine Kooperation mit Regionalzuganbietern sind hierzulande insgesamt 650 Ziele über FlixTrain buchbar. Damit verfügt Flix über das größte private Fernverkehrsnetz auf der Schiene in Deutschland und steht so im direkten Wettbewerb zur Deutschen Bahn. (se)