Mehrparteienhäuser Wallbox: „Möglich ist es immer“

Autor: Christoph Seyerlein

Die private Wallbox ist nur etwas für Eigenheimbesitzer, oder? Falsch, sagt Max Wojtynia vom Start-up Heimladen. Wir haben ihn bei einem Termin begleitet und uns angesehen, welche Hürden auf dem Weg zum eigenen Ladepunkt lauern können.

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Wer Elektroauto fährt, kann eine Lademöglichkeit zuhause im Normalfall gut gebrauchen.
Wer Elektroauto fährt, kann eine Lademöglichkeit zuhause im Normalfall gut gebrauchen.
(Bild: ADAC)

Bald muss er weichen. Dabei steht der Saab 900i auf seinem Duplex-Stellplatz mitten in der Würzburger Innenstadt gut da. H-Kennzeichen Olivegrüner Lack, beigebraunes Interieur – optisch top in Schuss, sieht man mal über den leicht zerfledderten Dachhimmel hinweg. Und doch soll der Oldtimer weg. Warum? Sein Besitzer erklärt: „Es wird Zeit für ein Elektroauto. Ich habe mir den VW ID Buzz bestellt. Hoffentlich kommt er wie angekündigt nächstes Jahr.“

Der Saab rechts oben soll im kommenden Jahr einem VW ID Buzz weichen.
Der Saab rechts oben soll im kommenden Jahr einem VW ID Buzz weichen.
(Bild: Seyerlein/VCG)

Vom schnuckeligen Oldie-Coupé also zum mit Spannung erwarteten Elektro-Bulli – weiter kann man sich in einem Schwung kaum drehen. Doch mit dem Auto allein ist es nicht getan: Um die perfekten Voraussetzungen für den Start ins Elektro-Zeitalter zu haben, braucht es noch eine Lademöglichkeit in der Garage. Denn zuhause laden ist komfortabler und günstiger als an öffentlichen Säulen.

E-Auto und Wallbox werden gefördert

Elektroautos haben in Deutschland nicht zuletzt seit der Verdopplung der staatlichen Förderung im Juni 2020 einen Boom erfahren. Im Juni 2021 war fast jedes siebte neu zugelassene Auto (12,2 %) hierzulande ein reinelektrisches. Rasant stieg parallel dazu die Nachfrage nach privaten Lademöglichkeiten. Auch den Einbau sogenannter Wallboxen fördert der Bund mit bis zu 900 Euro. Bis Mitte Juli waren bei der zuständigen Kfw-Bank bereits etwa 620.000 Anträge eingegangen.

Auch der Noch-Saab-und-bald-E-Bulli-Besitzer will eine Wallbox. Und da kommt Max Wojtynia ins Spiel. Schwungvoll und geräuschlos fährt er mit seinem roten Tesla Model 3 im Innenhof des Mehrparteienhauses vor. „Das Auto passt schon mal, liegt aber ganz schön tief“, begrüßt ihn der Wohnungsbesitzer. „Ist alles für die Aerodynamik“, entgegnet ihm Wojtynia, knapp 1,90 Meter, kurz, leicht ergraute Haare, große schwarze Sonnenbrille, grinsend.

„Die Frage ist, ob die Leute das schon wissen“

Mit seinem Start-up Heimladen hat sich der Würzburger Mitte 2020 auf Ladetechnik für Mieter, Vermieter, Hausbesitzer und Hausverwaltungen spezialisiert. Wojtynias Credo: „Möglich ist es immer, eine Lademöglichkeit zuhause zu schaffen. Bei Einfamilienhäusern muss man nur fünf Meter Kabel legen, bei anderen Geschichten ist deutlich mehr Aufwand nötig. Aber wie gesagt: Möglich ist es immer. Die Frage ist, ob die Leute das schon wissen.“

Schließlich begegnen einem manche Fragezeichen, wenn man sich für das Thema interessiert: Habe ich als Mieter einen Anspruch auf eine Wallbox? Wie funktioniert das mit der Förderung? Welche Kosten kommen auf mich zu? Und: Ist das Stromnetz überhaupt stabil genug, wenn immer mehr Leute ihre Elektroautos anstöpseln?

Mieter: Anspruch auf Ladeanschluss

Wojtynia arbeitet daran, Menschen, die zwar an der Elektromobilität interessiert sind, aufgrund solcher Fragen aber noch zweifeln, die passenden Antworten zu liefern. Und er hat gute Argumente auf seiner Seite. Da wäre beispielsweise das Wohnungseigentumsmodernisierungsgesetz. Klingt sperrig, ist aber wichtig. Denn seit Dezember 2020 haben Wohnungseigentümer und Mieter einen rechtlichen Anspruch auf eine Lademöglichkeit an ihrer Wohnanschrift.

So wirklich durchgedrungen ist das aber offenbar zu vielen noch nicht. „Mieter kommen bislang kaum einmal auf uns mit solchen Anfragen zu. Anders sieht es bei Eigentümern aus“, sagt Ben Spielbauer von der HKB Immobilienverwaltung.

Max Wojtynia hat sich mit seinem Start-up Heimladen auf Wallbox-Dienstleistungen für Eigenheimbesitzer, Vermieter und Hausverwaltungen spezialisiert.
Max Wojtynia hat sich mit seinem Start-up Heimladen auf Wallbox-Dienstleistungen für Eigenheimbesitzer, Vermieter und Hausverwaltungen spezialisiert.
(Bild: Seyerlein/VCG)

Hinzu kommt: Die Verantwortung liegt letztlich beim Mieter oder Vermieter, nicht bei der Hausverwaltung. Den Antrag müssen Interessenten vor der Installation stellen. Mancher scheut dabei den Bürokratieaufwand. Max Wojtynia sagt: „Das Interesse muss schriftlich hinterlegt werden. Ein mündliches Bekunden reicht nicht. Das macht das Ganze oft noch etwas zäh.“ Noch schwerer werde es häufig, wenn Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) entscheiden. „Da gibt es schon einmal Quertreiber. Außerdem wohnen die gerne mal in komplexen Bauten.“

Wie dick das Brett ist, das Wojtynia zu bohren versucht, muss er mit seinem Unternehmen regelmäßig feststellen: Aktuell laufen ihm zufolge rund 70 Angebote für die Elektrifizierung von Mehrfamilienhäusern. „Bei gerade einmal vier oder fünf bekommen wir eine Einladung zur Eigentümerversammlung“, seufzt der Unternehmer.

E-Auto in der Duplex-Garage laden

Schon besser sieht es bei dem Termin in der Würzburger Innenstadt aus. Auch hierbei handelt es sich um eine WEG. Neben dem Saab-Fahrer will aber noch eine weitere Eigentümerin einen Ladepunkt. Das hilft allen Beteiligten. „Je mehr Bewohner sich beteiligen, desto eher lohnt sich die Investition“, erklärt Wojtynia. Ein Kinderspiel wird der Auftrag dennoch nicht. Die Autos der Interessenten stehen in einer Duplex-Garage auf unterschiedlichen Ebenen. Heißt: Es braucht oben und unten einen Ladeanschluss mit flexiblem Kabel. Dafür braucht es zunächst die Zustimmung des Duplex-Herstellers. Hinzu kommt: Die Rückwand der Garage und der Stromanschluss gehören zu einer anderen Immobilie. Auch dort muss noch eine Erlaubnis für das Vorhaben eingeholt werden.

Mit Zweifeln müssen die Beteiligten dabei rechnen. Wie stabil ist beispielsweise das Stromnetz? Die Bundesnetzagentur teilte zuletzt mit, dass bis 2030 über 100 Milliarden Euro in das Netz fließen müssten, um es fit für die Energiewende zu machen. Zehn Millionen Elektroautos würden etwa einen zusätzlichen Strombedarf von knapp sechs Prozent bzw. 30 TWh bedeuten. Den Netzbetreibern zufolge ist das kein Problem. 2020 sei gar ein Stromüberschuss von zehn TWh exportiert worden.

Genügend Strom? Netzbetreiber geben sich entspannt

Doch gibt es auch genügend grünen Strom? Denn nur, wenn ein Elektroauto mit Energie aus regenerativen Quellen geladen wird, gibt es die Wallbox-Förderung. Daran wird ein Ausbau Stand jetzt wohl nicht scheitern. Auch nicht bei unserem Fall in Würzburg. Der dortige Versorger Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH teilt mit: „Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien ist das machbar. Aktuell ist eher die Installation sowie Verfügbarkeit und die Lieferung von Wallboxen die limitierende Größe.“

In Würzburg sei seit Jahresbeginn die Nutzung von Ladestationen um 50 Prozent gestiegen. Einen Blackout hat es seitdem nicht gegeben. Auch in großem Maße stellen Wallbox-Installationen kein unüberbrückbares Hindernis dar: In Nürnberg ging beispielsweise erst Ende Juli ein Parkhaus mit 128 Ladepunkten ans Netz.

Der Grünstrom-Anteil in Deutschland steigt stetig.
Der Grünstrom-Anteil in Deutschland steigt stetig.
(Bild: Bundesumweltministerium)

Brandschutz: Panik unangebracht, Information wichtig

Nicht weit von Nürnberg entfernt sorgte eine Kleinstadt im Februar für Aufsehen: Die Stadt Kulmbach sprach zeitweise ein Verbot aus, Elektroautos in Tiefgaragen abzustellen. Als Grund führten die Entscheider die Brandgefahr ins Feld. Hintergrund war kurioserweise ein brennender Benziner-Golf in einer Tiefgarage, der 200.000 Euro Schaden anrichtete. Die Befürchtung des Tiefbauamts seiner Zeit: Elektroautos könne man erst gar nicht löschen, man müsse sie stattdessen ausbrennen lassen. Die Schäden dürften in einem solchen Fall noch gravierender ausfallen.

Was ist da dran? Verschiedene Institutionen wie ADAC oder Dekra haben bei Crashtests festgestellt, dass Elektroautos nicht stärker zum Brennen neigen als Verbrenner. Eher im Gegenteil. Bleibt die Frage, was passiert, wenn es doch einmal brennt. Laut Forschern der Schweizer Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa kann die Feuerwehr auch brennende E-Autos kontrollieren. Der Löschvorgang könne aber durchaus komplexer sein als bei Benzinern oder Dieseln. Brennende Batterien müssen in einem Wasserbad gekühlt werden.

Die Feuerwehr muss bei solchen Einsätzen darauf achten, dass das giftige Lösch- und Kühlwasser nicht unbehandelt in die Kanalisation gelangt. Panikmache ist also auch beim Thema Brandschutz unangebracht, dennoch ist es wichtig, darüber Bescheid zu wissen, dass ein brennendes E-Auto eine größere Herausforderung darstellen kann als ein brennender Verbrenner. Die Stadt Kulmbach kassierte ihr Stromer-Verbot in Tiefgaragen nach wenigen Wochen übrigens wieder ein.

Geduld ist gefragt

Zurück in die Würzburger Innenstadt. Anbieter, Eigentümer und Hausverwaltung sind sich einig: Die Wallbox soll kommen. Noch gibt es einige Punkte zu klären. Zudem müssen die Interessenten Wartezeit einkalkulieren. „Elektriker sind Mangelware. Mindestens drei bis vier Wochen kann es aktuell schon dauern, bis einer Zeit hat“, sagt Max Wojtynia. Deshalb rät er künftigen E-Mobilisten: schnell sein.

„Jetzt gibt es die beste Förderung. Die Wallbox ist praktisch umsonst, beim Auto bekommt man bis zu 9.000 Euro geschenkt. Und der Strom ist noch relativ günstig. Auch das wird sich ändern.“ Dann klingelt sein Smartphone. Ein Großkunde mit Tiefgarage will Informationen. „Da muss ich hin“, lächelt Wojtynia, springt in sein rotes Model 3 und summt flott vom Hof.

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Über den Autor

 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Fachredakteur Next Mobility