Wohl auch weil der 225 km/h flotte Big Benz mit serienmäßiger Viergang-Automatik seine Kraft so sanft und leise entfaltete, während andere, vergleichbar rasante Boliden ihr Temperament stets mit Gebrüll inszenierten. Dass die Fachpresse anfangs weder die Vmax noch die Fabel-Beschleunigungszeit von 6,5 Sekunden wiederholen konnte, tat dem Ruhm des am hellsten strahlenden Sterns keinen Abbruch. Schließlich hinterließ der fünf Meter lange Liner beim brachialen Beschleunigungs-Kickdown schwarze Streifen auf dem Asphalt, die von der Belastbarkeit seiner Reifen erzählten. Denn auch das war damals neu: Der schon leer mehr als 1,7 Tonnen schwere, luftgefederte Kreuzer konnte längere Distanzen mit Vmax ohne Auflösungserscheinungen seiner vier Gummis absolvieren.
Tatsächlich galt das rasende Chefzimmer als erstes europäisches Fahrzeug mit serienmäßig breiten Niederquerschnittsreifen der Serie 195 VR Type 70. Damit der Benz nicht nur brutal beschleunigen, sondern ebenso bremsen konnte, bekam er vorn und hinten innenbelüftete Scheibenbremsen. Die Standfestigkeit dieses Sicherheitsfeatures bewies der fünffache Formel-1-Weltmeister Juan Manuel Fangio, indem er einen 300 SEL 6.3 im Vorfeld des Grand Prix von Deutschland mit Bestzeiten über den Nürburgring trieb. Rallye-Champion Rauno Aaltonen und Tourenwagen-Europameister Dieter Glemser prügelten den weltweit schärfsten V8-Viertürer derweil über den Hockenheimring, nur um zu demonstrieren, dass die Serienreifen Renntalente besaßen.
Im Jahr 1969 – da hatte ein speziell präparierter 300 SEL 6.3 beim Sechs-Stunden-Rennen von Macao bereits einen Überraschungssieg gelandet – trug Rauno Aaltonen mit einem aufgerüsteten 6,8-Liter-V8 sogar ein hausinternes Mercedes-Duell gegen den gerade gelaunchten Stuttgarter Superstar C 111 aus. Die tempogeladenen Pressebilder vom Hockenheimring zeigen, wie der Hubkolben-V8 den Wankel-Technologieträger auf Distanz hält, ob es aber zum Sieg für den 300 SEL 6.8 reicht, bleibt spannendes Geheimnis.
Ein wenig mysteriös ist bis heute auch, wie viele Prominente sich damals die einzige Hochleistungslimousine gönnten, die sich ernsthaft mit sportlichen Statussymbolen wie Porsche 911 S oder Jaguar E-Type messen konnte. Während es die meisten Politiker beim volksnäheren Sechszylinder-Modell 300 SEL beließen oder wie Bundeskanzler Willy Brandt auf den Ende 1969 lancierten 300 SEL 3.5 V8 wechselten – dies inklusive der Doppelscheinwerfer – waren nicht wenige Reiche und Schöne sowie Showstars euphorisiert vom wahnsinnigen Temperament des ersten Mercedes-Achtzylindermotors der Nachkriegszeit. Sogar Steve McQueen soll „the greatest sedan“ über amerikanische Highways getrieben haben.
Power ohne Protz schützte in den Jahren des gesellschaftlichen Umbruchs vor Attacken. Besonders in Europa wurde nun der Nerz nach innen getragen, weniger Schein als Sein war angesagt. Mit dem 300 SEL 6.3 nahm Mercedes diesen Trend vorweg – zufällig. Tatsächlich sollen es nämlich andere Gründe gewesen sein, die zur Entwicklung der ultimativen S-Klasse führten. Da waren zum einen die zusätzlichen Absatzmöglichkeiten für den aufwändig entwickelten und anfangs nur im Modell 600 eingesetzten V8 des Typs M 100. Hinzu kam eine Kampfansage aus Rüsselsheim, denn Opel verkaufte sein Spitzenmodell Diplomat mit amerikanischem V8.
Als dann auch noch der italienische Supercar-Spezialist Iso Rivolta mit dem viertürigen Fidia S4 inklusive 5,4-Liter-V8 nach dem Blauen Band des schnellsten Autobahnliners griff, ließ Mercedes seinem legendären Versuchsingenieur Erich Waxenberg freie Hand. Waxenberg schärfte den 300 SEL, auch weil er Einsätze bei Tourenwagenrennen im Sinn hatte. Dort allerdings war es vor allem der 1967 gegründete Tuner AMG, der mit einer vom Volksmund „rote Sau“ genannten 6,8-Liter-S-Klasse für Furore sorgte. 265 km/h und damit mehr Tempo als V12-Ikonen wie der Lamborghini Espada erreichten die schnellsten AMG, die in verschiedenen Leistungsabstufungen auch als Straßenversion ausgeliefert wurden.
„Nun ist nichts mehr, wie es war“, meinten Motorjournalisten bei der ersten Pressevorstellung des Mercedes 300 SEL 6.3. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Audi 100: Geheimprojekt mit Mercedes-Genen
120 Jahre Renault – Eine französische Erfolgsgeschichte
(ID:45151461)