Mercedes 300 SEL 6.3: Der wildeste 68er war ein braver Benz

| Autor / Redakteur: spx / Benjamin Kirchbeck

In manchem Biedermann steckt auch ein Brandstifter: Vor 50 Jahren verblüffte die Mercedes S-Klasse mit wilder Muscle-Car-Power. Die Prestigelimousine bediente sich des V8 aus dem Mercedes 600 und machte Jagd auf Sportwagen.

Der 184 kW kräftige 6,3-Liter-V8 machte aus dem 300 SEL Deutschlands schnellste Serienlimousine. 6,5 Sekunden für den 0-100-Sprint bedeuteten sogar inoffiziellen Weltrekord. Noch heißblütiger waren nur die AMG-Versionen mit 6,8 Litern Hubraum und bis zu 315 kW.
Der 184 kW kräftige 6,3-Liter-V8 machte aus dem 300 SEL Deutschlands schnellste Serienlimousine. 6,5 Sekunden für den 0-100-Sprint bedeuteten sogar inoffiziellen Weltrekord. Noch heißblütiger waren nur die AMG-Versionen mit 6,8 Litern Hubraum und bis zu 315 kW.
(Bild: Daimler)

Er war das Supercar unter den leistungsstärksten Limousinen der 1960er Jahre, ein überschneller Asphaltbrenner, wie ihn von der altehrwürdigen Marke Mercedes niemand erwartet hatte. Ganz im Trend der Muscle-Car-Ära, die aus Amerika nach Europa geschwappt war, vereinte der 300 SEL 6.3 die noch alltagskompakte Karosserie der S-Klasse mit der Antriebstechnik der riesigen Repräsentationslimousine des Typs 600.

Eine gelungene Kombination: Der 250 PS kräftige 6,3-Liter-V8 machte aus dem 300 SEL Deutschlands schnellste Serienlimousine, durch markante Halogen-Doppelscheinwerfer verschaffte sie sich freie Bahn. 6,5 Sekunden für den Null-auf-Hundert Sprint bedeuteten für einen Viertürer sogar inoffiziellen Weltrekord. Noch heißblütiger waren nur die AMG-Versionen des „Sechs-Dreiers“ mit 6,8 Litern Hubraum und bis zu 428 PS Leistung.

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Exakt 6.526 Käufer leisteten sich den Traumtyp 6.3, für den Mercedes anfangs knapp 40.000 Mark berechnete – das entsprach dem Preis von zwei Porsche 911 T oder zwei S-Klasse-Limousinen mit Sechszylindermotor. Trotzdem war für die V8-Käufer die Abwahl des Typensignets auf dem Kofferraumdeckel die populärste Option im großen Katalog der Sonderausstattungen. Inkognito reiste es sich einfach besser in jenen revolutionären Jahren des gesellschaftlichen Umbruchs.

Die Studenten machten Revolution und die Technik drückte aufs Tempo. 1968 war ein atemloses Jahr, das die Nachkriegswelt schneller veränderte als es die Menschen begreifen konnten. Apollo flog um den Mond, die kommenden Überschall-Flugzeuge warben um finanzkräftige Passagiere und die Autobahn – für viele immer noch Sehnsuchtserfüller als Urlaubsstraße nach Süden mit der Sonne als Ziel – musste erstmals parallel Platz bieten für langsame Lastwagen auf sogenannten Kriechspuren und neue, mehr als 200 km/h schnelle Businessliner auf der Überholbahn.

Zunächst waren dies zweitürige Gran Turismo wie BMW-Glas V8, Jaguar E-Type, Jensen Interceptor, Iso Rivolta GT oder Ferrari 365 GT 2+2. Dann aber durchbrachen auch Viertürer die 200-km/h-Schallmauer – allen voran der Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 mit dem monströsen V8-Motor aus der gigantischen Staatskarosse 600 Pullman. Ein Mix wie ein Pulverfass, denn der 6.3 sprengte alle bekannten Dimensionen.

Statt der vom Daimler-Vorstand erhofften mindestens 50 Käufer fand der schnellste deutsche Viertürer 130-mal so viele Fans und das auch jenseits des Atlantiks im Heimatland aller Muscle Cars. Die Amerikaner wählten die schwäbische Hochleistungslimousine in Leserbefragungen der Fachpresse sogar sofort zum „greatest sedan in the world“, deutlich vor Cadillac und Rolls-Royce.

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