Elektromobilität Hyundai Ioniq 5: Mit Öl – aber bitte nur aus Leinsamen, Mais oder Raps

Autor: Christoph Seyerlein

Der Ioniq 5 wird Hyundais neues Elektro-Aushängeschild. Doch die Koreaner wollen weit mehr als eine reine Antriebswende hinlegen. Sie schreiben sich Nachhaltigkeit auch an anderen Stellen auf die Fahne. Wir haben uns bei einer Testfahrt ein Bild davon gemacht.

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Der Hyundai Ioniq 5 ist das erste Auto der neuen Elektro-Familie der Koreaner.
Der Hyundai Ioniq 5 ist das erste Auto der neuen Elektro-Familie der Koreaner.
(Bild: Seyerlein/VCG)

Bei Leinsamen denkt man instinktiv an Superfood. Doch in den Kernen und dem Öl, das daraus gewonnen werden kann, steckt noch weit mehr. Hyundai färbt beim neuen Ioniq 5 beispielsweise seine Ledersitze statt mit tierischem mit Extrakten jenes Pflanzenöls. Auch ansonsten geben sich die Koreaner Mühe, Nachhaltigkeit nicht allein über den Antrieb zu definieren. In dem Auto finden sich an mehreren Stellen Upcycling-Produkte. Polsterungen bestehen aus Textilien mit Zuckerrohrfasern, Wolle und Garnen pflanzlichen Ursprungs. Auch recycelte PET-Flaschen setzen die Koreaner ein. Manche Oberfläche an Türen oder Schalter sind mit Bio-Lack aus Raps- oder Mais-Öl beschichtet.

Und das soll erst der Anfang sein. Denn der Ioniq 5 ist der erste Sprössling der neuen Ioniq-Familie. Die Nummern 6 und 7 stehen bereits in den Startlöchern. Und mit ihnen will Hyundai auch beim Nachhaltigkeitsaspekt noch einmal nachlegen. Was das konkret bedeutet, verraten die Koreaner noch nicht.

Hyundai will die Meere sauberer machen

Um ihr Engagement zu untermauern, sind sie aber beispielsweise zuletzt eine Kooperation mit der NGO Healthy Seas eingegangen. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, Meere von alten Fischernetzen und anderen Plastik-Abfällen zu befreien. Da in den Ozean inzwischen so viel Müll umherschwimmt, ist es schlicht nicht möglich, die gesammelten Mengen wegzuwerfen. Hyundai will künftig zumindest etwas Abhilfe schaffen, indem man aus dem Plastik durch Re- und Upcycling Produkte für Autos entwirft. Im Ioniq 5 kommt Plastik aus dem Meer beispielsweise in den Fußmatten zum Einsatz.

Das Modell ist für Hyundai aber natürlich nicht nur deshalb bedeutend. Vor allem wollen die Koreaner bei der Elektromobilität ein weiteres Ausrufezeichen setzen. Europachef Michael Cole sprach gar vom „wahrscheinlich wichtigsten Modell, das wir je auf den Markt gebracht haben.“ Allein in Europa hätten bereits rund 236.000 Menschen ihr Interesse an dem Auto bekundet. Die Launch-Edition „Project 45“ mit 3.000 Stück sei binnen einer Stunde locker vergriffen gewesen.

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Der Ioniq 5 soll helfen, die Elektrozahlen weiter nach oben zu schrauben. Im vergangenen Jahr setzte Hyundai auf dem Kontinent etwa 60.000 elektrifizierte Fahrzeuge ab. Für 2025 haben sich die Koreaner 560.000 reinelektrische Autos als Ziel gesetzt und wollen sich so zum führenden BEV-Anbieter werden. Kunden stellt der Hersteller mit „Charge my Hyundai“ derzeit 230.000 Ladepunkte in Europa zur Verfügung, beispielsweise über Ionity.

Doch womit soll der Ioniq 5 neben seinen teils nachhaltigen Materialien bei potenziellen Kunden punkten? Verfügbar ist das Auto mit Heck- und Allradantrieb. Hier erwartet der Hersteller, dass sich eine knappe Mehrheit (53 %) für die Allradvariante entscheiden wird. Dieser kostet 3.800 Euro Aufpreis. Bei der Batterie können Kunden zwischen 58 und 72,6 kWh wählen. Die Varianten mit Allradantrieb (173 kW/235 PS und 225 kW/305 PS) sind durch ihre Elektromotoren an beiden Achsen leistungsstärker als die Hecktriebler (125 kW/170 PS und 160 kW/217 PS). Der Startpreis liegt bei 41.900 Euro. Konkurrieren soll das Auto beispielsweise mit dem VW ID 4, dem Skoda Enyaq, dem Audi Q4 E-Tron und dem Mustang Mach-E.

Vieles gut, aber nicht alles

Auf einer rund dreistündigen Fahrt hinterließ der Ioniq 5 einen insgesamt entspannten, mancher würde vielleicht sagen unspektakulären Eindruck. Den BEV-typischen Antritt hat auch der neue Hyundai. Ansonsten ist er aber deutlich mehr Cruiser als Athlet. Das Fahrwerk ist nicht sonderlich straff abgestimmt. An den mit 17,7 kWh angegebenen Durchschnittsverbrauch kam unser Testwagen mit 18,5 kWh tatsächlich nahe heran.

Allerdings dümpelten wir auf unserer rund dreistündigen Probefahrt die meiste Zeit auch äußerst verbrauchsschonend durch das Hinterland von Valencia. Autobahnfahrten waren die Ausnahme und wenn maximal mit 120 km/h. Insgesamt standen am knapp 160 Kilometer auf dem Tacho. Macht also eine Durchschnittsgeschwindigkeit von nur knapp über 50 km/h auf weitgehend flachem Terrain bei akkufreundlichen Temperaturen um die 30 Grad. Viel besser hätte es der Ioniq 5 nicht erwischen können.

Zu gefallen weiß das Auto mit seinem gigantischen Raumangebot vorne wie hinten. Die verschiebbare Mittelkonsole ist clever konstruiert und bietet mehr als genug Ablagefläche. Insgesamt gibt es im Ioniq 5 fast zu viel Platz. Da ein Getriebetunnel naturgemäß wegfällt gibt es auch vorne ordentlich Stauraum. Dieser liegt allerdings so tief und ist so weit vom Fahrer entfernt, dass man dort besser nichts ablegen sollte, wonach man während einer Fahrt im Zweifel einmal schnell greifen muss. In den Kofferraum mit relativ hoher Ladekante passen bis zu 1.587 Liter. Zudem gibt es vorne einen Frunk 24 (Allrad) bzw. 57 Liter (Heckantrieb) Fassungsvolumen.

Vorne dominiert eine Infotainment-Zeile mit zwei nebeneinander platzierten 12,25-Zoll-Displays. Diese sind hell umrahmt und sollen den Ioniq 5 gemeinsam mit optionalen Liegesitzen – beispielsweise für Ladepausen – wohnlicher machen. Das Bedienkonzept kommt so wie beim Kona daher. Schade ist allerdings, dass der Lenkradkranz relativ klein daherkommt und dadurch Gefahr läuft, manches Element des digitalen Cockpits zu verdecken. Nicht vollends überzeugen konnte zudem das Head-up-Display, dass es nur in der höchsten Ausstattungsvariante „Uniq“ gibt. Die Informationen waren bei unserer Testfahrt teils etwas unscharf und in einem ungünstigen Winkel für das eigene Blickfeld dargestellt.

Auto als „riesige Powerbank“

Insgesamt könnte Hyundai mit dem Ioniq 5 aber ein Wurf gelungen sein. Das Auto ist ein Hingucker. Bei der Testfahrt zog das E-CUV einige Blicke auf sich, viele Köpfe drehten sich nach dem Neuankömmling. Verdientermaßen, denn beim Design haben sich die Koreaner deutlich mehr getraut als etwa die Konkurrenz aus dem Volkswagen-Konzern. Auch die Idee, das Fahrzeug zu einer „riesigen Powerbank“ (O-Ton Hersteller) zu machen, ist charmant. Der Hyundai Ioniq 5 kann andere Elektrogeräte über Adapter mit bis zu 3,6 kW laden, sogar auch andere Elektroautos.

Und auch mit der 800-Volt-Ladetechnik setzen die Koreaner ein Ausrufezeichen. An 350-kW-Schnellladesäulen soll eine Ladung von 10 auf 80 Prozent lediglich 18 Minuten dauern. Genügend Energie für 100 Kilometer Reichweite kann das Auto binnen 5 Minuten beziehen. Ebenfalls ein gutes Argument ist die achtjährige Garantie auf Auto und Batterie. Zum optionalen Solardach, das jährlich in sonnenreichen Regionen Energie für bis zu 1.500 Kilometer einspeisen soll, können wir nach nur einer Testfahrt keine realistische Aussage treffen.

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 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Entwicklungsredakteur