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Ford Mustang 1965 – Im autonomen Muscle Car der Zukunft entgegen

| Autor / Redakteur: Hubertus Breuer* / Benjamin Kirchbeck

In den kommenden Jahrzehnten werden die meisten Fahrzeuge autonom über die Straßen rollen. Dass die Technologie nicht auf neue Autos beschränkt ist, beweist eine Siemens-Kooperation mit der britischen Cranfield University. Beim „Goodwood Festival of Speed“ schickte Siemens einen autonom fahrenden 1965 Ford Mustang ins Rennen.

Schlägt die Brücke von Oldtimern in die Zukunft: der silberne 1965 Ford Mustang, gesteuert von einem Computergehirn samt Sensoren und Mechatronik.
Schlägt die Brücke von Oldtimern in die Zukunft: der silberne 1965 Ford Mustang, gesteuert von einem Computergehirn samt Sensoren und Mechatronik.
(Bild: Siemens)

Ob Renn- und Testfahrer, passionierte Oldtimerfans oder sonstige auserwählte Petrolheads – für sie alle ist es eine Ehre, im Sommer einmal den Hillclimb des „Goodwood Festival of Speed“ in England zu bestreiten – sei es im Cockpit von Formel-1-Boliden, in aus Werksmuseen abgestellten Silberpfeilen, in PS-bepackten Supersportwagen oder innovativen Prototypen.

Doch dieses Jahr, zum 25-jährigen Jubiläum des traditionellen PS-Spektakels im Schlosspark des Duke of Richmond, schickt die britische Cranfield University in Kooperation mit Siemens einen Wagen in das renommierte Zeitfahren, der die Brücke von Oldtimern in die Zukunft schlägt: einen silbernen 1965 Ford Mustang, gesteuert von einem Computergehirn samt Sensoren und Mechatronik. „Mithilfe der Ingenieure und Studenten der Cranfield University“, sagt Juergen Maier, CEO von Siemens UK, „vermählen wir das stolze Erbe der Autobranche mit ihrer Zukunft, dem autonomen Fahren.“

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In Goodwood ist die Zukunft nicht nur in Gestalt des silbernen Ford Mustang zu Gast. Am Siemens-Stand im „Future Lab“-Zelt findet sich neben einem Aston Martin Red Bull Racing RB6-Rennwagen auch sein digitaler Zwilling, entstanden – wie übrigens alle virtuellen Vorlagen für Red-Bull-Formel-1-Wagen – mithilfe der Siemens-Konstruktionssoftware PLM. In einer Virtual-Reality-(VR)-Simulation erleben Besucher im „Future Lab“ zudem die Revolution des Wageninneren: Wo es keinen Fahrer mehr gibt, bieten sich ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten. Und am Beispiel des Sportwagens „La Bandita“ des kalifornischen Start-ups Hackrod erleben sie, wie sich Kunden ihre Sportwagen und andere Fahrzeuge eines Tages spielerisch maßschneidern und dann sogar ausdrucken können.

Zur Vorbereitung in den Rennsimulator

Voraussetzung für die Umrüstung des Ford Mustang war ein digitales 3D-Modell des Hillclimb, das Bentley Systems und Siemens bereits 2017 für Goodwood entwickelt hatten. Dabei fotografierte eine Drohne die Strecke, die außerdem von einem mit einem Laser ausgestatteten Wagen gescannt wurde. Diese Daten erlaubten es, ein akkurates Modell der Strecke zu erzeugen. Beim letzten „Goodwood Festival of Speed“ konnten Besucher des „Future Lab“ dann mithilfe eines VR-Headsets hautnah erleben, wie es ist, mit einem Ducati-Motorrad die nur 1,86 Kilometer lange, aber auch kaum mehr als zwei Meter breite Hügelstrecke hochzurasen.

Dieses Modell nutzte das Team der Cranfield University, um in einem Rennsimulator zu testen, ob es mit einem Ford Mustang die Strecke autonom bewältigen könnte. Antwort: positiv. Dann legte es anhand einer 3D-Karte eine ideale Fahrstrecke fest. Auf dem Hillclimb selbst orientiert sich der Ford Mustang mithilfe seiner Sensoren, die ihn wiederum in der 3D-Karte verorten. Innen wie außen ist er außerdem mit Kameras ausgestattet, damit das Publikum die autonome Spritztour live verfolgen kann. Einen menschlichen Mitfahrer gibt es freilich dennoch, er greift aber nur notfalls ein.

Die größte technische Herausforderung für die Ingenieure war es, das mechatronische System so einzurichten, dass es die Bremsen, Lenkung und Beschleunigung des Oldtimers korrekt steuert. Im Vergleich zu modernen Fahrzeugen kann man vom klassischen „Muscle Car“ nicht gerade sagen, dass es ein Inbegriff für Präzision sei – das Lenkrad hat viel Spiel, die Trommelbremsen reagieren nicht so flott, wie man sich das wünschen würde. „Die autonome Steuerung muss mit dieser Variabilität erst zurechtkommen“, erklärt Fahrzeugingenieur James Brighton von der Cranfield University.

Revolution im Wagen

Autonomes Fahren bedeutet natürlich mehr. Wenn es keinen Fahrer mehr braucht, eröffnet das radikal neue Gestaltungsmöglichkeiten für das Wageninnere. Besucher des „Future Lab“ können sich auf zwei drehbare Vordersitze und eine Rückbank setzen und dank VR-Brillen einen komplett neu erfundenen Autoinnenraum erleben. Zunächst zieht vor den Seitenscheiben eine Stadtlandschaft an ihnen vorbei. Wenig später zeigt ein Display in den Scheiben, was die Laser- und Infrarotsensoren des Autos wahrnehmen. Dann läuft ein Kurzfilm auf dem Display, ehe die wenige Minuten dauernde Fahrt vor dem virtuellen Herrenhaus von Goodwood endet. „Siemens-Technologie wird künftig eine zentrale Rolle für das Design des Wageninneren spielen – von den Sitzbezügen bis hin zu den elektronischen Benutzeroberflächen zur Steuerung des Autos“, sagt Ed Bernardon, Vice President für Strategische Automobilinitiativen bei Siemens. „Und mehr: Mittels Simulationen können wir das Design der Fahrzeuge sowie die Entwicklung der Sensorsysteme und der Produktionsanlagen beschleunigen.“

In Zukunft werden autonome Fahrzeuge sich auch vermehrt auf Vernetzung verlassen. Sie werden beispielsweise direkt und über WLAN-Signalmasten am Straßenrand mit anderen Fahrzeugen und vernetzten Verkehrsleitzentralen kommunizieren. Das ermöglicht es etwa, die Geschwindigkeit anzupassen und nachfolgende Fahrzeuge vor möglichen Gefahren zu warnen. Und es kann helfen, Tempolimits und Ampelschaltungen anzupassen, um den Verkehrsfluss zu optimieren. In Goodwood werden diese Technologien zur Verkehrssteuerung, wie sie auch Siemens entwickelt hat, noch nicht eingesetzt. Auf dem Hillclimb gibt es schließlich keinen Stau, jedes Fahrzeug rast allein gegen die Uhr. „Aber nächstes Jahr wäre es zumindest möglich, dass ein autonomer Wagen die Flaggenzeichen an der Strecke erkennt und entsprechend reagiert“, sagt Brighton. „Doch ob das hilft, Nick Heidfelds 41,6-Sekunden-Streckenrekord von 1999 zu schlagen? Das wird wohl noch etwas länger dauern.“

* * Der Beitrag erschien im "Pictures of the Future", das Siemens-Magazin für Forschung und Innovation

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