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Ein transformatives Momentum: Der Einfluss der Generation Z auf die Mobilität

| Autor / Redakteur: Philip Beil / Benjamin Kirchbeck

Die sogenannten Babyboomer haben die Autokultur, wie wir sie kennen, definiert. Doch nun prägt die Generation Z, also die heutigen Teenager bis Mittzwanziger, ein völlig neues Mobilitätsverständnis.

Automobilhersteller und Mobilitätsanbieter müssen sich an den Wandel anpassen, den die jungen Digital Natives - die Kaufentscheider der Zukunft - vorantreiben, um zu überleben.
Automobilhersteller und Mobilitätsanbieter müssen sich an den Wandel anpassen, den die jungen Digital Natives - die Kaufentscheider der Zukunft - vorantreiben, um zu überleben.
(Bild: Clipdealer)

In Zeiten von Abo-Modellen á la Netflix und Spotify wird immer mehr geteilt und immer weniger besessen. Wir erleben einen signifikanten Shift vom Eigentum zur Nutzerschaft. Dieser Trend beeinflusst nicht nur das Verbraucherverhalten, sondern unsere gesamte Mobilitätskultur.

Im Vereinigten Königreich zum Beispiel ist die Zahl junger Erwachsener (im Alter von 17 bis 20 Jahren) mit Führerschein seit den 1990er Jahren um 40 Prozent zurückgegangen. Auch in Deutschland machen Jugendliche - trotz der Option auf begleitetes Fahren ab 17 - immer später ihren Führerschein. Das Auto verliert zunehmend an Bedeutung als Statussymbol, insbesondere für die Gen Z.

Vom Eigentum zur Nutzerschaft

Dies hat verschiedene Gründe. Ein Hauptfaktor sind die Kosten. Bei steigenden Lebenshaltungskosten können sich viele junge Erwachsene den Kauf eines Autos einfach nicht mehr leisten. Auch der Standort spielt eine Rolle. Ein viel geringerer Anteil der Gen Zler lebt heute auf dem Land, wo sie auf das Auto als Hauptverkehrsmittel angewiesen sind. Dazu kommt der Trend, dass die jüngeren Generationen sich bewusst dafür entscheiden, viel später eine Familie zu gründen, als es ihre Eltern oder Großeltern es taten. Dadurch sinkt die Notwendigkeit, ein eigenes Auto zu besitzen.

Auch die fortschreitende Digitalisierung und das Aufkommen neuer Mobilitätsdienste fördern diesen Trend. Ridesharing-Anbieter wie Uber und Lyft, Last-Mile-Produkte wie E-Scooter und On-Demand-Services verändern unsere Mobilität zunehmend, wenn auch hauptsächlich in den Städten. Sie schließen die letzten Lücken in der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur.

Für die Gen Z ist das Auto nicht mehr das Mittel der Wahl, wenn es darum geht, von A nach B zu gelangen. Das Auto ist nur eine Option unter vielen. Das wachsende Umweltbewusstsein junger Menschen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist für diese Generation ein wichtiges Anliegen, was die ökologische Digitalisierung der Mobilität zu einem zunehmend interessanten Konzept macht.

Gen Zler sind digital geboren und leben ihr Leben online. Sie genießen den Komfort, ad hoc zwischen digital angebotenen Mobilitätslösungen wechseln zu können. Die Auswahl unterschiedlicher Transportmöglichkeiten steht ihnen permanent zur Verfügung. So erklärt sich auch, warum der Marktanteil der neuen Mobilitätsanbieter innerhalb der Gen Z rasant wächst. Innovative Geschäftsmodelle wie Carsharing, temporärer Fahrradverleih, Auto-Abonnements oder kombinierte Mobilitätslösungen gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Städtisches versus ländliches Leben

Man muss klar zwischen städtischen und ländlichen Gebieten und den Bedürfnissen der jeweiligen Bewohner unterscheiden. Ländliche Gebiete verfügen oft über keine verlässliche Infrastruktur und mangelnde öffentliche Verkehrsverbindungen. Die Bewohner müssen meist lange Wege zur Arbeit, zu Einkaufsmöglichkeiten und sonstigen Aktivitäten in Kauf nehmen. Im ländlichen Raum wird das eigene Auto für Gen Zler daher auch in Zukunft das bequemste Verkehrsmittel bleiben, allein schon aufgrund des Mangels an anderen Optionen. Sharing-Modelle oder ähnliche Alternativen können derzeit außerhalb der Ballungsräume nicht rentabel betrieben werden.

In den Städten sieht die Lage anders aus. Die meisten Kommunen verfolgen das Ziel, die Kohlendioxidemissionen zu reduzieren und den Individualverkehr mit dem Auto innerhalb des nächsten Jahrzehnts aus den inneren Stadtgebieten zu verbannen. Entsprechende Initiativen sind beispielsweise die „Future of Mobility Grand Challenge“ der britischen Regierung oder der Plan der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die französische Metropole zur „Stadt der 15 Minuten“ zu machen.

Auch in Deutschland gibt es massive Bestrebungen zur Verkehrsberuhigung in den Innenstädten. Hohe Treibstoffkosten, teure Versicherungen und mangelnde Parkmöglichkeiten stehen einem breiten Angebot an billigeren, bequemeren Transportmöglichkeiten gegenüber. Dies wird durch den starken Anstieg der Lebenshaltungskosten in städtischen Gebieten noch weiter konterkariert. Für die in der Stadt lebenden jungen Konsumenten wird der Besitz eines eigenen Autos daher immer weniger attraktiv. Er wird eher zum Luxus als zur Notwendigkeit.

Für viele Gen Zler stellen integrierte Apps, die Services wie öffentliche Verkehrsmittel, Carsharing, Taxidienste, Leihfahrräder und -Scooter etc. kombinieren, die finanziell attraktivere Alternative dar. Diese Option kommt gleichzeitig ihrem gemeinsamen Interesse am Umweltschutz zu Gute. Auch sind Elektrofahrzeuge für junge Verbraucher bislang nicht wirklich attraktiv, da sie teuer in der Anschaffung sind und oft als "uncool" in Bezug auf Styling oder Marke empfunden werden, insbesondere im Preiseinstiegssegment.

Der Besitz eines Autos als gesellschaftliches Statussymbol hat heute nicht mehr die Bedeutung früherer Generationen. In einer Zeit, in der Experience alles ist, herrscht hohe Konkurrenz um die Investitionen der Generation Z. Heute geben viele ihr Geld lieber für Reisen und Unterhaltungserlebnisse aus oder sparen für Eigentum, als in ein Auto zu investieren.

Erst wenn sie eine eigene Familie gründen und sich ihre Grundbedürfnisse ändern, wird auch in der Gen Z ein Umdenken stattfinden. Viele werden die Verlässlichkeit, die Sicherheit und den Raum eines eigenen Autos zu schätzen lernen. Und viele werden aus den Innenstädten in die Vorstädte und das Umland ziehen, wo der Besitz eines eigenen Transportmittels noch immer eine Notwendigkeit darstellt.

Philip Beil führt beim Beratungshaus Publicis Sapient das Transportation-und Mobility-Business auf EMEA-und APAC-Ebene.
Philip Beil führt beim Beratungshaus Publicis Sapient das Transportation-und Mobility-Business auf EMEA-und APAC-Ebene.
(Bild: Publicis Sapient)

Mobilität als Service

Um die Ansprüche der Gen Z zu bedienen, gilt es, individuelle Mobilitätsdienste zu ganzheitlichen Mobilitätsplattformen zu konsolidieren, damit die Nutzer nicht umständlich zwischen verschiedenen Apps wechseln müssen. Auch das autonome Fahren wird neue Möglichkeiten für innovative Geschäftsmodelle schaffen.

Die Automobilindustrie darf also keine Zeit verlieren, ihr Geschäftsmodell an die aktuellen und künftigen Bedürfnisse der Gen Z anzupassen, um in einer Welt der digitalen Disruption zu überleben. Denn die Digital Natives sind die Entscheidungsträger der Zukunft. Die Verbraucher von morgen erwarten, dass ihre Autos mit möglichst vielen technischen Innovationen ausgestattet sind, die ihr Leben einfacher und bequemer machen. Gleichzeitig ist ihnen ein hohes Maß an Sicherheit und Nachhaltigkeit von größter Bedeutung. Personalisierte Experiences, Konnektivität und Komfort sind der Schlüssel zum Erfolg für die Zukunft der Mobilität als Service.

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