Interview „Der künftige Erfolg der IAA hängt von ihrer Fähigkeit ab, alle Stimmen zu vertreten“

Autor: Christoph Seyerlein

Wie kann man die erste IAA Mobility in München bewerten? Dazu scheiden sich die Geister. Wir haben bei Mario Crippa nachgefragt, der mit Epam Systems Kunden aus den verschiedenen Branchen betreut, die bei der Messe vertreten waren.

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Rund 400.000 Menschen besuchten die IAA Mobility in München.
Rund 400.000 Menschen besuchten die IAA Mobility in München.
(Bild: IAA Mobility)

Die erste IAA in neuem Gewand und am neuen Standort München ist Geschichte. Mit rund 400.000 Besuchern werteten die Veranstalter die Messe als Erfolg. Am Konzept mit Standorten sowohl am Messegelände als auch in der Innenstadt gab es aber auch Kritik.

Mario Crippa ist Director of Innovation Consulting bei Epam Systems.
Mario Crippa ist Director of Innovation Consulting bei Epam Systems.
(Bild: Epam)

Wie ist die IAA Mobility nun zu bewerten? Wir haben bei Mario Crippa nachgefragt. Er ist Director of Innovation Consulting beim Software- und Plattform-Spezialisten Epam Systems und war in München vor Ort. Als Leiter der Physical Experience Practice erforscht er die Schnittmenge zwischen physischen und digitalen Produkten in verschiedenen Branchen – unter anderem der Mobilität.

Herr Crippa, welcher Aussteller oder welches Konzept hat auf der IAA bei Ihnen am meisten Eindruck hinterlassen und warum?

Mario Crippa: Microlino. Sie waren quasi die Sonnenseite der Messe und standen den opulenten SUVs mit einem Lächeln gegenüber. Es ist erfrischend, eine Marke zu sehen, die versucht, Entspannung und Sympathie zurück auf die Straße zu bringen und die allgegenwärtige Aggressivität der Fahrzeuge auszugleichen. Angesichts ihrer Geschichte haben sie Mut bewiesen, und wer an Technologie und Innovation interessiert ist, weiß das zu schätzen. Wir brauchen mehr von dieser Art von neuem Denken.

Ist es der IAA Mobility insgesamt aus Ihrer Sicht gelungen, die erhoffte Transformation weg von der Auto- hin zur Mobilitätsmesse gut umzusetzen?

Es war ein positiver Anfang. Die Ausgangslage während der Pandemie war nicht einfach, so gesehen war das Interesse von 400.000 Besuchern großartig. Der künftige Erfolg der IAA Mobility hängt von ihrer Fähigkeit ab, alle Stimmen zu vertreten, nicht nur die der Großen. Meinungsverschiedenheiten sollten ein Weg sein, um Innovationen zu fördern. Die Proteste haben eine andere Sichtweise sichtbar gemacht, aber es muss mehr Inklusion geben. Bei der IAA Mobility sollte es nicht nur um Fahrzeuge gehen, sondern auch um die Infrastruktur, die Politik, um alles, was man braucht, um mit allen Mitteln von A nach B zu kommen, auch zu Fuß. Darüber hinaus ist es wichtig, die Messe zu einem Ereignis zu machen, das man nicht verpassen darf und das man nicht online erleben kann. Jenseits des alten Messemodells könnte die IAA Mobility zur Spielwiese für ein jährliches Mobilitätsexperiment im großen Maßstab werden.

Für das neue Konzept gab es Lob aber auch Kritik. Andere Automessen wie etwa der Genfer Automobilsalon haben bereits angekündigt, dass es bei ihnen keine Fahrräder zu sehen geben wird und sie sich voll auf das Ökosystem Auto fokussieren wollen. Welchen Ansatz halten Sie für besser?

Die junge Generation sieht das Auto anders. Mobilitätsdienstleistungen sind weit verbreitet, die Mikromobilität ist kein vorübergehender Trend. Daher ist die Ausrichtung auf „Mobilität“ für alle von Vorteil, auch für die etablierten OEMs. Außerdem habe ich gesehen, dass Städte, Dienstleister und traditionelle OEMs begonnen haben, zusammenzuarbeiten, um komplexe Herausforderungen zu bewältigen. Die IAA Mobility hat das Potenzial, eine Plattform zu werden, die diese Art der Zusammenarbeit zelebriert und vorantreibt.

Hatten Sie das Gefühl, dass Auto- und Fahrradbranche bei der IAA gut harmoniert haben oder haben sie sich eher schlecht ergänzt?

Sie haben nicht so gut harmoniert, wie sie könnten. Die Wurzel liegt nicht wirklich in der IAA Mobility selbst, sondern eher in den Unternehmen: Die OEMs verkaufen weiterhin Autos, die Fahrradhersteller verkaufen weiterhin Fahrräder. Sie sehen sich immer noch als getrennte Märkte, die irgendwie miteinander konkurrieren. Einige von ihnen halten sehr stark an ihrem Kerngeschäft fest und verpassen die Chancen der neuen Mobilität. Einige Autohersteller betrachten Fahrräder immer noch als eine Art Markenerweiterung.

Welche Trends sollte die gesamte Branche Ihrer Meinung nach nicht verpassen?

Nachhaltigkeit ist wichtig, aber es geht nicht nur um recycelte Materialien. Es geht auch darum, den Mitarbeitern und der Gesellschaft zu zeigen, dass das Unternehmen verantwortungsbewusst und transparent ist. Tatsächlich sind Batterien bereits ein öffentliches Thema, und sie sind der wahre Prüfstand für die Glaubwürdigkeit der Akteure. Wir glauben auch, dass die Luftverschmutzung in den Städten, die Kluft zwischen Stadt und Land oder die Energiewüsten als Chancen für die Entwicklung neuer Generationen von Produkten und Dienstleistungen gesehen werden können. Einige große und kleine Akteure haben bereits damit begonnen, in diese Richtung zu arbeiten.

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Über den Autor

 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Fachredakteur Next Mobility