Fahrradgeschäft Der Boom-Branche droht ein Plattfuß

Autor Christoph Seyerlein

Das Fahrradgeschäft in Deutschland brummt wie nie. Mit seiner mobilen Radwerkstatt will Stefan Dietrich dazu beitragen, dass der Service der Entwicklung Schritt hält. Doch dabei wird er ausgebremst. Warum sein Fall exemplarisch zum Problem für eine ganze Branche werden könnte.

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Stefan Dietrich liest den Fehlerspeicher eines E-Bikes aus. Werben darf er für seine Dienstleistungen aufgrund fehlender Ausbildung nicht.
Stefan Dietrich liest den Fehlerspeicher eines E-Bikes aus. Werben darf er für seine Dienstleistungen aufgrund fehlender Ausbildung nicht.
(Bild: Seyerlein/VCG)

Stefan Dietrich geht in die Knie. Augenhöhe ist gefragt. Am Träger des vor ihm aufgebockten E-Bikes ist eine Schraube ausgerissen. Ein Blick, dann eine erste Diagnose: „Entweder Pfusch vom Werk oder einfach falsch nachgerüstet.“ Wenige Handgriffe ist für Dietrich klar: Das Bauteil passt nicht zum Rad. „Mal sehen, ob wir das irgendwie hinbiegen können“, sagt der Würzburger und kratzt sich am Kopf.

Seit Anfang des Jahres ist der 56-Jährige rund um die größte Stadt in Unterfranken als mobile Fahrradwerkstatt unterwegs. Zu den Terminen fährt Dietrich selbst mit dem Lastenrad. Sein Ruf ist exzellent: Bei Google erreicht sein Unternehmen „Mobivelo“ bei derzeit 49 Bewertungen die bestmögliche Bewertung von 5,0 Sternen.

90 Prozent meiner Tätigkeiten sind Reifen flicken oder Ketten tauschen. Ich kenne keinen Zweiradmechaniker Meister der sich dazu herablassen würde oder das als Geschäftsmodell sehen würde.

Stefan Dietrich

Abmahnung für Mobivelo

Doch es gibt ein Problem: Kürzlich ist Dietrich eine Abmahnung ins Haus geflattert. Was war passiert? Der Unternehmer ist weder Zweiradmechaniker und schon gar nicht Meister. Seine Expertise fußt auf 40 Jahren autodidaktischem Schrauben an Rädern. In der Materie mag sich Dietrich damit bestens auskennen, doch da er bislang auch keine Ausnahmegenehmigung erworben hat, darf er hierzulande für seine Dienste nicht werben. Doch ohne Werbung kaum Kunden.

Die Abmahnung ist für Stefan Dietrich ärgerlich und teuer. Seinem Frust über die deutsche Regulierungswut machte er kürzlich in einem Linkedin-Post Luft. Sein Credo: Wird der Service-Markt nicht geöffnet, hält er bald nicht mehr der zunehmenden Zahl an Rädern stand und die von vielen Seiten geforderte Mobilitätswende bekommt an der Stelle einen Platten.

Doch ist die Situation am Markt wirklich so schlecht, wie sie Stefan Dietrich schildert? Und gibt es überhaupt einen Fahrradboom? Die aktuellen Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) lassen diesen Schluss zumindest für die jüngste Vergangenheit zu: 2020 wurden in Deutschland gut fünf Millionen Räder verkauft, fast 17 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Und der Bestand wuchs auf ein Allzeithoch von über 79 Millionen Stück an. 2019 waren es nach ZIV-Schätzung noch knapp 76 Millionen.

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„Das hätte man vor fünf, sechs oder sieben Jahren schon angehen müssen“

Auf Werkstätten dürfte also definitiv immer mehr Arbeit zu kommen. Wie ist es um deren Kapazitäten wirklich bestellt? Nicht wirklich gut, wenn man Uwe Wöll zuhört. Er ist Geschäftsführer des Verbunds Service und Fahrrad (VSF). Die Branche sieht er in einen Engpass hineinlaufen. Allerdings nicht aufgrund eines überraschenden Booms, sondern mindestens in Teilen aus eigenem Verschulden. „Den ersten echten Boom im Verkauf gab es im letzten Jahr. Trotzdem waren auch davor schon die Wartezeiten bei Fachwerkstätten relativ lang. Der Handel kalkuliert oft zu knapp mit den Kapazitäten, räumlich als auch personell“, sagt Wöll.

Das räche sich jetzt vor allem, da E-Bikes immer beliebter werden. „Dafür braucht man professionelle Werkstattabläufe. Und viel zu wenige Betriebe haben diese geschaffen. Das hätte man vor fünf, sechs oder sieben Jahren schon angehen müssen“, meint Wöll. Dabei könne das Werkstatt-Geschäft eine lukrative Säule sein. „Wer als Händler meint, eine Werkstatt nur zu brauchen, um die neuen Räder fertig zu machen, damit aber kein Geld verdienen zu können, denkt viel zu kurz“, sagt der VSF-Geschäftsführer. „E-Bike-Kunden sind andere, als diejenigen, die der Fachhandel von früher kennt. Freizeitfahrer waren lange kaum bereit, für Service zu zahlen. Bei E-Bikes herrschen viel höhere Erwartungen, etwa wie im Autoservice. Dadurch können Händler höhere Stundensätze verlangen“, begründet er seine Einschätzung.

Radhandel mit fast zehn Milliarden Euro Umsatz

Noch dürften viele in der Branche allerdings nur wenig Druck verspüren. Finanziell geht es vielen Händlern wohl so gut wie selten. Alleine im Verkauf stieg laut dem ZIV der Umsatz 2020 gegenüber dem Vorjahr um gut 60 Prozent auf 6,4Milliarden Euro an. Zusammen mit dem Zubehörbereich ergab sich sogar ein Umsatz-Volumen von nahezu zehn Milliarden Euro.

Ein leises Klirren auf dem gepflasterten Hof. Stefan Dietrich hat die abgerissene Schraube befreit. Die Branchenzahlen kennt auch er. „Viele Fahrradhändler haben aus finanziellen Gründen kaum Interesse am Werkstattbetrieb. Der Verkauf ist viel lukrativer. Ein verkauftes E-Bike kann teilweise 100 Prozent Marge bringen“, sagt er.

Doch welche Optionen wären denkbar, um das Werkstattgeschäft attraktiver zu machen? Stefan Dietrich hält den strikt geregelten Weg in den Beruf für überholt. Da sich Zweiradmechaniker in ihrer Ausbildung sowohl mit Motorrädern als auch Fahrrädern befassen, fehlt es an echten Fachkräften.

Kritik am Ausbildungssystem

Dietrichs Vorschlag: Die beiden Bereiche müssten in der Ausbildung voneinander getrennt werden. Außerdem fordert er: Der Meisterzwang muss für selbständige Rad-Schrauber entfallen. „90 Prozent meiner Tätigkeiten sind Reifen flicken oder Ketten tauschen. Ich kenne keinen Zweiradmechaniker Meister der sich dazu herablassen würde oder das als Geschäftsmodell sehen würde.“

Ähnliche Vorstellungen hat auch Uwe Wöll. „In den 90er-Jahren war es unsere große Kritik, dass Handwerkskammern eigene Ausbildungswege für die Fahrradbranche blockiert haben. Die haben nicht ans Fahrrad geglaubt. Jetzt kann man davon ausgehen, dass ein eigener Ausbildungsweg zukunftsfähig ist“, meint er. Zwar gebe es inzwischen den Fahrradmechatroniker als eigenen Beruf. Doch der kommt fast ausschließlich für die Industrie in Frage. Das aktuelle System hält Wöll insgesamt für „antiquiert“. Man müsse den Markt nicht nur liberalisieren, sondern vor allem modernisieren.

Meisterpflicht? „Es braucht einen klaren Plan B“

Also direkt auch die Meisterpflicht abschaffen, wie es Stefan Dietrich fordert? Hier zeigt sich Wöll zurückhaltender. „Wenn die Meisterausbildung das hält, was sie verspricht, bekommen wir dadurch exzellente Leute, die einen Betrieb führen und Nachwuchs ausbilden können. Dann ist es sinnvoll.“

Meine Kunden vertrauen mir. Sie legen mir teilweise ihre Schlüssel an einen versteckten Ort, wenn sie selbst nicht da sind, damit ich an ihren Fahrrädern schrauben kann.

Stefan Dietrich

Noch etwas weiter geht der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Dieser teilte auf Nachfrage mit, dass er die Meisterpflicht im Zweiradmechaniker-Handwerk vor allem aus Sicherheitsgründen für richtig halte. Gerade im Hinblick auf E-Bikes: „Um Gefahren, die mit der Wartung, der Reparatur und auch mit dem Neubau von Fahrrädern mit und ohne Motor verbunden sind, sowohl für die Beschäftigten in den Werkstätten als auch für die Radfahrenden zu minimieren, sind hohe Anforderungen an die Qualifikation von Beschäftigten in Fahrradwerkstätten zu stellen“, heißt es vom Verband.

Ein E-Bike hat wie erwähnt auch Stefan Dietrich bei seinem aktuellen Termin vor sich. Bei den Ausführungen des ZDH winkt er nur ab. „Eine große Gefahr kann ich nicht erkennen. An den Elektromotoren lassen die meisten Hersteller sowieso nichts machen. Die gehen bei Problemen immer direkt zurück ans Werk“, sagt der 56-Jährige.

Dennoch sieht es aktuell nicht danach aus, dass die Meisterpflicht vom Gesetzgeber in Frage gestellt werden könnte. Zuletzt war sie 2004 für 53 Handwerksberufe hierzulande abgeschafft worden. Damals brauchte der Arbeitsmarkt dringend Impulse. 2019 hatte der Bundestag jene Entscheidung für zwölf Fachbereiche aber wieder einkassiert. Hintergrund: Die Ausbildungszahlen gingen mehr und mehr in den Keller. Und ausbilden durften auch nach 2004 nur Meisterbetriebe.

Eignungstest statt Ausbildung

Ausbilden möchte Stefan Dietrich allerdings sowieso nicht. „Solange es keinen Fahrradservicetechniker gibt, gibt es ja nicht einmal den passenden Beruf dafür“, raunzt er schulterzuckend. Bleibt die Frage, ob sich Dietrich so aber auch dauerhaft darauf einstellen muss, künftig nicht mehr für Mobivelo werben zu dürfen.

Nicht unbedingt. Dietrich könnte eine Ausnahmegenehmigung von der Handwerkskammer ausgestellt bekommen. Ein Sprecher der Handwerkskammer Würzburg erklärt dazu: „Bewerben kann sich dafür jeder.“ In einem Gespräch klopfe man anschließend ab, ob der Bewerber für sein Vorhaben geeignet erscheint. Ist das der Fall, folgt ein Eignungstest.

Mehr Transparenz gefordert

Auch an dieser Prozedur hat Stefan Dietrich etwas auszusetzen. „Da fehlt mir die Transparenz. Nach welchen Kriterien entscheidet die Handwerkskammer, ob sie mich zu dem Test überhaupt zulässt? Jeder sollte diesen Test machen dürfen.“ Alleine der Antrag koste schon mehrere hundert Euro, inklusive Test stiegen die Kosten auf rund 1.000 Euro. Zuspruch erhält der Unternehmer von Uwe Wöll vom Verbund Service und Fahrrad. „Die Handwerkskammern sollten sich öffnen. Es braucht einen klaren Plan B“, fordert er. Jede Kreis-Kammer könne heutzutage unterschiedlich entscheiden. „Stattdessen sollte es eine einheitliche Lösung geben“, meint Wöll.

Expansion auf Eis gelegt

Stefan Dietrich streicht sich die grauen Locken aus dem Gesicht. Der Fahrradträger ist gerichtet. „Meine Kunden vertrauen mir. Sie legen mir teilweise ihre Schlüssel an einen versteckten Ort, wenn sie selbst nicht da sind, damit ich an ihren Fahrrädern schrauben kann“, sagt der 56-Jährige. Ein Konzept, Mobivelo deutschlandweit auszurollen, habe er in der Schublade. Doch sollte er dafür an jedem Standort einen Meister oder eine Ausnahmegenehmigung brauchen, sei das schlicht nicht zu realisieren.

Vorerst muss Dietrich sowieso noch eine ganze Ecke kleiner denken. Das von der Handwerkskammer ausgesprochenen Werbeverbot für seine Dienstleistungen müsse er nun erst einmal wohl oder übel befolgen. Der Unternehmer hofft, dass sein Ruf bereits gut genug ist, dass er auch weiterhin zweimal in der Woche rund um Würzburg zu gestrandeten Radlern radelt. Noch mehr hofft er allerdings, dass die Fahrrad-Gesetze in Deutschland auf kurz oder lang doch noch neu geschrieben werden.

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