„Gegenmodell zum Silicon Valley“ Datenraum Mobilität: Wie Europa sich gegen die US-Tech-Giganten rüstet

Von Svenja Gelowicz

Autobauer, Verkehrsunternehmen, Start-ups: Tauschen sie ihre Daten miteinander aus, könnte Europa den Internetriesen in der Mobilitätsindustrie etwas entgegensetzen. So zumindest lautet das Antrittsversprechen des neuen „Mobility Data Space“. Wie das Vorhaben bislang läuft.

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Verschiedene Unternehmen, die eine gleiche Vision teilen: Durch den Austausch von Daten das Geschäft zu beschleunigen. Der Navigations-Spezialist Here und der Plattformanbieter Freenow bringen sich bereits in den Datenraum Mobilität ein.
Verschiedene Unternehmen, die eine gleiche Vision teilen: Durch den Austausch von Daten das Geschäft zu beschleunigen. Der Navigations-Spezialist Here und der Plattformanbieter Freenow bringen sich bereits in den Datenraum Mobilität ein.
(Bild: Here/Freenow)

Regen in München – nimm lieber ein Taxi. Sonne in Hamburg – wie wäre es hier mit einem E-Scooter? Solche Empfehlungen will der Mobilitätsdienstleister Free Now Kunden in Zukunft verstärkt geben. Möglich macht es der „Mobility Data Space“, kurz MDS.

Datenexperte Tim Wiegels zeigte bei einer Online-Konferenz Ende November, was es damit auf sich hat. Free Now bringt sich von Anfang an in das Vorhaben ein. Die App der Hamburger soll ab von nun an demonstrieren, was möglich ist, wenn Daten verschiedener Unternehmen zusammenfließen.

Free Now nutzt über den Mobility Data Space beispielsweise Daten des Deutschen Wetterdienstes. Nutzer bekommen so automatisch die bereits beschriebenen Empfehlungen, wenn sie sich eine Fahrt buchen.

Mit dem Datenraum gegen Tech-Giganten?

Das Beispiel mag simpel sein, gibt selbst Tim Wiegels zu. Der Datenraum selbst soll allerdings Europas Auto- und Mobilitätsfirmen im Wettbewerb mit Tech-Riesen wie Google oder Amazon helfen. Eine „große Chance als Gegenmodell zum Silicon Valley“ nennt ihn ein Sprecher von Free Now. „Wir brauchen Daten, die wir so selbst nicht haben.“ Umgekehrt speisen die Hamburger Daten zu Antriebsarten oder Fahrzeugtypen in den Datenraum ein.

Unternehmen können dabei selbst auswählen, zu welchen Konditionen sie ihre Daten an andere Firmen geben – und ob sie das überhaupt wollen. Michael Bültmann ist Deutschlandchef vom Kartenspezialisten Here, einem der Gründungsgesellschafter des Data Mobility Space. „Man klärt immer direkt mit dem Unternehmen ab, zu welchen Bedingungen und für welchen Zeitraum Datensätze genutzt werden können“, sagt er.

Bültmann kann sich selbst vorstellen, direkten Wettbewerbern bestimmte Daten zu verweigern. Here will vor allem seine bestehenden Angebote mit Daten anderer Unternehmen verbessern und völlig neue datengetriebene Geschäftsmodelle vorantreiben. Den Deutschlandchef interessiert dabei vor allem die Integration von Sensordaten. „Gerade in der Verknüpfung von Datensätzen liegt der Charme“, meint er.

Bislang sind um die 200 Unternehmen dem Datenraum als Mitglieder beigetreten, wie »Next Mobility« erfahren hat. Von ihnen gibt es bislang um die 80 Datensätze. Am 1. Januar wurde die DRM Datenraum Mobilität GmbH gegründet.

Große Datenmengen sind die Basis für clevere Mobilitätsservices und intelligent gesteuerte Verkehre. 8,5 Millionen Euro Fördergeld kommen dafür vom Bundesverkehrsministerium. Altkanzlerin Angela Merkel hatte sich für das Projekt höchstpersönlich eingesetzt und bereits im Jahr 2019 bei den Autobauern mit Nachdruck auf die Dringlichkeit des Datenraums hingewiesen. Diese Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt: Neben Here gehören auch BMW, Volkswagen und Daimler zu den Gründungsgesellschaftern, ebenso wie die Deutsche Bahn, der Logistikdienstleister DHL, das Versicherungsunternehmen HUK und Caruso, ein Datenspezialisten für die Autobranche, sowie das Land Nordrhein-Westfalen.

Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) hat den Hut für das Vorhaben auf. Unternehmen können den Datenraum bis 2024 kostenfrei nutzen. Laut Acatech sei das größte Ziel aktuell, möglichst viele Teilnehmer für den Mobility Data Space zu gewinnen.

Wie Autobauer den Datenraum Mobilität nutzen

Volkswagen und BMW speisen beispielsweise Sicherheitsdaten in das Angebot ein. Sie nennen es „Local Hazard Informationen“, die Daten sollen etwa den Entwicklern von Karten, Kommunen, Straßenbehörden oder Mobilitätsdienstleistern helfen. Die OEMs teilen dafür ihre Daten über Starkregen, Nebel, oder Unfälle.

Erklärtes Ziel des Datenraums ist zudem mehr Austausch zwischen öffentlichen und privaten Anbietern. Robin Fink, Referatsleiter IT-Anwendungen, Daten, Standardisierung beim Verkehrsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen sagte bei einer Branchendiskussion, aus seinem Haus sei eine klare Erwartung an die öffentlichen Unternehmen, am Mobility Data Space mitzuwirken. „Sie sollen auf Augenhöhe mit der Privatwirtschaft zusammenkommen.“

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) teilte auf Anfrage mit, so ein Datenaustausch müsse fair gestaltet werden. „Wenn Daten zur Verfügung gestellt werden, dann von allen Akteuren und für alle Akteure gleichermaßen“, heißt es von einem Sprecher. „Es sollte keine einseitige Verpflichtung geben, dass zum Beispiel öffentliche Unternehme ihre Daten weitergeben müssen, privatwirtschaftliche Unternehmen jedoch mit dem Hinweis auf Wettbewerb dies nicht tun müssen. Das wären keine fairen Rahmenbedingungen.“ Daten müssten den Verbrauchern nutzen und „nicht dem Geschäftszweck einzelner Marktteilnehmer“.

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Was viele nicht wissen: Verkehrsunternehmen sind bereits verpflichtet, bestimmte Daten in andere Mobilitätsdatenräume einzuspeisen. Dafür schafft der Staat eine sogenannte Mobilithek, die noch im Frühjahr starten soll. Sie löst dann den sogenannten Mobilitäts-Datenmarktplatz (MDM) ab, den die Bundesanstalt für Straßenwesen betreibt. Dem Vernehmen nach geht es dabei auch um Echtzeitdaten, mit denen sich einige Verkehrsunternehmen noch schwer tun, sie zur Verfügung zu stellen.

Was kosten Mobilitätsdaten?

Vorerst kostet die Mitgliedschaft im Datenraum Mobilität den Unternehmen nichts. Das soll sich später ändern. Doch wie bepreist ein Unternehmen seine Daten, wenn es sich entscheidet, sie anderen zur Verfügung zu stellen? Bei Free Now liegen dazu bislang noch keine Erfahrungen vor. Laut Datenexperte Tim Wiegels hängt der Preis von der Qualität und der räumlichen und zeitlichen Verfügbarkeit der Daten ab. Und auch, ob sie noch nachbearbeitet werden müssen, kann eine Rolle spielen.

Here Deutschlandchef Bültmann sagt, bei der Bepreisung könne es viele Modelle geben. „Die Monetarisierung von Daten ist noch ein neues Gebiet. Gerade bei Unternehmen, bei denen eine Nutzung von Daten bislang nicht im Vordergrund stand, gibt es viel Beratungsbedarf und vieles ist noch offen.“

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