Fahrbericht Das kann der rein elektrische Genesis GV60

Von Andreas Wehner

Das im vergangenen Jahr gestartete Premiumfabrikat aus Korea startet in seine elektrische Zukunft. Mit dem GV60 will die Hyundai-Tochter ein Ausrufezeichen setzen - uns setzt technisch auch im Vergleich zu den Konzernbrüdern Ioniq 5 von Hyundai und EV 6 von Kia einen drauf.

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Der Genesis GV60 rollt ab Juni zu den Kunden. Bestellbar ist das Elektro-SUV ab sofort.
Der Genesis GV60 rollt ab Juni zu den Kunden. Bestellbar ist das Elektro-SUV ab sofort.
(Bild: Wehner/Vogel Communications Group)

In seinem giftigen Gelbton zieht er die Blicke von Ausflüglern und vorbeifahrenden Handwerkern auf sich, als wir mit dem Genesis GV60 auf dem Großen Feldberg während unserer Testfahrt Pause machen. „Sao Paolo Lime“ heißt die Farbe, die sicherlich nicht jedermanns Sache ist. Aber: Das Auto fällt auf. Und das soll das SUV künftig auch auf dem deutschen Neuwagenmarkt tun. Mit dem GV60 bringt nun auch das Premiumfabrikat Genesis ein Model auf der Elektro-Plattform E-GMP des Hyundai-Konzerns.

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Genesis war erst im Sommer 2021 in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien gestartet und hat aktuell fünf Verbrenner-Modelle im Angebot. Die Verkäufe sind bislang überschaubar. Über Zahlen sprechen die Genesis-Verantwortlichen nicht – auch nicht über Absatzziele. Aber der GV60 dürfte als erstes Elektromodell und Technologieflaggschiff die noch recht niedrigen Neuzulassungszahlen in den bisher drei europäischen Märkten maßgeblich nach oben treiben.

Blickt man zu den etablierten Schwestermarken Hyundai und Kia, die mit dem Ioniq 5 und dem EV6 bereits E-GMP-Fahrzeuge auf dem Markt haben, bestätigt sich diese Einschätzung. Den Vergleich mit den beiden anderen Konzernmodellen wird sich der GV60 auch sonst gefallen lassen müssen – auch wenn er sich sowohl optisch als auch technisch abhebt und preislich höher positioniert ist.

So erkennt man die Verwandtschaft beispielsweise im Innenraum an der schwebenden Mittelkonsole oder an den beiden in einer durchgehenden Fläche untergebrachten 12,3-Zoll Displays für Infotainment und Instrumente. Im Gegensatz zum eher sportlichen Kia EV 6 und dem puristischen Hyundai Ioniq 5 ist der Genesis innen eher auf nobel getrimmt. Dazu tragen nicht nur die Ledersitze bei, sondern auch die silbrigen Flächen und die in mattem Chrom gehaltenen Schalter.

Die sind verhältnismäßig zahlreich. Für die wesentlichen Funktionen haben die Entwickler dem GV60 jeweils eine Taste spendiert. Hier geht Hyundai im Ioniq 5 beispielsweise einen anderen Weg. Wir finden: So lange man es nicht übertreibt, darf es lieber ein Schalter mehr sein. Es ist meistens einfach praktischer, einen Knopf zu drücken, statt sich erst per Touchscreen oder Drehrad durch irgendwelche Menüs zu wühlen.

Die Kristallkugel gibt den Getriebewahlschalter frei

Eine Besonderheit des Genesis GV60 ist die so genannte „Crystal Sphere“: Eine Kristallkugel in der Mittelkonsole dreht sich beim Druck auf den Startknopf und gibt den Wahlschalter für das Getriebe frei. Das ist nicht nur ein schönes technisches Gimmick und eine optische Spielerei, sondern hat auch einen praktischen Nutzen. Denn so erkennt man immer, ob das Auto ein- oder ausgeschaltet ist, was bei Elektroautos aufgrund des fehlenden Motorgeräuschs ja sonst nicht immer auf den ersten Blick möglich ist.

Auffällig ist auch: Statt mit Außenspiegeln kann man den GV60 mit Stummelchen ordern, in denen Kameras stecken – das Bild wird auf zwei Displays am Rand der Türen ausgegeben. Ob es so etwas braucht, darüber lässt sich sicher streiten. Der Vorteil: Der Bildausschnitt ist größer als bei herkömmlichen Außenspiegeln und beim Spurwechsel zeigt das Display an, wenn sich andere Fahrzeuge in einem kritischen Bereich befinden. Allerdings ist es niedriger platziert als ein normaler Außenspiegel, was bei der Fahrt zunächst irritiert, möglicherweise aber einfach Gewöhnungssache ist. Wer lieber reguläre Spiegel hat, spart sich beim GV60 1.460 Euro.

Schlechte Sicht nach hinten

Der Rückspiegel in der Mitte ist echt – bietet aber aufgrund der flachen Rückscheibe und des hochgezogenen Hecks nur einen schmalen Sichtschlitz nach hinten. Bei Einparken und rangieren hilft natürlich eine Rückfahrkamera. Hilfreich: Das Kamerabild zeigt beim Vorwärtsfahren auch Bereich vor dem Fahrzeug. Auf Wunsch gibt es auch eine 360-Grad-Rundumsicht-Funktion sowie eine automatische Parkfunktion inklusive Fernbedienung für das Einparken von außen.

Ganz unpraktisch ist der GV60 ansonsten nicht. Ablageflächen und Staufächer gibt es reichlich. Strom liefert das Auto per USB, per 12-Volt-Stecker und dank Vehicle-to-load-Funktion auch per 220-Volt-Steckdose – letzteres mit Adapterstecker auch außen. Platz hat der Genesis innen genug, auch wenn man beispielsweise im Ioniq 5 vor allem auf der Rückbank ein deutlich luftigeres Gefühl hat. Das dürfte einerseits daran liegen, dass der Genesis mit 2,90 Metern einen 10 Zentimeter kürzeren Radstand hat. Andererseits geht die coupéhafte, nach hinten abfallende Karosserie auf Kosten der Kopffreiheit.

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Der Kofferraum fasst 432 Liter. Praktisch ist die seitliche Klappe, mit der man an im Unterboden verstaute Gegenstände kommt, ohne den Kofferraum komplett leeren zu müssen. Das Ladekabel passt da aber ebenso wenig hinein wie in den doch recht kleinen Frunk unter der Motorhaube.

Per Boost auf bis zu 490 PS

Während es den GV60 auf einigen Märkten zum Einstieg mit Heckantrieb gibt, bietet Genesis das Modell in Deutschland nur mit Allradantrieb an – und jeweils einem Motor pro Achse. Hinten arbeitet immer ein 160 kW starker Elektromotor. Vorne gibt es in der günstigeren Version Sport (ab 56.370 Euro) einen 74-kW-Motor, sodass das Auto auf eine Gesamtleistung von 234 kW oder 318 PS kommt. Die mit 71.010 Euro deutlich teurere Variante Sport-Plus kommt mit zwei 160-kW-Motoren. Die 320 kW/436 PS Gesamtleistung kann zudem für 10 Sekunden per Boost-Taste um 40 kW/54 PS gesteigert werden, was kurzzeitig für spürbar mehr Zug sorgt.

Ob man so etwas bei einem ohnehin gut motorisierten Auto im Alltagsbetrieb braucht, sei mal dahingestellt. Spaß macht es auf jeden Fall. Und darauf ist das Auto generell ausgelegt: auf Fahrspaß. Die getestete Top-Version schafft es in 4 Sekunden von 0 auf 100. Die Höchstgeschwindigkeit von 235 km/h ist auf der wenig befahrenen Autobahn schnell erreicht.

Die Abstimmung ist insgesamt sportlich. Das adaptive Fahrwerk bügelt zwar größere Unebenheiten weg, lässt einen aber die Straße schon deutlich spüren. Durch die Kurven des Taunus ließ sich der GV60 präzise steuern. Ein Spaß Feature, was wir leider nicht testen konnten: Genesis hat beim GV60 einen Drift-Modus eingebaut, mit dessen Hilfe man das Auto quer durch die Kurven schieben kann. Das geht natürlich nur auf abgesperrter Strecke, die wir nicht zur Verfügung hatten.

Batterieheizung für schnelles Laden auch bei Kälte

Die Reichweite unseres Testwagens liegt laut Datenblatt bei 466 Kilometern nach WLTP. Wie schon seine Konzernbrüder verfügt auch der GV60 über die 800-Volt-Technologie, die ein besonders schnelles Laden ermöglicht. 18 Minuten verspricht Genesis, um die Batterie des GV60 an der entsprechenden Ladesäule von 10 auf 80 Prozent zu bringen. Und im Gegensatz zum Kia EV6 und Hyundai Ioniq 5 kommt das Modell der Edelmarke mit Batteriekonditionierung. Ist es sehr kalt, wird die Batterie vorgeheizt, um die volle Ladegeschwindigkeit zu ermöglichen.

Wer einen GV60 haben möchte, kann das Fahrzeug ab sofort gegen eine erstattungsfähige Anzahlung von 1.000 Euro reservieren. Ausliefern will Genesis die ersten Fahrzeuge im Juni. Wie viele Kunden sich das Auto dann tatsächlich in „Sao Paolo Lime“ vors Haus stellen, bleibt abzuwarten. Aber schließlich stehen auch noch 14 weitere, meist dezentere Außenfarben zur Wahl.

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