ElektromobilitätCPO und eMSP: Rollenverständnis, Interoperabilität und die neue Marktlogik durch AFIR
Von
Philipp Nobis *
7 min Lesedauer
Mit der AFIR verschiebt sich die Marktlogik in der öffentlichen Ladeinfrastruktur: Der Zugang zum Ladepunkt wird einfacher, Preise werden transparenter, die Anforderungen an Betreiber steigen und die Rollen von CPO und eMSP müssen klarer denn je definiert sein. Denn in der Praxis entstehen häufig Missverständnisse durch komplexe Rollenverteilungen.
Elektromobilität kann nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn die verschiedenen Akteure im Ökosystem effizient zusammenarbeiten, technische Standards konsequent nutzen und die Bedürfnisse der Nutzer in den Mittelpunkt stellen.
(Bild: Barillo_Picture |stock.adobe.com)
Die Rollenverteilung zwischen Charge Point Operator (CPO) und E-Mobility Service Provider (eMSP) ist grundlegend für das Ökosystem der Elektromobilität. Der CPO ist für die physische Ladeinfrastruktur verantwortlich. Das umfasst die Installation, den Betrieb und die Wartung der Ladestationen. Er stellt sicher, dass die Hardware reibungslos funktioniert, Störungen behoben werden und die regulatorischen sowie eichrechtlichen Vorgaben erfüllt sind. Der Charge Point Operator legt in der Regel den CPO-Tarif sowie die kommerzielle Basislogik für die von ihm betriebenen Ladepunkte fest. Der tatsächlich vom Endkunden wahrgenommene Preis kann je nach Vermarktungskanal jedoch durch weitere Preisbestandteile, Service-Entgelte, Roaming-Kosten oder eMSP-Tarife beeinflusst werden. Weiterhin legt der CPO die Zugangsregeln für die von ihm betriebenen Stationen fest. In der Praxis können verschiedene Akteure als CPO auftreten, darunter Energieversorger, Immobilienentwickler oder Flottenbetreiber, die Ladeinfrastruktur als Mehrwertdienstleistung anbieten. Er muss dabei nicht zwingend der Eigentümer der Hardware sein, sondern kann auch als Dienstleister für Dritte agieren.
Im Gegensatz dazu fokussiert sich der E-Mobility Service Provider auf den Endkunden und den Zugang zur Ladeinfrastruktur. Der eMSP betreibt in der Regel keine eigene Hardware, sondern stellt die digitale Schnittstelle zur Verfügung, über die Fahrer von Elektrofahrzeugen Ladestationen finden, Ladevorgänge starten und die Abrechnung abwickeln können. Das geschieht meistens über mobile Anwendungen oder RFID-Karten. Der eMSP bündelt die Angebote verschiedener CPOs und ermöglicht seinen Kunden somit den Zugang zu einem weitreichenden Ladenetzwerk. Kurz gesagt: Der CPO konzentriert sich auf den technischen und operativen Betrieb der Infrastruktur, während der eMSP die Kundenbeziehung und die digitalen Services in den Mittelpunkt stellt.
In der Praxis liegt zwischen CPO und eMSP häufig eine weitere operative Ebene: CPMS-Anbieter, Roaming-Plattformen und Clearing-Houses. Ein Charge Point Management System bildet für den CPO die technische Betriebs- und Vermarktungsebene ab, von Ladepunktverwaltung, Tarifen und Autorisierung bis hin zu Transaktionsdaten, Zahlungsprozessen und Schnittstellen zu Roaming-Partnern. Roaming-Plattformen und Clearing-Houses vereinfachen wiederum die Verbindung zwischen vielen CPOs und eMSPs, indem sie technische Anbindungen, Datenaustausch, Abrechnungsinformationen und teilweise auch kommerzielle Prozesse bündeln. Dadurch entsteht keine einfache lineare Beziehung zwischen CPO und eMSP, sondern eine mehrstufige Wertschöpfungs- und Abrechnungskette.
Strategische Entscheidungen und Standards prägen Ausbau
Die Entscheidung, ob ein Unternehmen als integrierter Anbieter – also sowohl CPO als auch eMSP – oder als spezialisierter Akteur auftritt, hängt von verschiedenen strategischen Kriterien ab. Ein integriertes Geschäftsmodell bietet den Vorteil, die gesamte Wertschöpfungskette von der Hardware bis zum Endkunden zu kontrollieren. Das kann insbesondere für große Energieversorger oder Automobilhersteller attraktiv sein, die eine starke Markenpräsenz aufbauen und die Kundenschnittstelle selbst besetzen möchten. Gleichzeitig steigt damit die Komplexität: Wer beide Rollen übernimmt, muss nicht nur Ladeinfrastruktur betreiben, sondern auch digitale Services, Roaming, Abrechnung, Support und regulatorische Anforderungen professionell abbilden.
Für viele Akteure ist jedoch eine Spezialisierung sinnvoller. Indem sie sich auf die Rolle des CPO konzentrieren, können sie ihre Stärken im Infrastrukturausbau und im lokalen Netzbetrieb ausspielen, ohne die komplexen Anforderungen an Endkunden-Apps und europaweite Abrechnungssysteme vollständig selbst bewältigen zu müssen. Die Zusammenarbeit mit etablierten eMSPs ermöglicht es, ihre Ladestationen einer breiten Nutzerbasis zugänglich zu machen. Eine Studie von BearingPoint zeigt, dass viele regionale Energieversorger, die frühzeitig mit einem breiten Angebotsspektrum (CPO und eMSP) in den Markt eingestiegen sind, inzwischen vor der Herausforderung fehlender Wirtschaftlichkeit stehen. Die Studie empfiehlt, vorhandene Kundennähe gezielter zu nutzen, spezifische Lösungen anzubieten und durch Automatisierung sowie Digitalisierung die Effizienz zu steigern.
Stand: 08.12.2025
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Hinzu kommt: Für CPOs und eMSPs reicht Marktzugang allein nicht aus, ihre Angebote müssen wirtschaftlich tragfähig sein. Viele CPOs stehen vor der Herausforderung, hohe Investitions- und Betriebskosten mit teilweise noch geringer Auslastung der Ladeinfrastruktur in Einklang zu bringen. Für eMSPs wiederum stellt sich die Frage, wie sich Kundenbindung, Roaming-Komfort und digitale Services profitabel skalieren lassen. Damit wird die strategische Rollenwahl auch zu einer wirtschaftlichen Frage: Welche Leistungen schafft ein Unternehmen selbst, welche Partner braucht es, und über welche Kanäle lassen sich Nutzung, Kundennutzen und Marge nachhaltig verbinden?
Ein entscheidender Faktor für das reibungslose Zusammenspiel von CPOs und eMSPs ist die Interoperabilität. Isolierte Insellösungen behindern das Wachstum der Elektromobilität, weil sie die Nutzererfahrung verschlechtern und den administrativen Aufwand für alle Beteiligten erhöhen. Standardisierte Kommunikationsprotokolle sind daher unerlässlich. Das Open Charge Point Protocol (OCPP) ermöglicht die Kommunikation zwischen den Ladestationen verschiedener Hersteller und den Backend-Systemen der CPOs. Das verhindert einen Vendor-Lock-in und gibt Betreibern die Flexibilität, die für ihre Anforderungen geeignete Hardware auszuwählen. Für den Datenaustausch zwischen CPOs, eMSPs und Roaming-Plattformen spielen Protokolle wie das Open Charge Point Interface (OCPI) eine zentrale Rolle. Sie standardisieren unter anderem die Übermittlung von Standortdaten, Tarifen, Verfügbarkeiten, Autorisierungen und Abrechnungsinformationen. Damit wird Interoperabilität nicht nur zur Voraussetzung für Nutzerkomfort, sondern auch zur Grundlage für skalierbare Vermarktung, Abrechnung und Preislogik.
AFIR und die neue Marktlogik der Ladeinfrastruktur
Die Alternative Fuels Infrastructure Regulation (AFIR) der Europäischen Union, die seit April 2024 gilt, setzt neue Standards für die öffentliche Ladeinfrastruktur. Ein zentrales Element der AFIR ist die Verpflichtung zur Ad-hoc-Bezahlung an öffentlich zugänglichen Ladepunkten. Nutzer müssen Ladevorgänge ohne vorherige Registrierung oder Vertragsbindung mit einem eMSP starten und bezahlen können, etwa per Debit- oder Kreditkarte. Damit wird der Zugang zum Laden einfacher und die bisherige Bedeutung der eMSPs als nahezu unverzichtbare Zugangsebene relativiert sich.
Für CPOs bedeutet das, zusätzliche Anforderungen an Hardware, Software, Zahlungssysteme und Preistransparenz zu erfüllen. Gleichzeitig entsteht auch eine strategische Chance: Durch Ad-hoc-Payment rücken CPOs näher an den Endkunden heran und können direkte Kundenbeziehungen aufbauen. Die Kundenschnittstelle liegt damit nicht mehr ausschließlich bei App-Anbietern oder Roaming-Diensten, sondern zunehmend auch beim Betreiber der Ladeinfrastruktur selbst.
Die AFIR schreibt für neu errichtete öffentlich zugängliche Ladepunkte differenzierte Zahlungsoptionen vor. Bei Ladetechnologie mit einer Leistung ab 50 kW sind elektronische Zahlungen über Zahlungsterminals oder Geräte mit kontaktloser Zahlungsfunktion vorgesehen. Für Ladepunkte unter 50 kW können auch sichere Internet-basierende Zahlungslösungen, etwa über einen QR-Code, zum Einsatz kommen. Entlang des transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-V) gelten zudem Nachrüstpflichten für bestehende Ladepunkte ab 50 kW. Damit schafft die Regulierung einen einheitlichen Rahmen für spontanes Laden – und erhöht zugleich den Investitions- und Umsetzungsdruck auf Betreiber.
Diese Vorgaben fördern mittelfristig das Ad-hoc-Laden und erhöhen zugleich den Druck auf bestehende Preis- und Roaming-Modelle. Denn der vom CPO eingestellte Basistarif ist nicht zwangsläufig identisch mit dem Endkundenpreis in jedem Vermarktungskanal. Je nach Kanal können CPMS-, Roaming-, Clearing-, Service- oder eMSP-Aufschläge hinzukommen. Damit wird die Preislogik komplexer, aber auch transparenter und stärker vergleichbar. Gerade deshalb müssen Preisunterschiede zwischen Ad-hoc-Payment und vertragsbasiertem Laden künftig nachvollziehbar, transparent und sachlich begründbar sein.
Gerade für Privatkunden, Gelegenheitslader oder internationale Nutzer wird ein einfacher, transparenter und registrierungsfreier Zugang attraktiver. Das Geschäftsmodell der eMSPs wird dadurch jedoch nicht verschwinden. Vielmehr verschiebt sich ihr Mehrwert: Reiner Zugang zur Ladeinfrastruktur reicht künftig weniger aus. Entscheidend werden Services wie Flottenabrechnung, Roaming-Komfort, Tarifbündelung, Reporting, Kostenstellenmanagement und digitale Zusatzfunktionen. Für gewerbliche Kunden und Fuhrparks bleiben Vertragsmodelle besonders relevant, weil sie konsolidierte Abrechnungen, steuerliche Nachweise und administrative Vereinfachung ermöglichen.
Ein tiefgreifendes Verständnis der Rollen von CPO, eMSP und den dazwischenliegenden technischen und kommerziellen Ebenen ist für den erfolgreichen Ausbau der Ladeinfrastruktur unerlässlich. Entscheider in der Mobilitäts- und Energiewirtschaft müssen ihre strategische Positionierung sorgfältig abwägen: Welche Kundenschnittstelle wollen sie selbst besetzen? Welche Rolle spielt Direct Payment zukünftig im eigenen Geschäftsmodell? Welche Aufgaben gehören zum eigenen strategischen Kern, und welche technischen, regulatorischen oder operativen Leistungen können spezialisierte Partner durch Erfahrung und Skaleneffekte effizienter übernehmen? Genau diese Abwägung entscheidet zunehmend darüber, ob Ladeangebote nicht nur nutzerfreundlich, sondern auch wirtschaftlich tragfähig sind.
AFIR macht eMSPs nicht überflüssig, aber sie verändert ihre Rolle. Der Wettbewerb verschiebt sich vom bloßen Zugang zur Ladeinfrastruktur hin zu Servicequalität, Abrechnungskomfort, Datenmehrwert und Integration in betriebliche Prozesse. Gleichzeitig gewinnen CPOs durch Ad-hoc-Payment mehr Sichtbarkeit an der Kundenschnittstelle, müssen dafür aber auch höhere Anforderungen an Technik, Transparenz und Betrieb erfüllen.
Die Elektromobilität kann nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn die verschiedenen Akteure im Ökosystem effizient zusammenarbeiten, technische Standards konsequent nutzen und die Bedürfnisse der Nutzer in den Mittelpunkt stellen. In der neuen Marktlogik entscheidet nicht allein, wer Ladepunkte betreibt oder Apps bereitstellt, sondern wer Zugang, Betrieb, Preislogik, Abrechnung und Nutzererlebnis so miteinander verbindet, dass daraus nicht nur ein gutes Ladeerlebnis, sondern auch ein wirtschaftlich tragfähiges Angebot entsteht. (se)