Volkswagen Bis zu 300 Millionen Zeilen Code: Trinity wird „komplexer als manches Flugzeug“

Das Projekt Trinity wird bei Volkswagen alles verändern. Auch in der Technischen Entwicklung. „Wir lassen kaum einen Stein auf dem anderen“, kündigte Vorstand Thomas Ulbrich an. Welche Maßnahmen die Wolfsburger konkret ergreifen.

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„Wir schwenken um von Hardware first auf Software first“, sagt VW-Technikvorstand Thomas Ulbrich.
„Wir schwenken um von Hardware first auf Software first“, sagt VW-Technikvorstand Thomas Ulbrich.
(Bild: Volkswagen)

Rund um den Volkswagen-Hauptstandort Wolfsburg wird sich in den nächsten Jahren jede Menge tun. Bereits länger beschlossen ist der Bau des neuen Entwicklungszentrums Campus Sandkamp für bis zu 800 Millionen Euro. Nicht weniger als das „modernste Auto-Entwicklungszentrum“ soll dadurch entstehen.

Wann genau der Startschuss dafür fällt, wollte Entwicklungsvorstand Thomas Ulbrich bei einem Pressegespräch am Donnerstag noch nicht verraten. Der Spatenstich solle aber „auf jeden Fall noch 2022 erfolgen“. Seinen ursprünglichen Plan, im Frühjahr die Arbeit aufnehmen zu können, wird Volkswagen aber wohl allem Anschein nach nicht einhalten können.

Ebenfalls in der Nähe des Stammwerks wird eine neue Fabrik entstehen, in der 2026 Volkswagens künftige Elektro-Hoffnung Trinity vom Band laufen soll. Wie Volkswagen inzwischen mitteilte, wird die Fabrik in Wolfsburg-Warmenau unmittelbar neben dem derzeitigen VW-Werk entstehen. Zwei Milliarden Euro nimmt der Konzern dafür in die Hand.

Beide Projekte sind für Volkswagen von enormer Bedeutung. Das unterstrich auch noch einmal Ulbrich am Donnerstag. „Mit Trinity werden Volkswagen und die Technische Entwicklung erneut Mobilitätsgeschichte schreiben“, steckte der Manager dem Konzern und der Einheit, die er verantwortet, maximal ehrgeizige Ziele. Das Level-4-autonome Elektroauto will Volkswagen in nur zehn Stunden produzieren können. Aktuell braucht der Hersteller bei manchen Modellen um die 30 Stunden und ist damit deutlich langsamer als etwa Tesla.

Entwicklungszyklus: 40 statt 54 Monate

Diesen Rückstand sollen auch große Umwälzungen in der Technischen Entwicklung wettmachen. Denn nicht nur in der Produktion fordert das Management mehr Tempo. Auch in der Entwicklung steigt der Druck. Fahrzeugprojekte will VW künftig in 40 Monaten statt wie bisher in 54 Monaten realisieren. Die Entwicklungszyklen sollen sich also um rund ein Viertel beschleunigen. Dadurch könnten neue Fahrzeuge spürbar schneller auf den Markt kommen.

Das Auto zieht seine eigentliche Power nicht mehr aus der Hardware, sondern aus der Software.

Thomas Ulbrich

Allein in Wolfsburg beschäftigt der Hersteller rund 11.500 Entwickler. Traditionell haben diese vor allem von der Hardware gedacht und zumeist isoliert und spezialisiert gearbeitet. Ein Ansatz, der längst überholt ist. „Die komplette Entwicklung muss neu gedacht werden. Wir schwenken um von Hardware first auf Software first“, erklärte Ulbrich. Und weiter: „Das Auto zieht seine eigentliche Power nicht mehr aus der Hardware, sondern aus der Software.“

Für die Entwickler bringt das radikale Veränderungen mit sich. Sie müssten vom isolierten zum integrierten Arbeiten übergehen, forderte der Entwicklungsvorstand. „Fachübergreifende Kommunikation sei jetzt besonders wichtig.“ Denn klar sei: Die bisherige Orientierung an Bauteilen funktioniert nicht mehr. Stattdessen will Volkswagen seine Entwicklung an Funktionen und Systemen ausrichten. „System Engineering wird entscheidend“, erklärte Ulbrich. Das kenne man bislang vielleicht eher aus der Luftfahrtbranche. Aber: „Mit Level 4 wird ein Auto komplexer als manches Flugzeug“, mahnte der 55-Jährige. Sei ein VW Käfer einst ohne eine einzige Zeile Code ausgekommen, habe ein VW ID 4 heute bereits 100 Millionen. Und bei Trinity werden es noch einmal zwei- bis dreimal so viele.

Der Software-first-Ansatz erfordert vor allem mit der eigenen Coding-Einheit Cariad einen ständigen Austausch. Aber auch darüber hinaus will Volkswagen immer mehr interdisziplinäre Teams bilden.

„Wir sind es unseren Mitarbeitern schuldig, sie fit für die Zukunft zu machen“

Noch fehlt es vielen der Volkswagen-Mitarbeiter in der Technische Entwicklung für jene Transformation am entsprechenden Know-how. Wer heute in der Entwicklung von Diesel-Tanks tätig ist, kann nicht ohne Weiteres auf Software-Integration umsteigen. Helfen soll dabei eine groß angelegte Qualifizierungsoffensive bei den Wolfsburgern. „Wir sind es unseren Mitarbeitern schuldig, sie fit für die Zukunft zu machen“, sagte Thomas Ulbrich am Donnerstag.

Innovationen entstehen nicht mehr nur durch Technologien, sondern vor allem auch im Arbeitsprozess.

Thomas Ulbrich

Mehr als 100 Beschäftigte habe man bereits für neue Berufsfelder qualifiziert. Bis 2030 sollen es rund 4.000 werden. Bis zu 180 Tage können derartige Maßnahmen in Anspruch nehmen. Weitere 6.000 bis 8.000 Mitarbeiter erhalten Schulungen, um ihre Kenntnisse zumindest zu erweitern. „Wir lassen in der Technischen Entwicklung kaum einen Stein auf dem anderen“, kommentierte Ulbrich.

Das alles soll dabei helfen, Volkswagen nicht nur als Arbeitgeber attraktiv zu machen. Für die Wolfsburger geht es um noch viel mehr. „Innovationen entstehen nicht mehr nur durch Technologien, sondern vor allem auch im Arbeitsprozess“, sagte Ulbrich.

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