Porträt: Mobilitätsmanager „Wir müssen dem Auto Raum entziehen“

Autor: Sebastian Hofmann

Eine erfolgreiche Verkehrswende ist ohne Mobilitätsmanager unmöglich. Welche Aufgaben der Beruf mit sich bringt und warum Überzeugungstalent dabei so wichtig ist – zwei Profis haben es uns erzählt.

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Theo Jansen leitet das Zukunftsnetzwerk Mobilität NRW und unterstützt Kommunen bei der Verkehrswende.
Theo Jansen leitet das Zukunftsnetzwerk Mobilität NRW und unterstützt Kommunen bei der Verkehrswende.
(Bild: Smilla Dankert)

Viele Kommunen in Deutschland denken ihre Verkehrsplanung gerade radikal neu. Unterstützung bekommen sie von der Berufsgruppe der Mobilitätsmanager. Was diesen Job so besonders macht, darüber hat Next Mobility gesprochen mit Stella Schwietering, einer Referentin für Mobilitätsmanagement beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, und Theo Jansen, dem Leiter des Zukunftsnetzes Mobilität NRW.

Herr Jansen, um die Klimaschutzziele zu erreichen, muss Deutschland den Verkehrssektor ordentlich umkrempeln. Welche Rolle spielen Mobilitätsmanager dabei?

Jansen: In der Kommunalverwaltung hat fast jeder Bereich etwas mit Mobilität zu tun – angefangen beim Tiefbauamt bis hin zur Straßenverkehrsbehörde. Oft fehlt aber eine eindeutige Zielvorgabe für die Verkehrswende und damit auch eine Strategie für die einzelnen Abteilungen. Als Mobilitätsmanager leisten wir diese Prozesssteuerung und initiieren konkrete Maßnahmen.

Wie sieht das der Praxis aus, Frau Schwietering?

Schwietering: Zunächst kommt für uns immer ein Auftrag aus der Kommune: Zum Beispiel bittet uns eine Stadt um Hilfe, weil sie mit Elterntaxis vor Schulen zu kämpfen hat. Wir sprechen dann vor Ort mit allen Beteiligten und schauen, wo das Problem liegt. Warum fahren so viele Eltern ihre Kinder bis vors Schultor? Warum gehen sie nicht zu Fuß?

Stella Schwietering ist Referentin für Mobilitätsmanagement beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr.
Stella Schwietering ist Referentin für Mobilitätsmanagement beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr.
(Bild: Stella Schwietering)

Und wie kommen Sie zur Lösung?

Schwietering: Häufig sind als unsicher empfundene Schulwege der Grund für Elterntaxis – darauf richten wir unsere Strategie aus. In der Umsetzung heißt das: Querungshilfen installieren, das Tempo reduzieren oder Grünschnitte an Kreuzungen vornehmen, um die Sichtachsen zu verbessern. Je nach Maßnahme kann ein solches Projekt mehrere Monate oder wenige Jahre dauern.

Wie wird man Mobilitätsmanager?

Um Mobilitätsmanager zu werden, gibt es zwei Wege:

Nun bringt das beste Mobilitätskonzept natürlich nichts, wenn keiner davon weiß. Geht es für Mobilitätsmanager nicht also auch ein bisschen um Marketing?

Jansen: Für mich ist das sogar eine ganz zentrale Aufgabe! Wer die Mobilität in seiner Stadt neu aufstellen will, braucht eine Kommunikationsstrategie. Gerade bei der Verkehrswende gibt es oft emotionalisierte Debatten. Da brauchen Sie ein positives Narrativ.

Woher kommt diese Emotionalisierung eigentlich?

Jansen: Die jahrzehntelange Förderung der Automobilindustrie hat eben Spuren hinterlassen. Das Auto war und ist für viele ein Versprechen von Freiheit. Und die, so das Vorurteil, wollen wir ihnen jetzt wegnehmen.

Wir müssen dem Auto Raum entziehen – für andere Verkehrsmittel, aber genauso für öffentliche Plätze.

Theo Jansen

Schwietering: Dabei ist das natürlich Unsinn. Wenn jemand auf ein Auto angewiesen ist oder er Alternativen einfach vorzieht, dann soll er es tun! Wir müssen aber alle Verkehrsmittel gleichberechtigt ansehen – den ÖPNV, das Auto, Fahrrad und Fuß. Das ist aktuell nicht der Fall.

Ganz ohne dem Auto Platz wegzunehmen, wird es nicht gehen, oder?

Jansen: Da haben Sie Recht, daran führt kein Weg vorbei. Wir müssen dem Auto Raum entziehen – für andere Verkehrsmittel, aber genauso für öffentliche Plätze. Ein Umstieg auf Elektroantriebe allein würde dieses Problem übrigens nicht lösen. Es wären am Ende schließlich noch genauso viele Fahrzeuge unterwegs wie vorher.

Wie viel verdienen Mobilitätsmanager?

  • Zwischen 40.000 und 60.000 Euro brutto pro Jahr.
  • Je nach Hochschulabschluss, Studienfach und Jahren Berufserfahrung liegen Beschäftigte höher oder niedriger im Spektrum.
  • In leitenden Positionen kann es sogar mehr als 60.000 Euro geben.

Was würde Ihnen die Arbeit als Mobilitätsmanager einfacher machen?

Jansen: Wir brauchen dringend mehr politischen Mut, notwendige Entscheidungen für die Verkehrswende zu treffen! Entschlossenere und besser koordinierte Maßnahmen sind nötig. Für uns heißt das: Wir müssen oft noch sehr intensiv an die Kommunalpolitik appellieren und ein Bewusstsein für die Dringlichkeit der Verkehrswende schaffen.

Schwietering: Trotzdem ist der Veränderungswille in den Kommunen immer stärker erkennbar. Früher musste ich häufig noch erklären, warum es neue Konzepte braucht. Das kann ich mir heute sparen. Am Ende macht dieses Spannungsfeld meine Begeisterung für den Beruf sogar aus: Du triffst als Mobilitätsmanagerin ganz unterschiedliche Menschen, von denen längst nicht alle einer Meinung sind – und dein Job ist es, sie zusammenzubringen, die beste Lösung für alle zu finden. Das ist keine Arbeit streng nach Vorschrift!

Einsatzfelder in Unternehmen

Mobilitätsmanager arbeiten nicht nur auf kommunaler Ebene: Auch KMU und Konzerne besetzen immer häufiger solche Positionen. Im betrieblichen Kontext geht es um nachhaltige Fuhrparks, die Optimierung von Arbeitswegen, Homeoffice und viele weitere Themen

* Sebastian Hofmann ist Fachredakteur „Job & Karriere“ bei der Vogel Communications Group.

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Über den Autor

 Sebastian Hofmann

Sebastian Hofmann

Journalist, Vogel Communications Group