Regional Air Mobility Milliarden-Deal: Fluglinie will 220 Flugtaxis von Lilium

Autor: Christoph Seyerlein

Ein Deal mit der brasilianischen Fluglinie Azul soll dem Flugtaxi-Start-up Lilium bis zu eine Milliarde Dollar einbringen. Dafür weichen die Münchner sogar von ihrem eigentlich geplanten Geschäftsmodell ab.

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2025 soll Lilium gemeinsam mit Azul in Brasilien starten.
2025 soll Lilium gemeinsam mit Azul in Brasilien starten.
(Bild: Lilium)

Im Flugtaxi-Wettbewerb geht es Schlag auf Schlag. Nun hat auch Lilium einen Großauftrag an Land gezogen. Die brasilianische Airline Azul hat eine Absichtserklärung abgegeben, nach der das Start-up aus München 220 Flugtaxis liefern soll. Ab 2025 ist der Einsatz des Lilium Jets vor allem in der Region Sao Paulo geplant. Insgesamt ist das geplante Geschäft rund eine Milliarde Dollar schwer.

Große Aufträge scheinen in der Branche gerade in Mode zu sein: Zuletzt hatte beispielsweise United Airlines 200 Flugtaxis beim US-Start-up Archer bestellt. Und auch der britische Anbieter Vertical Aerospace vermeldete eine Bestellung von 100 Modellen durch American Airlines, Virgin Atlantic und Avolon.

Laut einer Lilium-Mitteilung erwarten die Münchner, dass in Brasilien perspektivisch ein Markt von nahezu 100 Millionen Flugtaxi-Passagieren pro Jahr entstehen könnte. Schon heute ist das Land einer der weltweit größten Helikopter-Märkte.

Genau in dieses Geschäft will Azul mithilfe von Flugtaxis einsteigen. Unternehmen und reiche Privatleute nutzen Hubschrauber für den innerstädtischen Transport und Zubringerflüge zum Flughäfen. Vor allem in Sao Paulo mit seinen Staus ist jene Alternative etabliert.

Lilium gibt für den Deal sein geplantes Geschäftsmodell auf

Sollte das Geschäft wie geplant zustande kommen, würde Azul die Jet-Flotte betreiben und warten. Lilium wiederum soll eine Plattform zur Überwachung des Zustands der Flugtaxis, Wechselbatterien und andere Teile bereitstellen. Damit weicht Lilium von seinem eigentlich geplanten Geschäftsmodell ab: Bislang war stets die Rede davon, dass die Münchner ihre Jets nicht verkaufen wollen, sondern lediglich mit ihnen Flugtaxi-Dienstleistungen anbieten wollen.

Azul hat dem Start-up zudem Unterstützung in regulatorischen Fragen zugesagt. Das kann Lilium gut gebrauchen: Denn noch sind die eigenen Fluggeräte nicht zugelassen. Jenen Schritt peilen die Münchner für das Jahr 2024 an. Dann sollen auch die ersten kommerziellen Flugtaxi-Dienste in Florida und Deutschland starten.

Zweifel begleiten das Start-up

Auch die finanziellen Mittel aus dem Geschäft wären für Lilium wichtig. Die „Welt“ berichtete zuletzt, dass das Start-up seine Bilanz für 2019 nachträglich geändert und sogar mit einem Risikohinweis zum Fortbestand versehen hat. Ohne zusätzliche Geldquellen drohe 2022 das Aus. Statt auf 42,8 Millionen Euro habe sich der Verlust im Geschäftsjahr auf über 75 Millionen Euro belaufen. 2020 betrug der Verlust dann 188,4 Millionen Euro.

Allerdings hat Lilium nun nicht nur den Großauftrag mit Azul eingefädelt, sondern zuletzt auch einen Börsengang in den USA per Spac (Special Purpose Acquisition Company) angekündigt. Sollte das wie geplant im dritten Quartal 2021 zustande kommen, dürften die Münchner erst einmal durchatmen können. Eine Bewertung von 3,3 Milliarden Dollar wird erwartet.

Doch auch aus technischer Sicht gibt es immer wieder Zweifel an Liliums Vorhaben. Das Start-up setzt bei seinem Jet mit sieben Sitzen auf 36 schwenkbare Elektromotoren an vier Tragflächen mit einer Gesamtleistung von 320 kW. Sie sollen das Flugtaxi senkrecht starten lassen können. Die Reichweite wird mit bis zu 300 Kilometern angegeben, maximal sollen Geschwindigkeiten von 300 km/h möglich sein. Das Unternehmen verspricht zudem, dass der Jet besonders leise fliegen könne.

Kritiker werfen Lilium vor, das eigene Produkt mit unrealistischen Reichweiten und Geschwindigkeiten anzupreisen. Das Start-up selbst spricht von einem Triebwerks-Wirkungsgrad im Schweben von 85 bis 95 Prozent selbst bei einem vollbesetzten Jet. Die Fachzeitschrift „Aerokurier“ stellte hingegen eine Rechnung auf, die von 20 Prozent Wirkungsgrad ausgeht.

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 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Fachredakteur Next Mobility