Jobporträt: Verkehrsplaner „Manchmal brauchen wir Nerven aus Stahl“

Autor: Sebastian Hofmann

Ohne sie wäre die Verkehrswende eine Utopie – trotzdem wissen die meistens kaum etwas über sie: Verkehrsplaner. Welche Aufgaben der Job mit sich bringt und was erfolgreiche Verkehrsplaner können müssen.

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Eine ganze Stadt im Blick behalten und sofort eingreifen, wenn eine Bahn oder ein Bus ausfallen – nur eine der vielen Aufgaben von Verkehrsplanern.
Eine ganze Stadt im Blick behalten und sofort eingreifen, wenn eine Bahn oder ein Bus ausfallen – nur eine der vielen Aufgaben von Verkehrsplanern.
(Bild: ©Tryfonov - stock.adobe.com)

Führe ein einziger Bus die Strecke, die jährlich im deutschen ÖPNV gefahren wird, er käme zehnmal zum Neptun und zurück. Es wären 95 Milliarden Kilometer – so viel wie in Wirklichkeit über 10 Milliarden Fahrgäste zurücklegen.

Dafür, dass eine so große Infrastruktur reibungslos läuft, sind deutschlandweit Hunderte Verkehrsplaner verantwortlich – in Stadtwerken, Verkehrsverbunden oder Trägerbetrieben. Welche Herausforderungen der Job mit sich bringt und was erfolgreiche Verkehrsplaner ausmacht, das hat uns einer verraten, der diesen Beruf schon seit 25 Jahren ausübt.

Herr Nowak, seit 2010 arbeiten Sie in den Stadtwerken München als leitender Verkehrsplaner Schiene. Damit sind Sie täglich für die Koordination von mehr als 200 Fahrzeugen verantwortlich. Wie kamen Sie zu diesem Beruf?

Ich bin schon als Jugendlicher begeistert Bus und Bahn gefahren. Für die anderen war der ÖPNV immer eine Selbstverständlichkeit – mich hat es aber fasziniert, wie ein so großer und komplexer Sektor funktionieren kann. Deshalb habe ich später auch Verkehrs-Geografie an der TU München studiert. Über meine Diplomarbeit entstand schließlich der erste Kontakt zu einem Aufgabenträger und später zu den Stadtwerken.

Ist das Geografie-Studium der einzige Weg in diesen Job?

Nein, viele meiner Kollegen sind zum Beispiel Bau- oder Verkehrsingenieure. Wieder andere kommen aus dem aktiven Fahrdienst, waren Busfahrer*in oder Trambahnfahrer*in. Wichtig für Bewerber ist ein Grundverständnis analytischen Denkens: Wie gehe ich strukturiert an Herausforderungen ran und wie bringe ich sie zur Lösung?

Seit 25 Jahren arbeitet Thomas Nowak als Verkehrsplaner Schiene, den Großteil davon in den Stadtwerken München.
Seit 25 Jahren arbeitet Thomas Nowak als Verkehrsplaner Schiene, den Großteil davon in den Stadtwerken München.
(Bild: Thomas Nowak)

Und welche Aufgaben erwarten mich als Verkehrsplaner?

Wir sind die Steuerzentrale des öffentlichen Nahverkehrs. Das heißt: Wir sagen den Fahrern, wann sie fahren sollen, wohin und mit welchem Verkehrsmittel. Dazu bauen wir regelmäßig neue Fahrpläne und versuchen, die Wünsche sämtlicher Stakeholder zu berücksichtigen.

Mit „Stakeholder“ meinen Sie Ihre Fahrgäste, oder?

Auch, aber nicht nur. Als Verkehrsplaner*in sprichst Du mit allen, angefangen beim Fahrgast über Stadtteilpolitiker bis hin zum Oberbürgermeister – und zwar regelmäßig.

Einmal den Fahrplan bauen reicht also nicht.

Nein, auf keinen Fall. Unsere Arbeit umfasst Kurz-, Mittel- und Langfristplanung. Kurzplanung heißt: Wenn ein größerer Unfall passiert oder eine Gleisverbindung bricht, müssen wir sofort aktiv werden. Dann schalten wir in den Krisenmodus und überlegen: Wo haben wir noch Ressourcen? Welche Umleitungen brauchen wir? Und wie kommunizieren wir das den Fahrgästen? Manchmal brauchen wir also wirklich Nerven aus Stahl.

Was verdienen Verkehrsplaner eigentlich?

Das Gehalt eine*r Verkehrsplaner*in liegt anfangs bei etwa 40.000 Euro brutto pro Jahr – für Einsteiger mit Studium sogar noch etwas höher. Mit zunehmender Berufserfahrung sind bis zu 4.500 Euro pro Monat drin (54.000 Euro/Jahr). Für Führungsverantwortung gibt es nochmal etwas mehr.

Und was kann man sich unter Mittel- und Langfristplanung vorstellen?

Weit im Voraus planen müssen wir zum Beispiel, wenn ein neuer Stadtteil entsteht. Dann setzen wir uns mit den verantwortlichen Behörden zusammen und überlegen, wie wir eine gute Verkehrsanbindung schaffen können. Gerade im Bereich Schiene brauchen wir für solche Projekte einen langen Vorlauf.

Warum?

Weil es ganz schön dauert, Infrastrukturen zu errichten oder zu ertüchtigen – genauso wie die Bestellung neuer Bahnen. Alleine für Fahrzeuge sind es 3 bis 5 Jahre. Außerdem müssen wir sehr exakt kalkulieren, denn mit Neubestellungen sind enorme Kosten verbunden: Bis zu zehn Millionen Euro für einen einzigen Bahnzug!

Eines der wichtigsten langfristigen Vorhaben im ÖPNV ist ja die Mobilitätswende. Wie funktioniert die Verkehrsplanung dafür?

Zunächst bekommen wir von der Stadt eine Zielgröße genannt, etwa: Bis 2030 müssen Busse und Bahnen in einem dichteren Takt fahren. Wir Verkehrsplaner überlegen dann, wie wir diese Anforderungen umsetzen können.

Das zieht ja oft auch bauliche Maßnahmen nach sich, oder? Setzen Sie die auch selbst um?

Nein, dafür gibt es unsere Kollegen, die Verkehrsingenieure. Mit ihnen diskutieren wir unsere Konzepte und sie beraten uns. Dann heißt es etwa: Ab 2025 sollen am Verkehrsknoten X ganze zwei Tramlinien mehr fahren als heute. Die Kollegen schauen sich die Örtlichkeit an und geben uns Bescheid, ob unser Konzept praxistauglich ist – oder ob Umbauen nötig wären.

Wie schwierig ist es heutzutage eigentlich, solche Städtebauprojekte durchzubringen? Man hat das Gefühl, dass zu jedem neuen Bauvorhaben gleich drei Petitionen aus dem Boden schießen.

Ja, das Gefühl habe ich auch. Gerade in Städten wie München entstehen schnell Interessenskonflikte. Für Dich als Verkehrsplaner ist das natürlich frustrierend, wenn Du jahrelang über ein Projekt sprichst, am Ende aber ohne Lösung bleibst. Da braucht es von der Bevölkerung und der Politik noch deutlich mehr Mut und Kompromissbereitschaft. Hätten die Leute früher so diskutiert, wie wir heute – München hätte keinen einzigen Meter U-Bahn!

Tauschen würden Sie Ihren Job aber trotzdem nicht, oder?

Auf keinen Fall, diese Herausforderungen machen den Job ja erst so facettenreich! Ich weiß frühs nie, was mich erwartet. Deshalb kann ich nur allen raten: Bewerbt Euch für ein Praktikum oder eine Werkstudenten-Tätigkeit. Es gibt wenige Berufsfelder, wo Ihr so viele unterschiedliche Menschen trefft und so nachhaltig an der Mobilität von morgen mitarbeiten könnt!

* Sebastian Hofmann ist Fachredakteur „Job & Karriere“ bei der Vogel Communications Group.

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Über den Autor

 Sebastian Hofmann

Sebastian Hofmann

Journalist, Vogel Communications Group