Autonomes FahrenLidar: Sorgt ein Preisrutsch für den Einsatz bei Chinas Autobauer?
Von
Henrik Bork*
200 statt 80.000 US-Dollar: In China steht die Lidar-Technik angeblich vor einem Preisrutsch – und könnte damit dem autonomen Fahren einen großen Schub verleihen.
Gedränge: Im dichten Verkehrsgeschehen nicht nur chinesischer Städte bleibt autonomoes Fahren bis auf Weiteres eine Herausforderung – egal, ob mit Lidar oder einer anderen Technik zur Umgebungserfassung.
In China steht die Lidar-Technik („Light detection and ranging“ oder „Light imaging, detection and ranging“) Medienberichten zufolge kurz vor der Serienreife. Die Massenfertigung der ersten Laser-ähnlichen Ausrüstungen für die chinesische Autoindustrie werde im zweiten Halbjahr dieses Jahres beginnen, berichtete die chinesische Autozeitung Zhongguo Qichebao.
Zuvor hatte der chinesische Produzent RoboSense Lidar erklärt, seine erste Lidar-Fertigungslinie sei fertiggestellt. Die Massenfertigung des ersten eigenen Produkts, eines Festkörper-Lidar-Systems, könne bereits im zweiten Halbjahr 2021 starten. Nach dem Bericht der Autozeitung sollen bereits Verträge mit Abnehmern für die ersten Lieferungen bestehen.
Lidar: Wichtiger Meilenstein – aber auch ein belastbarer?
Die Nachricht von der bevorstehenden Serienreife eines chinesischen Lidar-Produktes wird in der chinesischen Autoindustrie als wichtiger Meilenstein gewertet. Die Technologie war noch bis vor kurzem umstritten, vor allem wegen ihrer relativ hohen Kosten. Genau die dürften jedoch schnell fallen, wenn die Serienproduktion chinesischer Produzenten beginne – das erwarten zumindest einige Marktanalysten.
Bislang hatten – von China aus betrachtet – ausländische Firmen diesen Markt dominiert. Deren Produkte galten aber oft als zu teuer. So habe sich die Firma Velodyne Lidar, ein Pionier der Branche aus Kalifornien, aus diesem Grund wieder aus dem eigentlich sehr wichtigen chinesischen Markt zurückgezogen, berichteten chinesische Medien.
Nun würden die Chinesen mit eigenen Lösungen kommen. Angeblich könnten Produkte aus heimischer Fertigung bereits für um die 200 US-Dollar erhältlich sein. Zum Vergleich: Für technisch ausgereifte Lidar-Systeme haben westliche Anbieter noch vor kurzem rund 80.000 US-Dollar aufgerufen. Ob eine solch drastische Preisreduktion überhaupt möglich ist, und wie leistungsfähig derartige Produkte dann tatsächlich sind, lässt sich derzeit kaum beurteilen. Trotzdem greifen die chinesischen Medien die Jubelmeldungen gerne auf: „Für Lidar könnte 2021 das erste Jahr explosiven Wachstums für Lidar werden“, hofft etwa das Online-Portal Sina.
Durchbruch bei Lidar könnte autonomes Fahren in China beschleunigen
Sollte sich der Optimismus bewahrheiten, hätte dies sicherlich auch Auswirkungen auf die Entwicklung anderer Schlüsselkomponenten der Autoelektronik. So könne ein Durchbruch im Bereich Lidar den Einsatz des autonomen Fahrens in China beschleunigen, denken Experten.
Wenn Lidar gemeinsam mit anderen Komponenten eingesetzt werde, etwa mit Millimeterwellen-Radar und Kameralösungen, könne es die Sicherheit von Fahrerassistenz-Systemen erhöhen, sagte Bao Junwei, CEO von Innovusion, gegenüber der Autozeitung Zhongguo Qichebao. Seine Firma liefert Lidar-Komponenten an das chinesische E-Auto-Startup Nio.
Darüber habe sich nun in der chinesischen Autoindustrie ein Konsens herausgebildet, so Bao. „Viele Unternehmen sind der Meinung, dass Lidar reif für die Massenproduktion ist“, sagte der CEO. Bao wäre allerdings auch einer der Ersten, der davon profitieren dürfte.
Es gibt Alternativen für Lidar
Die Lidar-Technik verwendet Laserstrahlen, um permanent eine dem Radar vergleichbare Abstands- und Geschwindigkeitsmessung durchzuführen und so die Umgebung zu erfassen. Radar hingegen arbeitet mit Radiowellen.
Doch längst nicht alle Hersteller sind davon überzeugt, dass Lidar der technisch am besten geeignete Weg für das autonome Fahren ist. Der Einsatz von rein optischen Sensoren und das Errechnen von Abstand und Geschwindigkeit durch leistungsstarke Halbleiter und Algorithmen gelten als Alternative.
Noch im Dezember hatte es einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen dem Tesla-Gründer Elon Musk und dem Gründer des chinesischen E-Auto-Herstellers Xpeng, He Xiaopeng, gegeben. Dabei ging es primär um die Lidar-Technik. Elon Musk hatte sie in der Vergangenheit als „vergebliche Liebesmühe“ („a fool´s errand“) bezeichnet, weil sie einfach zu teuer sei.
He Xiaopeng hatte damals gerade angekündigt, noch im Jahr 2021 ein serienmäßig mit Lidar ausgerüstetes Auto auf den Markt zu bringen. Elon Musk machte sich auf Twitter darüber lustig. Der Chinese schoss zurück. „Ab dem nächsten Jahr musst du darauf vorbereitet sein, beim autonomen Fahren von uns geschlagen zu werden”, hatte He auf dem Twitter-ähnlichen Dienst Weibo geantwortet.
Stand: 08.12.2025
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Nio will Auto mit Huawei-Lidar bauen
Mittlerweile hat der chinesische Autohersteller Nio angekündigt, sein Luxus-E-Auto ET7, das im ersten Quartal 2022 auf den Markt kommen soll, werde serienmäßig mit einem „Hochpräzisions-Lidar“ ausgerüstet sein. Und der chinesische Telekomausrüster Huawei hat berichtet, ebenfalls ein „96-Line-Lidar“ zu entwickeln. Dieses Huawei-Lidar will der chinesische Autohersteller BAIC New Energy nach eigenen Angaben schon bald in seinen E-Autos verbauen zu wollen.
In diesem Jahr haben chinesische Autohersteller damit begonnen, Modelle mit Autopiloten der Stufe L3 anzukündigen. Dabei treffen die Fahrerassistenz-Systeme erstmals autonome Entscheidungen im Straßenverkehr, auch wenn noch immer die Anwesenheit eines Fahrers verlangt wird, der die künstliche Intelligenz im Notfall „überstimmen“ und schnell am Steuer eingreifen kann.
Weder Lidar noch andere Systeme gelten momentan als völlig ausgereift, um für sich allein ein sicheres, weitgehend fahrerloses Fahren der Stufen L3 oder höher zu ermöglich. In China zumindest scheint sich aber nun ein Konsens in der Frage herauszubilden, ob „autonomes Fahren höherer Stufen Lidar brauche oder nicht – und die Antwort ist ja”, zitiert die Autozeitung den Innovusion-CEO Bao Junwei. Die Installation der Lidar-Technologie stehe in China gerade vor einem großen Durchbruch, schreibt das Blatt.
* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.