Motorradmarkt „Dieser Boom hält noch an“

Von Jan Rosenow

Der Motorradabsatz steht nach dem ersten Halbjahr 2022 wieder im Plus: 2,9 Prozent mehr Krafträder wurden verkauft als im Vorjahr. »kfz-betrieb« fragte Henning Putzke, den Präsidenten des Industrieverbands Motorrad, ob der Aufschwung weitergehen wird.

Motorräder bei einem Händler (Symbolbild): Leistungsstarke Motorräder stehen in Deutschland weiter im Mittelpunkt – aber auch 125er sind sehr erfolgreich.
Motorräder bei einem Händler (Symbolbild): Leistungsstarke Motorräder stehen in Deutschland weiter im Mittelpunkt – aber auch 125er sind sehr erfolgreich.
(Bild: Rosenow – »kfz-betrieb« )

Zwar ist die Motorradbranche ebenso wie der Autohersteller von Lieferschwierigkeiten betroffen, aber diese scheinen die Erfolgsgeschichte des Zweiradmarkts nicht zu beeinträchtigen. Während die Pkw-Branche im ersten Halbjahr einen Absatzrückgang von elf Prozent verzeichnen musste, konnten sich die Hersteller von motorisierten Zweirädern über ein Plus von 2,9 Prozent freuen. Doch wird dieser Boom weiter anhalten? Dazu hat »kfz-betrieb« Henning Putzke befragt, den Präsident des Industrieverbands Motorrad.

Redaktion: Der Motorradmarkt hat sich während der Corona-Pandemie als sehr robust gezeigt und konnte sogar Wachstum verbuchen. War das ein Sondereffekt, weil viele Menschen das Motorrad aus Mangel an anderen Freizeitaktivitäten entdeckt haben? Oder rechnen Sie auch für die nächsten Jahre mit einem stabilen oder wachsenden Absatz?

Henning Putzke, im Hauptberuf Leiter Retail Geschäftsentwicklung und Kundenbetreuung bei BMW Motorad, ist der Präsident des Industrieverbands Motorrad (IVM).
Henning Putzke, im Hauptberuf Leiter Retail Geschäftsentwicklung und Kundenbetreuung bei BMW Motorad, ist der Präsident des Industrieverbands Motorrad (IVM).
(Bild: Jan Schuenke )

Henning Putzke: Die Menschen haben ja viele Freizeitaktivitäten für sich wiederentdeckt! Die Konzentration auf das Wesentliche im Leben, also auf eine Art Erlebniskultur, hat während der Pandemie deutlich zugenommen. Wandern, Wohnmobile, Wassersport, Fahrrad- und Pedelec-Touren. Das „Draußen sein“ hat profitiert. Und eben auch das Erlebnis, Motorrad und Roller zu fahren. Damit werden die Menschen, die Freizeit und Erlebnis als wichtigere Faktoren für sich entdeckt haben, auch nach der Pandemie nicht aufhören. Motorräder und Roller sind ja nicht nur eine Freizeitgestaltung unter vielen, sie sind Mobilität, sie sind eine Lebenseinstellung, ein Lifestyle. Deshalb gehen wir von einem stabilen Markt und wachsender Nachfrage nach unseren Produkten auch nach Corona aus.

Welche Fahrzeugsegmente auf dem Zweiradmarkt haben die besten Wachstumschancen?

Die Einführung von B196 (erleichterter Zugang zur Fahrerlaubnis für 125er-Motorräder für fast alle Autofahrer – Anm. die Redaktion) hat einen Boom im Segment der leichten urbanen Mobilität ausgelöst, und dieser Boom hält noch an. Sehr viele auch jüngere Pkw-Fahrerinnen und -fahrer ziehen das Erlebnis, 125-er Roller oder -Motorräder zu fahren, der Fortbewegung im öffentlichen Nahverkehr oder dem Auto vor. Auch die Kleinkraftroller mit der AM-Führerscheinklasse sind immer stärker gefragt. Gleiches gilt für die kleineren Hubraumklassen von Motorrädern und Motorrollern. Eindeutige Indizien dafür, dass der Mobilitätsaspekt ein wichtiges Standbein der Branche auch für den Mobilitätsmix der Zukunft sein wird. Ansonsten bleibt Deutschland, auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, der Big-Bike-Markt mit großen Anteilen von klassischen Motorrädern und Enduros, gerade auch in den hohen Hubraumklassen. Motorradinteressierte weisen oft ein überdurchschnittliches Einkommen auf und investieren offensichtlich entsprechend in Motorräder und Roller.

Die Elektromobilität ist auf dem Motorradmarkt bislang eine Randerscheinung. Welche Entwicklung ist hier in den nächsten Jahren zu erwarten?

Angesichts der voranschreitenden Diskussion um die Fristen der fossilen Verbrennung wird natürlich die Elektromobilität weiterhin an Relevanz zulegen – das gilt selbstverständlich auch für die E-Mobilität auf zwei Rädern. So ist zum Beispiel der Marktanteil von zulassungspflichtigen Elektrofahrzeugen 2022 im Vergleich zum Vorjahr von 2,5 auf 4,2 Prozent gestiegen. Noch deutlich höher ist der Elektroanteil bei den Kleinfahrzeugen mit Versicherungskennzeichen. Zahlreiche Hersteller arbeiten an neuen elektrifizierten Fahrzeugen, die zum Beispiel auch auf der Motorradmesse Intermot im Oktober in Köln dem Publikum präsentiert werden. Aber auch die Entwicklung sogenannter E-Fuels, also nicht fossiler und mit Solarenergie sogar klimaneutral herzustellender Treibstoffe, wird die zukünftige Mobilität möglicherweise nochmals neu befeuern.

Wünschen Sie sich eine staatliche Absatzförderung, wie es sie für E-Autos ja auch gibt?

Der IVM führt hier seit Langem Gespräche auf allen relevanten Ebenen – will sagen auf der politischen Seite mit europäischen und nationalen Entscheidern genauso wie auf Hersteller- und Vertriebsseite. Konkret ist der IVM aktives Mitglied im Bundesverband Elektromobilität und im Dialog mit den politisch Verantwortlichen. Bei den Perspektiven darf natürlich auch nicht völlig außer Acht gelassen werden, dass bei einem potenziellen Auslaufen einer Förderung auch die Gefahr eines deutlichen Marktrückgangs besteht.

In der Öffentlichkeit werden Motorräder oft mit Lärmbelästigung und hohen Unfallzahlen assoziiert. Was tut die Industrie, um diesem Bild entgegenzuwirken?

Alle Hersteller stehen in der Verantwortung, sichere und gesetzeskonforme Motorräder und Roller anzubieten. Dem kommen alle Marken über die gesamte Bandbreite ihrer Produkte nach. Seit Jahren sinken die Zahlen verunglückter Motorradfahrer und -fahrerinnen. Konkret sind im Jahr 2021 minus 7,6 Prozent verunglückte Motorradfahrer und -fahrerinnen und minus 11 Prozent verunglückte Mopedfahrer und -fahrerinnen zu verzeichnen. Natürlich tun auch wir als Industrie alles uns Mögliche, um diesen positiven Trend zu unterstützen.

Womit genau?

Wir als IVM produzieren zum Beispiel zusammen mit dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) seit 2015 die Online-Sicherheitskampagne „Motorrad: Aber sicher!“. In dieser Reihe gibt es unter anderem den weltweit einzigartigen Lehrfilm „Präzise und unsichtbar“, der alle sicherheitsrelevanten Assistenzsysteme an Motorrädern und Rollern dokumentiert – zuletzt wurden darin radarbasierte Abstandstempomaten und automatische Notrufsysteme in wirklich bemerkenswerten Filmen dargestellt. Die Sicherheit der Motorradfahrerinnen und -fahrer steht für uns alle, die wir Motorräder und Roller herstellen, an oberster Stelle. Daher setzen wir nicht nur auf allerhöchste technische Maßstäbe in puncto Sicherheit, sondern auch auf Fahrpraxis in Form von Trainingsmöglichkeiten.

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Im Fokus der Behörden steht aber vor allem die angebliche Lärmbelästigung.

Die Lärmbelästigungen, die Sie ansprechen, sind in der heutigen mobilen Gesellschaft außerordentlich vielfältig – die Wahrnehmung fällt allerdings individuell unterschiedlich aus. An sogenannten Motorrad-Hotspots stehen tatsächlich Motorräder im Fokus der Kritik. Wir appellieren deshalb immer wieder an die Vernunft der Fahrerinnen und Fahrer, keine illegalen Anbauteile zu verwenden, mal einen Gang hochzuschalten, Gas wegzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und nicht als Störenfried aufzufallen.

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