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Autonomes Fahren und seine Chancen und Risiken für die Verkehrswende

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Im Fokus der politischen Debatte über das Autonome Fahren standen bislang vor allem ethische, sicherheitsbezogene und rechtliche Fragestellungen. Der Einfluss auf die Verkehrswende und damit auf Klima und Umwelt war dagegen ein untergeordnetes Thema.

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Eine neue Analyse beleuchtet Chancen und Risiken selbstfahrender Fahrzeuge aus klimapolitischer Sicht.
Eine neue Analyse beleuchtet Chancen und Risiken selbstfahrender Fahrzeuge aus klimapolitischer Sicht.
(Bild: Fraunhofer)

Automatisierte Fahrzeuge sollten vor allem gemeinschaftlich genutzt und gut in den öffentlichen Verkehr integriert werden. Darauf verweist der Thinktank Agora Verkehrswende in einer Analyse der Entwicklungsperspektiven. Bisher kämen die Aspekte Klimaschutz und nachhaltige Stadtentwicklung zu kurz in der Debatte über autonomes Fahren in Deutschland. Ohne gezielte politische Steuerung drohe eine zunehmende Motorisierung mit weiterem Anstieg des Energie- und Flächenverbrauchs. „Im Gesetz für autonomes Fahren, das die Bundesregierung vorbereitet, geht es bisher vor allem um rechtliche, technische und sicherheitsrelevante Fragen. Digitalisierung im Verkehr ist aber auch eine Frage von Klimaschutz und Lebensqualität. Das sollte sich auch in der Gesetzgebung niederschlagen. Sonst kann autonomes Fahren den Zielen der Verkehrswende zuwiderlaufen“, sagt Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende.

Risiken: mehr Individualverkehr, mehr Energieverbrauch, mehr Zersiedelung

Die Analyse, die das Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) für Agora Verkehrswende erstellt hat, gibt eine Übersicht über die Chancen und Risiken des automatisierten Fahrens für nachhaltige Mobilität. Das Hauptrisiko bestehe darin, dass der motorisierte Individualverkehr attraktiver werden und die Fahrleistung steigen könnte. Denn die Digitalisierung erleichtere das Autofahren und mache es auch für Zielgruppen zugänglich, die bisher nicht dazu in der Lage waren.

Zudem sei es möglich, dass automatisierte Fahrzeuge vermehrt leer herumfahren und Pendlerinnen und Pendler bereit sind, längere Strecken in Kauf zu nehmen, weil sie die Fahrzeit zum Arbeiten oder Ausruhen nutzen können. In der Regional- und Stadtentwicklung würde das zu noch größerer Zersiedelung führen. Im schlimmsten Fall entstehe auch eine separate Infrastruktur für automatisierte Fahrzeuge, die andere Verkehrsarten wie Radfahren und Zufußgehen einschränkt und den öffentlichen Raum zusätzlich verknappt.

Die Analyse zeigt aber auch, dass die Automatisierung dazu genutzt werden kann, die Fahrleistung zu reduzieren und den Verkehr sicherer und effizienter zu gestalten. Schätzungen zufolge könnte ein öffentlich genutztes automatisiertes Fahrzeug an einem Tag die Fahrten von bis zu elf Privatfahrzeugen übernehmen. Voraussetzung dafür sei jedoch die Bereitschaft, vom eigenen Auto umzusteigen. Effizienzvorteile wie das Fahren mit einheitlichem Tempo und geringen Abständen ließen sich erst bei einem hohen Anteil automatisierter Fahrzeuge realisieren. Mischverkehr mit anderen Verkehrsträgern könne hingegen zu mehr Aufwand und Gefahrensituationen führen.

Empfehlungen: Effizienzvorteile nutzen und gesellschaftliche Diskussion stärken

Agora Verkehrswende empfiehlt daher als Leitlinie für die Politik, das automatisierte und vernetzte Fahren gezielt als Beitrag für die Verkehrswende zu gestalten. Zunächst gehe es weiterhin darum, Verkehr zu vermeiden und auf nachhaltige Verkehrsträger zu verlagern. Das Grundprinzip der Daseinsvorsorge durch den öffentlichen Verkehr müsse im Personenbeförderungsgesetz aufrechterhalten werden. Automatisierte Mobilitätsangebote dürften nicht mit dem klassischen öffentlichen Verkehr konkurrieren, sondern sollten als Ergänzung dienen, insbesondere dort, wo sie Effizienzvorteile bieten. In diesem Rahmen gelte es, automatisierte Fahrzeuge möglichst effizient zu betreiben, gemeinschaftlich zu nutzen und in den öffentlichen Verkehr zu integrieren.

Darüber hinaus empfiehlt Agora Verkehrswende auf Basis der Analyse, bei Mischverkehren mit automatisierten Fahrzeugen die Frage der Verkehrssicherheit besonders zu berücksichtigen und bei der Planung der Infrastruktur dem Leitbild der nachhaltigen Raumordnung und Stadtentwicklung zu folgen. Eine durch Absperrungen abgetrennte Infrastruktur nur für automatisierte Fahrzeuge gelte es zu vermeiden. Regeln und Standards müssten sowohl einen reibungslosen als auch sicheren Austausch von Daten ermöglichen.

„Autonomes Fahren kann die Mobilität für alle grundsätzlich verändern“, sagt Agora-Projektmanagerin Marena Pützschler. „Deshalb ist es notwendig, die gesellschaftliche Diskussion über die Automatisierung im Verkehr zu stärken und mit den Fragen des Klimaschutzes und der nachhaltigen Entwicklung zu verbinden.“

Die sechs Eckpunkte im Detail

1: Die Politik gestaltet und steuert die Entwicklung, damit das automatisierte Fahren einen Beitrag zur Verkehrswende leisten kann. Gelingt es, die Fahrzeugautomatisierung für neue Mobilitätsangebote und eine bessere Verkehrsabwicklung zu nutzen, kann sie zu einem unterstützenden Faktor der Verkehrswende werden. Ohne politische Steuerung wie zum Beispiel durch Preisinstrumente besteht das Risiko, eine neue Ära der Massenmotorisierung einzuleiten. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die technische Entwicklung zu fördern, sondern auch die politischen und sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Entwicklung zu setzen.

2: Automatisierte Fahrzeuge werden gemeinschaftlich genutzt und in den öffentlichen Verkehr integriert, um einen Anstieg von Fahrleistung sowie von Energie- und Flächenverbrauch zu vermeiden. Automatisiertes Fahren kann zu einem erheblichen Anstieg der Fahrleistung sowie des Energie- und Flächenverbrauchs führen. Denn Autofahren wird komfortabler und auch für Menschen möglich, die bisher nicht dazu in der Lage waren. Die Reisezeit kann zum Arbeiten oder zum Entspannen genutzt werden. Leere Fahrzeuge könnten herumfahren, statt auf einem kostenpflichtigen Parkplatz zu stehen. Um Mehrverkehre zu vermeiden, gilt es, den Betrieb möglichst effizient zu gestalten, die Fahrzeuge gemeinschaftlich zu nutzen und in den öffentlichen Verkehr zu integrieren.

3: Verkehrssicherheit wird auch bei Mischverkehr aus automatisierten und nicht automatisierten Fahrzeugen gewährleistet. Langfristig könnte das automatisierte Fahren den Verkehr spürbar sicherer machen. Verschiedene Fahrstufen unterhalb der Vollautomatisierung, die eine zeitweise Übernahme durch den Menschen erfordern, sowie automatisierte und nicht automatisierte Mischverkehre aus motorisiertem Individualverkehr, ÖPNV, Wirtschaftsverkehr und aktiver Mobilität könnten dagegen zunächst zu neuen Gefahrenquellen führen. Bei der Gestaltung der Übergangsphase hin zu Vollautomatisierung sollte die Frage der Verkehrssicherheit deshalb besonders berücksichtigt werden.

4: Der Aufbau der öffentlichen Infrastruktur für automatisiertes Fahren folgt dem Leitbild der nachhaltigen Raumordnung und Stadtentwicklung. Eine Trennung zwischen dem automatisierten und nicht automatisierten Verkehr durch physische Infrastruktur (zum Beispiel Absperrungen zwischen Straßen und Radwegen sowie Bürgersteigen), die sich vorrangig an den Belangen des motorisierten Verkehrs orientiert, passt nicht zu einer nachhaltigen Verkehrssystemgestaltung und Verkehrspolitik. Automatisierte Fahrzeuge, die in Sharing-Systemen überwiegend auf den Straßen unterwegs sind, benötigen weniger Parkraum. Dieses Potenzial sollte gezielt genutzt werden.

5: Klare Regeln und Standards ermöglichen einen reibungslosen und sicheren Austausch der Daten. Die Potenziale des automatisierten Fahrens für die Verkehrswende können nur erschlossen werden, wenn der Austausch von Daten unter den relevanten Akteuren reibungslos funktioniert. Dadurch entstehen aber auch Risiken für den Datenschutz und die Datensouveränität (Zugang, Nutzung, Missbrauchsgefahr). Daher müssen Konzepte, technische Standards und rechtliche Regelungen entwickelt werden, die sowohl die Datennutzung ermöglichen als auch den Datenschutz und das Rechts auf Privatheit gewährleisten.

6: Eine breite gesellschaftliche Diskussion begleitet die Entwicklung des automatisierten Fahrens – auch mit Fokus auf die Verkehrswende. In der bisherigen Diskussion über das automatisierte Fahren stehen vor allem ethische, sicherheitsbezogene und rechtliche Fragestellungen im Mittelpunkt. Zukünftig sollte der Einfluss der Fahrzeugautomatisierung auf die Verkehrswende und damit auf Klima und Umwelt stärker thematisiert werden. Die breite Diskussion dieser Fragen ist eine wichtige Voraussetzung für den Klimaschutz im Verkehr.

Die komplette Studie finden Sie hier zum Nachlesen.

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