Als „Smartphone mit 9000 PS“ bezeichnet Michael Peter, CEO von Siemens Mobility, die Weiterentwicklung der bewährten, europaweit eingesetzten Vectron-Lokomotivplattform zum digitalisierten und vernetzten Vectron X. Auch ein App-Store ist zukünftig mit an Bord.
Mit dem Vectron X erweitert Siemens die bewährte Vectron Plattform zu einer digital vernetzten Lokomotive mit App Store und integrierten Serviceprozessen.
(Bild: Richard Oed)
Erstmalig 2010 vorgestellt und ab 2012 in Betrieb genommen, entwickelte sich die Vectron-Lokomotivplattform von Siemens Mobility über die Jahre zum Verkaufsschlager. Mittlerweile sind sie in mehr als 80 Varianten in 20 Ländern unterwegs. Insgesamt verkaufte Siemens bisher fast 3000 Lokomotiven dieses Typs für den Schienengüter- und Personenverkehr. Täglich legen die bereits im Einsatz befindlichen Maschinen zusammen zwei Millionen Kilometer zurück. Am 10. Juni 2026 stellte der Hersteller im frisch erweiterten Rail Service Center in München-Allach die digitale Evolution der Produktfamilie vor, die Siemens als „Vectron X“ bezeichnet. Dabei ist der Vectron X keine Neuentwicklung, es ist vielmehr eine Transformation der bestehenden Familie zu einer offenen, softwarebasierten, digitalen und vernetzten Lokomotivplattform. Die Lok soll in Zukunft nicht mehr nur ein Fahrzeug, sondern ein digitaler Arbeitsplatz, Datenknoten und Teil eines durchgängigen Ökosystems sein.
Hierfür kombiniert der Vectron X bewährte Technologien mit digitalen, App-basierten Funktionen und offenen Schnittstellen für Drittpartner und verknüpft Fahrzeug, Betrieb, Service und Infrastruktur. Durch die modulare und Software-basierte Architektur ist der Vectron X Teil des Siemens-Ökosystems „Xcelerator“, das 2022 auf der InnoTrans in Berlin angekündigt wurde. So kann der Vectron X mit künftigen Kundenanforderungen mitwachsen und flexibel angepasst werden.
„Der Vectron X verbindet perfekt die reale und die digitale Welt und bringt digitale Funktionen direkt in die Lokomotive […]”, erklärte Andre Rodenbeck, CEO Rolling Stock Siemens Mobiliity.
(Bild: Richard Oed)
Durch die Vernetzung entsteht eine enorme Datenbasis, denn laut Elmar Zeiler, CEO Customer Services bei Siemens Mobility, produziert jedes Fahrzeug eine Milliarde Datenpunkte pro Jahr. So sagte Michael Peter auch bei der Vorstellung: „Wir haben keine einzelnen Lokomotiven mehr. Unsere Lokomotiven werden über den gesamten Lebenszyklus hinweg gewartet, und 3000 Lokomotiven lernen in einem großen Ökosystem voneinander, wovon jede einzelne Lokomotive und jeder einzelne Kunde profitiert.“ Ab Juni 2026 werden alle Bestellungen als Vectron X ausgeliefert, unabhängig davon, wann sie geordert wurden.
Der Smart Screen ist das Herzstück
Im Zentrum des digitalen Bedienkonzepts steht der zentral angeordnete 11,6-Zoll-Smart-Screen, der den bekannten Führertisch des Vectron ergänzt und wichtige Anwendungen und Informationen bündelt. Das reicht von betrieblichen Daten über Streckeninformationen bis hin zu Applikationen von Drittanbietern in einem App Store. Dabei ist die App „TrainPlay“ eine Kernfunktion dieses digitalen Ökosystems: Diese CarPlay-analoge Lösung erlaubt es den Lokführerinnen und Lokführern, bestimmte kunden- und betreiberspezifische Anwendungen, die sie heute häufig auf Smartphones oder Tablets benutzen, auf dem Touch-fähigen Smart Screen zu spiegeln. Die Kommunikation ist dabei bidirektional; Fahrer können ihre auf dem mobilen Endgerät laufenden Apps beispielsweise für die Einsatzplanung, betriebliche Koordination oder Informationsabrufe, auch steuern. Damit bringt Siemens Mobility erstmals eine CarPlay-ähnliche Lösung für Lokomotiven heraus.
Mit Live-Traffic kann sich der Lokführer die Abstände zu den vorausfahrenden und nachfolgenden Zügen anzeigen lassen.
(Bild: Richard Oed)
Derzeit sind sechs verschiedene Software-Pakete verfügbar, die von Anfang an installiert werden. Das ist zum einen das Paket „Vectron Eco Cruise“ zur Energieeffizienz, das Lokführer dabei unterstützt, möglichst energiesparend zu fahren. Dieses setzt auf den Fahrplänen und den Infrastrukturdaten des Netzbetreibers, in Deutschland also der InfraGo, auf und soll laut Siemens zu einer Energieeinsparung von circa 10 Prozent führen. Für Deutschland gibt es ein ähnliches System von Knorr-Bremse, das die Fahrplandaten auswertet und beispielsweise bei Verfrühungen in den Ausrollbetrieb schaltet.
Aufrüsten aus der Ferne
Ein anderes Paket steigert die Fahrzeugproduktivität: Diese „Remote Start“ genannte Anwendung erlaubt das Aufrüsten einer Lokomotive aus der Ferne, was die Einsatzbereitschaft beschleunigt und die Flexibilität erhöht. Unter normalen Umständen sparen die Mitarbeiter damit 7 bis 12 Minuten, im Winter können es auch 30 Minuten sein. Zusätzlich zeigt die App Fahrzeugzustand, Statusinformationen und Verbrauchsmaterialien an und ermöglicht es dem Lokführer, „seine“ Lok schnell zu finden: Ihr Abstellort ist auf einer Karte markiert.
Die „Live Traffic App“ erlaubt es Lokführern, sich den Abstand zu vorausfahrenden und folgenden Zügen anzeigen zu lassen und die eigene Fahrweise entsprechend anzupassen. Die weiteren Pakete betreffen die Datenverarbeitung, die Zustandsüberwachung und die Wartungsabstimmung.
Konnektivität fast in Echtzeit
Dank der durchgängigen Konnektivität, einem zentralen Element des Vectron X, kann die Lokomotive ihre Betriebsdaten nahezu in Echtzeit übertragen und sich sicher mit den digitalen Systemen vernetzen. Damit ist die Grundlage für eine frühzeitige Erkennung von Anomalien geschaffen, was gezieltere Wartungsmaßnahmen ermöglicht und ungeplante Ausfälle deutlich reduziert. Das wiederum stabilisiert den Betrieb und verbessert die Verfügbarkeit.
Stand: 08.12.2025
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„Das neue Rail Service Center München-Allach ist unser Kompetenzzentrum für die Instandhaltung von Vectron-Lokomotiven – von Revisionen bis zur Unfallinstandsetzung. […]” – Elmar Zeiler, CEO Customer Services Siemens Mobility.
(Bild: Richard Oed)
Betreiber können so auch den Zustand der einzelnen Systeme dank der erweiterten Diagnose-, Analyse- und Zustandsüberwachungsfunktionen besser bewerten, was zusätzlich durch ein einheitliches Datenformat und die Möglichkeit zu regelbasierten Abfragen erleichtert wird. Wartung wird dadurch zunehmend vorausschauend statt reaktiv, was die Fahrzeugverfügbarkeit nachhaltig erhöht. Lokführer können zudem Fehlermeldungen auslesen und sich über Abhilfemaßnahmen informieren. Der zuständige Servicemitarbeiter kann im Bedarfsfall auch gleich einen Arbeitsauftrag für die Werkstatt erstellen. Hinter diesen Systemen steht die Siemens-Mobility-Lösung „Railigent X“, einer IoT-Suite für Service und Anwendungen, bei der laut Elmar Zeiler perspektivisch ein KI-gestütztes Lifecycle-Management hinzukommen soll.
Entscheidend ist die Sicherheitsarchitektur. TrainPlay und alle App-Store-Appliaktionen überwachen die Traktions- und Bremssysteme, greifen aber nicht aktiv ein. Siemens Mobility versichert, dass alle Anwendungen nur unter strengen Freigaben laufen und durch Verschlüsselung, Softwareprozesse und Konfigurationsmanagement abgesichert sind.
Das Rail Service Center ist voll digitalisiert
Zugleich mit dem Vectron X stellte Siemens Mobility im traditionsreichen Werk in München-Allach, in dem seit über 100 Jahren Lokomotiven gefertigt werden, sein erweitertes Rail Service Center (RSC) vor. Nach dem Um- und Neubau ist Siemens in der Lage, pro Jahr statt 25 nunmehr 80 Revisionen und Unfallinstandsetzungen durchzuführen und die Dauer von Hauptuntersuchungen auf zwei Wochen zu beschleunigen. Dazu wurden vier neue Werkstattgleise errichtet und die Drehgestell- und Radsatzüberarbeitung in jeweils einer eigenen Halle untergebracht.
Das erweiterte Rail Service Center in München-Allach verfügt über 6 Arbeitsgleise sowie je eine Halle für die Drehgestell- und Radsatzaufarbeitung.
(Bild: Richard Oed)
Kennzeichnend für das erweiterte RSC sind die vollständig digitalen Werkstattprozesse. Die Arbeitsabläufe und die Dokumentation sind papierlos gestaltet und die Mitarbeiter erhalten ihre Arbeitsanweisung auf ihrem Handheld. Die Ersatzteillogistik stützt sich auf das „MoBase“-System von Siemens und dank der Konnektivität des Vectron X kennen die Techniker den Fahrzeugzustand bereits vor der Ankunft der Lok und können so die notwendigen Ersatzteile vorab disponieren.
Zusammen investierte das Unternehmen in den Um- und teilweisen Neubau des RSC mehr als 25 Millionen Euro und plant, dort bis 2030 ungefähr 80 Mitarbeiter zu beschäftigen. Insgesamt hat Siemens am Standort Allach in den vergangenen Jahren 250 Millionen Euro in den Ausbau investiert und beschäftigt dort rund 2500 Mitarbeiter in Entwicklung, Fertigung und Verwaltung. Seit 2025 ist in Allach auch die Zentrale von Siemens Mobility angesiedelt. (se)