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Ruanda auf dem Weg zum Mobilitätspionier?

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Individuelle Mobilität ist in Ruanda ein seltenes Gut. Motorradtaxis knattern durch die Straßen und ab und an biegt eine der unregelmäßig verkehrenden Buslinien um die Ecke. Weitere Optionen? Fehlanzeige! Das soll sich nun ändern. Die Hoffnungen im ostafrikanischen Binnenstaat ruhen dabei nicht zuletzt auf Volkswagen.

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Aktuell fahren fahren hauptsächlich Motorradtaxis durch Ruandas Hauptstadt Kigali. Dank neuer Mobilitätskonzepte soll nun aberdie individuelle Mobilität erheblich gefördert werden.
Aktuell fahren fahren hauptsächlich Motorradtaxis durch Ruandas Hauptstadt Kigali. Dank neuer Mobilitätskonzepte soll nun aberdie individuelle Mobilität erheblich gefördert werden.
(Bild: VW)

Wer heute in Ruandas Hauptstadt Kigali mobil sein möchte, sucht sich ein Sammeltaxi oder ein Motorradtaxi. Eine Alternative ist der Bus - wenn denn gerade einer kommt. Ein eigenes Auto besitzen nur die Wenigsten in der Millionen-Metropole. Die individuelle Mobilität steckt in Ruanda noch in den Kinderschuhen. Zudem hat das zwölf-Millionen-Einwohner-Land bislang auch keinerlei etablierte Automobilindustrie.

Von der Vision zur Realität

An diesem Bild könnte sich manches ändern, und das schon bald. Die Chancen stehen gut, dass in Kürze deutlich mehr Menschen in Kigali mit Neuwagen unterwegs sind, etwa einem Polo oder einem Amarok von Volkswagen. Die Fahrer werden diese Autos zwar nicht unbedingt besitzen, aber sie werden sie nutzen - so wie es zu ihren Bedürfnissen passt, allein oder zusammen mit anderen. Buchen und bezahlen werden sie die Mobilitätsangebote per App, einfach und ohne Bargeld.

Als VW vergangene Woche in Kigali die neue Fertigungsstätte eröffnete, war das für Ruanda und seine Menschen ein Schritt in Richtung Zukunft. Wen auch immer man darauf anspricht, ob im Hotel oder beim Abendessen im Restaurant, alle berichten stolz über den Start von Afrikas erstem integriertem Mobilitätskonzept. Auch für Volkswagen ist das Projekt von Bedeutung, speziell für die Erprobung neuer Geschäftsmodelle und der Erschließung neuer Märkte in Afrika. Auf den Weg gebracht wurde das Projekt bereits im Jahr 2016. Damals verständigten sich Francis Gatare, Direktor des Rwanda Development Board, und Thomas Schäfer, CEO der Volkswagen Group South Africa, im Beisein von Ruandas Präsident Paul Kagame und Volkswagens Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess.

„Diese Anlage symbolisiert einen wichtigen Abschnitt in Ruandas Reise der ökonomischen Transformation“, sagt Ruandas Präsident Paul Kagame in seiner Rede. Für Paul Kagame ist das, was er mit Volkswagen vor 18 Monaten auf den Weg gebracht hat und was nun Realität wird, der erste Schritt eines grundlegenden Wandels. „Viele der Autos auf unseren Straßen sind im vergangenen Jahrhundert gebaut worden“, sagt Paul Kagame. „Afrika darf nicht der Abladeplatz für alte Autos oder andere alte Dinge sein. Wir als Afrikaner und Ruander verdienen Besseres. Und dieses Projekt zeigt, wie wir das schaffen können.“

In der neuen Fertigungshalle werden auf einer Fläche von rund 3.000 Quadratmetern Fahrzeuge montiert. Das Verfahren, das in Phase 1 angewendet wird, nennt sich Semi-Knock Down (SKD): Teilweise montierte Fahrzeugkomponenten aus Südafrika werden in Ruanda zusammengesetzt. Das erste Modell, das in Ruanda zusammengebaut wird, ist der Polo.

Rund 1.000 neue Jobs

In der neuen Niederlassung in Kigali finden aber auch die Wartung und die Reparatur der Fahrzeuge statt. In speziellen Trainingsräumen und an den Geräten werden Mitarbeiter weitergebildet, im vorderen Bereich der Anlage stehen Neuwagen im Showroom des Vertriebspartners CFAO Motors. Rund 1.000 Jobs sollen durch das integrierte Mobilitätskonzept in den nächsten Jahren entstehen. Dafür hat VW rund 20 Millionen Dollar investiert.

Der Großteil der Fahrzeuge, die Mitarbeiter auf den Hebebühnen montieren, wird nicht verkauft. Sie sind für die neuen Mobilitätsangebote wie Community Car Sharing, Ride Hailing und Car Sharing eingeplant. Zunächst sollen Mitarbeiter von Firmen, Behörden, Hilfsorganisationen und anderen Institutionen per App ein Fahrzeug bestellen können. Mit Chauffeur oder für Selbstfahrer. Dieses Angebot wird dann schrittweise für private Kunden, die sich ein Auto reservieren oder eine Mitfahrgelegenheit buchen wollen, zugänglich gemacht.

Der Hintergrund für die VW-Strategie

Abgesehen von Südafrika gibt es auf dem Kontinent noch keinen ausgeprägten Markt für Neuwagen. Im vergangenen Jahr wurden in Afrika rund 200.000 Neufahrzeuge verkauft. Aber besonders in Ruanda gibt es eine wachsende Mittelschicht: jung, gut ausgebildet und technik-affin. Diese Klientel soll für neue Mobilitäts-Angebote gewonnen werden.

„Es geht zunächst weniger darum, Geld zu verdienen, sondern einen Markt zu kreieren. Das ist der Anfang“, erläutert Thomas Schäfer, CEO von Volkswagen Group South Africa, den Hintergrund. Nach ein oder zwei Jahren kommen die Fahrzeuge auf den Gebrauchtwagen-Markt und fördern so die Nachfrage nach neueren Modellen. Das Vorbild ist China, wo Volkswagen seit 1983 Autos fertigt. Damals war VW das erste ausländische Unternehmen, das Fahrzeuge im Land produzierte. „Es zahlt sich aus, früh dabei zu sein“, sagt Thomas Schäfer.

Volkswagen – derzeit nach dem Traditionsstandort in Südafrika auch in Kenia und Nigeria mit eigenen Fertigungen vertreten – führt bereits Gespräche mit weiteren afrikanischen Ländern. Ruanda habe die Marke mit seinem Engagement überzeugt, bekräftigt Schäfer. „Sie haben schnell reagiert, als wir herumgefragt haben, wer mit uns etwas Neues starten möchte. Sie hatten wirklich clevere Ideen für das Projekt.“

Afrikas Musterschüler trotz Schatten der Vergangenheit

Die allermeisten Menschen verbinden Afrika vor allem mit Problemen. Dabei hat der Kontinent das Potenzial zum Chancenmarkt der Zukunft zu werden. Alleine in den 49 Staaten südlich der Sahara leben insgesamt etwa 920 Millionen Menschen. Bis 2050 könnte sich diese Zahl mehr als verdoppeln. Gleichzeitig prognostizieren die Experten für die kommenden Jahre ein deutlich steigendes Pro-Kopf-Einkommen. Die junge Bevölkerung in Afrika (Durchschnittsalter 19 Jahre) will vorankommen und etwas aufbauen. Der Bedarf an individueller Mobilität ist riesig: Während in Deutschland rund 670 Fahrzeuge auf 1.000 Einwohner kommen, sind es im Afrika südlich der Sahara gerade einmal 30 Fahrzeuge. Das Potenzial ist also groß und die afrikanischen Staaten scheinen gewillt, dieses Projekt anzugehen. So haben 44 Staaten im April 2018 das „Africa Free Trade Agreement“ unterzeichnet. Damit entsteht eine gewaltige Freihandelszone. Eine wichtige Weichenstellung auf dem Weg zu mehr Wachstum und Entwicklung.

Ruanda ist gewissermaßen der Musterschüler unter den afrikanischen Staaten. Zwar gehört das Land noch immer zu den ärmsten der Welt, doch das Wirtschaftswachstum liegt seit Jahren bei rund sieben Prozent. Die politischen Verhältnisse sind vielversprechend stabil. Die Regierung von Präsident Paul Kagame geht mit Nachdruck gegen Korruption vor und hat eine ambitionierte Innovations-Strategie für die kommenden Jahrzehnte erarbeitet. Das Straßennetz ist ordentlich ausgebaut und wird laufend verbessert. Statistisch gesehen verfügen etwa drei Viertel aller Einwohner über ein Mobiltelefon. Die Nutzung des Internets läuft also in erster Linie über mobile Endgeräte.

Es spricht also einiges dafür, dass Ruanda der richtige Ort ist, um eine solche Mobilitätsstrategie umzusetzen. Doch das Land hat mit dem Völkermord, bei dem im Jahr 1994 rund eine Million Menschen starben, ein schweres Erbe zu verarbeiten, das bis heute nachwirkt. Das spürt jeder, der das Kigali Genocide Memorial im Stadtzentrum besucht. Die dargestellten Gräuel sind schwer zu ertragen. Regelmäßig kommt es vor, dass Besucher der Ausstellung zusammenbrechen. Die Wunden scheinen noch längst nicht verheilt. Aber das Land mit seinen rund 12 Millionen Einwohnern hat große Anstrengungen unternommen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. So leben heute vor allem in der Hauptstadt Kigali immer mehr junge und gut ausgebildete Menschen. Kigali hat sich zu einem Startup-Zentrum in der Region entwickelt und die Menschen in Ruanda sind fest entschlossen, ihr Land zum Innovationsführer in Afrika zu machen.

„Hungrig nach individueller Mobilität“

„Kigali verändert sich jeden Tag“, sagt ein Fahrer, der Gäste durch die Stadt fährt. Überall wird gebaut, oft mit Hilfe ausländischer Investoren. „Sehen Sie, wo wir heute stehen“, sagt der junge Mann bei der Fahrt durch den Finanzbezirk mit zahlreichen neuen Hochhäusern, Hotels und Tagungszentren. Präsident Kagame hat mit seiner Agenda Ziele definiert und setzt sie mit Nachdruck um. Das strikte Einfuhrverbot von Plastiktüten etwa scheint sich auszuwirken. Die Stadt ist sauber, anders als in vielen anderen Ländern im südlichen Afrika.

Natürlich haben wie erwähnt noch längst nicht alle Menschen Anteil am neuen steigenden Wohlstand. Aber vor allem die jungen Hauptstädter treffen sich in der Rooftop-Bar des Umbumwe Hotels mit Blick über das nächtliche Lichtermeer. Oder sie fahren in das Restaurant Pili Pili, wo zwischen einem Pool und einem Fußball-Käfig Kilo-Portionen Steak serviert werden und laute Musik gespielt wird. „Diese jungen Leute sind modern und hungrig nach individueller Mobilität“, sagt Michaella Rugwizangoga, CEO der neugegründeten Volkswagen Mobility Solutions Rwanda. „Wir haben auch eine wachsende Anzahl von Touristen, die ins Land kommen, und fragen, wie können wir uns bewegen. Die Möglichkeiten für Mobilitätsanbieter sind grenzenlos.“

Frauen als elementarer Teil des Fortschritts

Michaella Rugwizangogas hat die Aufgabe, die Strategie für Ruanda umzusetzen und in den nächsten Jahren weiterzuentwickeln. Sie hat das Team aufgebaut, das für den Start der Fertigung in Kenia ausgebildet wurde. Wir sind sehr beeindruckt, wie schnell unsere Mechaniker lernen. Wir sind gut im Zeitplan!”, sagt Rugwizangoga nach einem Gruppenfoto mit ihren Mitarbeitern. Für die Entwicklung der App, über die Kunden die Dienste bestellen, hat sie mit einem Start-up aus Kigali zusammengearbeitet.

Dass sie als Frau in einer derart hohen Position arbeitet, mag in anderen afrikanischen Ländern ungewöhnlich sein, nicht aber in Ruanda. „Die Bank of Kigali hat eine Frau als CEO, RwandAir hat ebenfalls eine weibliche CEO“, sagt Rugwizangoga. „Zudem sind mehr als 60 Prozent der Abgeordneten in unserem Parlament Frauen – ein Anteil, von dem zum Beispiel Deutschland weit entfernt ist. Das Teilen der Macht gehört zu unserer Kultur.“ Die Regierung, erklärt Rugwizangoga, fördere mit Nachdruck, dass auch Frauen technische Berufe und Studien aufgreifen. Sie selbst hat zunächst ein Jahr Ingenieurswissenschaften an der Universität in Kigali studiert und erhielt dann ein Stipendium, um ihr Studium in Deutschland fortzusetzen. Nun arbeitet sie daran, in Ruanda eine Automobilindustrie aufzubauen.

„Das ist wirklich eine besondere Sache für die Menschen in Ruanda“, sagt Festus Tuyiringire. Der 42-Jährige leitet das Team der Fahrzeug-Montage. „Wir bauen hier etwas auf, für uns und für unsere Zukunft“, sagt Tuyiringire. Und was sagen seine Freunde und seine Familie dazu, dass er nun deutsche Autos in Ruanda baut? „Die freuen sich alle darauf, dass es nun losgeht“, sagt Tuyiringire. Seine Kollegen nicken zustimmend. Sie können es kaum erwarten.

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