Die blauen Autolichter, die in China zuletzt das Straßenbild erobert hatten, wurden verboten. Gemeint sind die schmalen blauen Leuchtbänder außen an der Karosserie, die leuchten, sobald die ADAS-Fahrassistenz eines Autos eingeschaltet wird. Seit dem 27. Juli dürfen neu zugelassene Pkw-Modelle derartige Lichter nicht mehr haben.
Die chinesische Regierung plant, die sogenannten "Automated Driving System Marker Lamps“ bei Neufahrzeugen zu verbieten. Sie lenken ab und können u.a. andere Fahrer blenden.
(Bild: erstellt mit KI)
Das Industrieministerium MIIT hat ein Dekret an Chinas Automobilhersteller verschickt, demzufolge die blauen Lichter gegen die nationale Lichtnorm GB4785 verstoßen, berichtet das Autoportal CNEVPOST. Eine offizielle Verlautbarung gibt es zwar noch nicht. Blogger verbreiten aber Screenshots des Dekrets.
Offiziell heißen sie „Automated Driving System Marker Lamp“, auf Deutsch auch ADAS-Leuchte. Der erste chinesische Hersteller, der sie serienmäßig verbaut hatte, war Li Auto in seinem Geländewagen Li L9. Seit der im August 2022 auf den Markt kam, sind mehr als ein Dutzend chinesischer Marken dem Beispiel gefolgt, darunter Xpeng, Nio, Xiaomi, BYD und Aito.
Lichter lenken ab
Ursprünglich stammt diese Idee aus Stuttgart. Mercedes hatte 2015 seinem Konzeptauto F015 farbige Außenlichter mitgegeben, über die verschiedene Fahrmodi signalisiert werden konnten. Blau stand für das autonome Fahren. Kritiker hatten unter anderem bemängelt, die blauen Leuchten seien zu hell und würden andere Fahrer irritieren. Bei einigen Modellen sitzen die blauen Leuchten auch genau auf Augenhöhe der nachfolgenden Autofahrer. Nachts und besonders bei Regen lenke das ab, hieß es. „Manche dieser Leuchten sind heller als Rücklichter. Manche blenden die Fahrer dahinter und schaffen potenzielle Sicherheitsrisiken. Das ist eindeutig unangemessen“, schrieb Ma Lin, Vizepräsident von Nio, in den sozialen Medien.
Missverständnis Autonomiegrad
Ein weiterer häufiger Kritikpunkt war, dass andere Autofahrer oft dachten, diese Autos führen bereits voll autonom. Das ist in China in Wirklichkeit aber noch selten. Die meisten verkauften Assistenzsysteme sind noch auf „Stufe 2“. Da trägt der Fahrer noch die volle Verantwortung und muss jederzeit eingreifen können. „Manche Leute werden neugierig, wenn sie das blaue Licht sehen. Sie fahren dem Wagen absichtlich hinterher oder versuchen, sich vor ihn zu setzen“, zitiert das chinesische Wissenschaftsportal Zhongguo Keji Wang einen Experten. Die Leuchten erhöhten so die Wahrscheinlichkeit von Unfällen, so der Autoexperte Zhang Xiang von der North China University of Technology. „Der derzeitige Einsatz der blauen Anzeigeleuchten ist ausufernd und birgt potenzielle Sicherheitsrisiken“, teilte das China Automotive Standardization Research Institute (CASRI) am 29. Juli 2026 auf seinem offiziellen WeChat-Konto mit.
Daher habe das nationale Normungskomitee für die Autoindustrie jetzt mit der Überarbeitung der Lichtnorm GB 4785 begonnen, schrieb CASRI. Schon die jetzige Version erlaubt eigentlich nur die Farben Weiß, Rot und Gelb. Blau war allerdings bislang auch nicht ausdrücklich verboten. Für die Hersteller waren die blauen Lichter auch ein Marketing-Gag. Das Missverständnis, es handele sich schon um Autos mit ADAS der Stufe 3, schien ganz willkommen zu sein. Jetzt aber gelobten alle das sofortige Befolgen der neuen Vorgabe. „Wir haben die Berichte zur Kenntnis genommen. Wir werden die einschlägigen nationalen Vorschriften streng einhalten und weitere Hinweise der Behörden abwarten", schrieb Geely.
Bei Epicland, der neuen Automarke von Dongfeng und Huawei, ging man noch weiter. „Sobald wir diese dringende Mitteilung erhalten hatten, hat unser Team sofort gehandelt und die erforderlichen Maßnahmen nach den nationalen Vorschriften umgesetzt", schrieb der Geschäftsführer Zeng Qinglin.
Nachteile neuer Technologien im Alltag erkennen
Indirekt ist diese Debatte um die „kleinen blauen Lichter“, wie sie in China genannt werden, ein Zeichen dafür, wie schnell sich das autonome Fahren in China gerade verbreitet. Das MIIT erwartet, dass höhere Automatisierungsstufen spätestens 2030 in großem Stil kommerziell eingesetzt werden. Navigationsgestützte Assistenz im Stadtverkehr werde dann zur Standardausstattung von Neuwagen.
Dass erst eine Weile lang „Wildwuchs“ in der Autoindustrie toleriert wird, dann aber irgendwann die Zügel angezogen werden, ist in China ein durchaus übliches Muster. Auch versenkte Türgriffe, das Fahren mit nur einem Pedal, sehr unkonventionelle Lenkräder und die Gangschaltung per Touchscreen hatten sich jahrelang ungebremst ausbreiten dürfen, bevor die Aufsichtsbehörden einschritten. Zumeist waren erst im alltäglichen Gebrauch bestimmte Nachteile der neuen Technologien bemerkt worden.
Stand: 08.12.2025
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Auch in anderen Ländern wird über die blauen Außenleuchten diskutiert. So befassen sich etwa Arbeitsgruppen für Fahrzeugregulierung bei den Vereinten Nationen mit dem Thema. Einen Konsens hat man bislang nicht gefunden.
In China wird allgemein erwartet, dass viele Hersteller die blauen ADAS-Leuchten zunächst über drahtlose Software-Updates aus der Ferne (OTA) zurücknehmen werden. Sobald Fahrzeuge der Autonomiestufe 3 auf den Markt kommen, könnten sie legal zurückkehren. (se)