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Die Zukunftsvision eines Stahlriesen

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Seit über 100 Jahren werden Autos durch Verbrennung fossiler Kraftstoffe angetrieben. Doch mittlerweile beschleunigt eine ganze Reihe von Faktoren den Wechsel zu (teil-)elektrischen Fahrzeugen. Und so ist es auch für Tata Steel der Beginn eines der größten Umbrüche. Ein Einblick in die Strategie des Stahlkonzerns.

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Tata Steel Europe hat eine Technologie namens HIsarna entwickelt, die mittelfristig die Hochöfen ersetzen soll. Bis 2050 strebt der Stahlkonzern eine vollständig kohlenstoffneutrale Fertigung an.
Tata Steel Europe hat eine Technologie namens HIsarna entwickelt, die mittelfristig die Hochöfen ersetzen soll. Bis 2050 strebt der Stahlkonzern eine vollständig kohlenstoffneutrale Fertigung an.
(Bild: TSE)

Der Wunsch der Gesellschaft, die Welt zu einem besseren Ort für künftige Generationen zu machen, treibt Unternehmen an, breit angelegte Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln. Das reicht von einer verantwortungsbewussten Beschaffung und nachhaltigen Lieferkette, bis hin zur Elektrifizierung. In Expertenkreisen wird erwartet, dass zukünftige Gesetze über die ökologische Bilanz der Fahrzeuge auf der Analyse von Lebenszyklen basieren und nicht mehr nur auf der reinen Nutzungsphase. Die Digitalisierung ist ein weiterer Gamechanger. Mit ihr werden hochmoderne, effiziente Transportsysteme wie beispielsweise autonome Flotten möglich, die klassische Taxisysteme und den öffentlichen Personennahverkehr teilweise ergänzen könnten. Diese werden auch die Entscheidungen der OEMs über Design und Material beeinflussen. Darüber hinaus wird die Digitalisierung der Fertigungskette für eine höhere Effizienz und mehr Transparenz beim Materialeinsatz sorgen, was wiederum auf die Strategien für mehr Nachhaltigkeit einzahlt.

Der Weg zu einer nachhaltigen automobilen Wertschöpfungskette

Seit 2019 greift bei Tata Steel Automotive eine neue Zukunftsstrategie für den Automobilsektor mit drei strategischen Zielen: Nachhaltigkeit, Elektrifizierung und Digitalisierung. Seither werden in allen Bereichen des Stahlkonzerns neue Konzepte entwickelt, die direkt auf die Umsetzung dieser Ziele hinarbeiten. Die langfristige Nachhaltigkeitsstrategie basiert auf drei Säulen: verantwortungsvolle Lieferkette, Kreislaufwirtschaft und CO2-Reduktion. Tata Steel Europe arbeitet fortlaufend an der Verbesserung seiner Lieferkette, verfügt über die Lieferkettenzertifizierung BES 6001 und kann eine hervorragende Lieferantengewährleistung vorweisen. Grundlage hierfür bilden die UN-Richtlinien für „Due Diligence“.

Im Bereich der Kreislaufwirtschaft beweist der Konzern schon jetzt den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, einschließlich der Aufbereitung und Wiederverwendung von Rohstoffen durch die aktive Reduzierung von Abfällen und die Entwicklung von Technologien zum Recyclen von Stahl und Zink. Zudem arbeitet man mit anderen Industrien zusammen, um die Kreislaufwirtschaft zu stärken und einer Verschwendung von Ressourcen entgegenzuwirken. Bis zum Jahr 2030 bzw. 2032 werden neue Technologien folgen, die die Zirkularität weiter verbessern, und gleichzeitig die CO2-Emissionen reduzieren. Im Bereich der Lebenszyklusanalyse wurde der Konzern mit fünf der letzten 10 Steelie Awards durch die World Steel Association ausgezeichnet.

Tata Steel Europe betreibt einige der effizientesten Stahlwerke der Welt. 2017 war der Konzern in IJmuiden der erste IATF-zertifizierte Stahlzulieferer in Europa, der akkurate Fertigungsprozesse garantiert. Heute sind sämtliche Fertigungsstandorte für Automotive nach IATF 16949 zertifiziert und die Weiterverarbeitungsanlagen befinden sich im Zertifizierungsprozess.

Die Entwicklung alternativer Technologien zur Eisenherstellung stellt ein enormes Potenzial bereit. Tata Steel Europe hat eine Technologie namens HIsarna entwickelt, die mittelfristig die Hochöfen ersetzen soll. Mit HIsarna ist es möglich, den CO2-Ausstoß durch den Wegfall der Produktionsschritte der Sinter- und Koksherstellung signifikant zu reduzieren, und in Kombination mit CCS/CCU (Carbon Capture Storage / Carbon Capture Use) den gesamten CO2-Ausstoß nahezu vollständig zu eliminieren. Bis 2050 wird die vollständig kohlenstoffneutrale Fertigung angestrebt.

Effiziente, nachhaltige Stahllösungen für künftigen Mobilitätsmarkt

Die digitale Transformation bei Tata Steel umfasst Smart Services, Smart Insights, Smart Networks and Connections. Ziel ist es, Kunden als Partner zur Seite zu stehen und Dienstleistungen mit echtem Mehrwert bereitzustellen. Der Fokus liegt auf der Verbesserung der internen Prozesse beim Kunden und der Entwicklung neuer Fähigkeiten innerhalb der Organisation. Was bedeutet das genau? Produktionsprozesse werden dynamischer und damit effizienter, sowohl bei der Herstellung als auch in der Bestellkette. Die bessere Rückverfolgbarkeit und damit einhergehende Transparenz sowie die vollständig integrierte Lieferkette beseitigen Prozessineffizienzen und sorgen für einen einfacheren Zugang zu maßgeschneiderten Produkten. Für seinen Ansatz und die Analyseprozesse wurde Tata Steel vom Weltwirtschaftsforum am Standort IJmuiden als „globaler Leuchtturm“ ausgezeichnet.

Vor sämtlichen Marktteilnehmern liegt eine schnelllebige und aufregende Zeit in der Automobilindustrie. Klar ist, die Elektrifizierung wird den Automobilmarkt nachhaltig verändern. „Tata Steel ist auf diese Zukunft gut vorbereitet und wird weiterhin innovative, relevante und überzeugende Lösungen für seine Automobilkunden entwickeln. Wir glauben fest daran, dass Stahl ein zentraler Werkstoff auf dem Weg zur vollständigen Elektrifizierung des Straßenverkehrs bleiben wird“, erläuterte Dr. Karl Haider, CCO bei Tata Steel Europe. Neben den Stählen, die für die leichtere Auslegung der Fahrzeugstruktur eingesetzt werden, benötigen elektrische Antriebssysteme Elektrobandstähle für Elektromotoren, sowie beschichtete Stähle für Batteriegehäuse.

„Tata Steel ist der einzige Zulieferer in Europa, der alle strategische Produktegruppen für Elektrofahrzeuge mit deren Produkten bedient: Außenhaut, Strukturteile, Stahlrohre, Batteriesysteme, Batterieschutzsysteme und Elektromotor“, so Dr. Haider weiter. Das Produktportfolio reicht von feuerverzinkten Stählen für Außenhautteile, über Bandstahl mit hoher Festigkeit und Umformbarkeit für Strukturbauteile, über Stahlrohre für Strukturbauteile am Fahrzeug, bis hin zu speziell Nickel beschichteten Stähle für „battery cans“ für wiederaufladbare Qualitätsbatterien, und nicht zu vergessen den Stahl für die Rotoren in den Motoren.

Die Batterietechnologie entwickelt sich schnell weiter. Es gibt verschiedene Ansätze und Stahl spielt bei zylindrischen Zellen eine entscheidende Rolle. Tata Steel hat hier verschiedene Lösungen für aktuelle und zukünftige Anforderungen bei zylindrischen Zellen entwickelt: unter anderem Beschichtungen oder beschichtete Stähle für die Batteriegehäuse und dünnere Beschichtungsdicken für ein verbessertes Packaging. TSE will auch bei den Elektromotoren in zwei Bereichen eine wichtige Rolle spielen: Erstens arbeitet der Konzern direkt mit seinen Kunden zusammen, damit diese das Potenzial der verschiedenen Elektrobandstähle für eine optimale Leistungsfähigkeit am besten ausschöpfen können. Zweitens wird beim Aufbau von Lieferketten für das Wachstum in der Elektromotorfertigung zur Seite gestanden.

Zudem wird der Leichtbau auch künftig unabhängig von der Antriebsart ein wichtiges Thema bleiben. Jedoch muss dieser Leichtbau bezahlbar sein. Die Strategie, kosteneffiziente und ultrahochfeste Stähle zu entwickeln und diese mit technischen Services zu unterstützen, bleibt also wichtig.

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Das wichtigste europäische Umweltziel bezieht sich auf CO2-Emissionen aus Autoabgasanlagen. Die EU hat eine Reihe von CO2-Zielwerten für alle neu zugelassenen Pkw definiert. Das Ziel für 2015 war 130 g CO2 pro zurückgelegtem Kilometer. Für jeden Autohersteller wird der Emissions¬durchschnitt aller seiner in der EU neu zugelassenen Fahrzeuge pro Kalenderjahr ermittelt und für jedes Gramm CO2 oberhalb des erlaubten Grenzwerts werden Strafzahlungen fällig. Im Jahr 2021 wird das CO2-Ziel auf 95 g pro Kilometer gesenkt werden. Automobilhersteller arbeiten deshalb aktuell an Modellen, die entweder gar keine oder deutlich reduzierte Emissionen ausstoßen. Eine Möglichkeit hierbei ist, die Motoren durch elektrische Energie anzutreiben. Mit der Elektrifizierung des Antriebsstrangs müssen keine oder deutlich weniger fossile Kraftstoffe verbrannt werden – der Antriebsstrang wird sozusagen „dekarbonisiert“.

Hohes Niveau durch starkes Investitionsprogramm

Der Strategie liegt ein Investitionsprogramm zugrunde, das den kurz-, mittel- und langfristigen Anlagenbedarf der Produktionsstätten und Weiterverarbeitungsbetriebe abdeckt. Diese Investitionen umfassen einige hundert Millionen Euro, verteilen sich auf alle Kernstandorte in Europa und kommen in der gesamten Fertigungskette für alle Produkte und Linien zum Tragen. Die Investitionen umfassen die Modernisierung und die Erweiterung der Produktions- und Veredelungsanlagen sowie die Weiterentwicklung des Produktportfolios für den Automobilsektor. Für die Kunden sollen diese Investitionen spürbare Vorteile mit sich bringen, wie eine effizientere Verfügbarkeit, die höhere Zuverlässigkeit und Prozesskontrolle von Produkten und Lieferungen, breitere Dimensionsspektren und Optimierung der Qualitätsniveaus. Das Investitionsprogramm ist derzeit zu etwa 50 % abgeschlossen, wobei für die kommenden zwei bis drei Jahre weitere Investitionen geplant sind.

„In den letzten Jahren haben wir einen Nachhaltigkeitsfahrplan entwickelt, der unsere Kunden bei der Erreichung ihrer eigenen Ziele wie Reduzierung von Kohlenstoffemissionen, Nachhaltigkeit und Digitalisierung unterstützt. Darüber hinaus entwickeln wir aktiv neue datengesteuerte Dienste, die Bereiche wie digitale Technik und technischen Support leichter verfügbar machen und eine einfache Handhabung von Reklamationen sowie eine vorausschauende Fertigung ermöglichen. Tata Steel Europe ist sehr gut aufgestellt, um die Herausforderungen der Zukunft gemeinsam mit unseren Kunden zu meistern“, ergänzte Dr. Haider.

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