Herbert Diess hat Volkswagen in den letzten Jahren stark in Richtung Elektromobilität bewegt. Nun stellte der 62-Jährige seine neue Strategie vor. Sie wird den Automobilhersteller noch viel tiefgreifender verändern.
Volkswagen-Chef Herbert Diess stellte am Dienstag die neue Konzernstrategie „New Auto“ vor.
(Bild: Volkswagen)
Mit Rückenwind ging Herbert Diess am Dienstag in die Präsentation der künftigen Volkswagen-Strategie. Schließlich hatte er seine Vertragsverlängerung bis 2025 als Konzernchef gerade erst frische eingetütet. Nun machte der 62-Jährige deutlich, was er bis dahin vorhat. „Wir haben uns das strategische Ziel gesetzt, Weltmarktführer für Elektrofahrzeuge zu werden – und wir sind auf einem guten Weg. Jetzt setzen wir neue Parameter“, sagte Diess.
Nach dem grundlegenden Schwenk geht es dem Konzernlenker von nun an vor allem um drei Kernthemen:
Software
Autonomes Fahren und Mobilitätsdienste
Aufbau eines Energie-Ökosystems
Als plakativen Titel tragen die strategischen Vorhaben den Namen „New Auto“. Und bei New Auto soll es um vielmehr gehen als nur ums Auto. Neue Ertragssäulen sollen den klassischen Fahrzeugvertrieb mehr und mehr ergänzen. Volkswagen erhofft sich, dass dadurch letztlich noch mehr Geld hängen bleibt. Bisher peilte der Konzern für das Jahr 2025 eine operative Umsatzrendite zwischen sieben und acht Prozent an. Dieses Ziel schraubten die Wolfsburger nun auf acht bis neun Prozent nach oben.
2030 will Volkswagen mit E-Autos mehr Geld verdienen als mit Verbrennern
Aktuell finanzieren noch zu sehr großen Teilen Verbrennerfahrzeuge alle Zukunftsvisionen bei Volkswagen. Doch Diess und Co. rechnen damit, dass sich das schnell ändert. Bereits in zwei bis drei Jahren sollen reinelektrische Fahrzeuge vergleichbare Margen liefern. 2030 erwartet der Konzern dann, erstmals insgesamt mehr Geld mit E-Autos als mit Verbrennern zu verdienen. 2040 will Volkswagen in seinen Hauptmärkten praktisch nur noch Elektroautos verkaufen. Marktanteilssprünge erhofft sich der Autobauer in den kommenden Jahren vor allem in den USA. Als dritten Ertragspool, der zunehmend heranwachsen soll, hat Volkswagen Software und Dienstleistungen identifiziert.
Produktseitig wird die Plattform SSP (Scalable Systems Platform) eine entscheidende Rolle spielen. Sie soll Modelle aus dem gesamten Volkswagen-Konzern nicht nur fit für Softwaredienstleistungen machen, sondern auch die Produktion spürbar vereinfachen. Ab 2026 sollen alle neuen Elektroautos von VW bis Porsche auf jener Plattform aufbauen. Sie löst damit die bisherigen beiden E-Plattformen MEB und PPE ab. Verbrennerplattformen wird es dann nicht mehr geben. Heißt konkret: Nur noch fünf Jahre lang entwickelt Volkswagen seine Diesel und Benziner weiter. Entstehen soll die neue Plattform vorrangig in einem neuen Entwicklungszentrum in Wolfsburg, in das das Unternehmen 800 Millionen Euro steckt.
Level-4-autonom ab 2025
Softwareseitig trägt die interne Einheit Cariad die Verantwortung für die Weiterentwicklung. Sie soll schrittweise ein einheitliches Betriebssystem für alle Konzernfahrzeuge schaffen. Eine erste Etappe auf dem Weg dorthin haben die Entwickler mit der Over-the-Air-Updatefähigkeit von ersten Elektrofahrzeugen aus dem Volumensegment absolviert. 2023 folgt eine „Premium-Software-Plattform“. Diese soll mit dem Audi Q6 E-Tron und dem Porsche E-Macan starten und den Autos eine Reihe neuer Möglichkeiten verschaffen. Zudem gibt es dann ein einheitliches Infotainment-System.
2025 soll dann eine Software-Plattform für alle Fahrzeuge stehen, die unter anderem das Standard-Betriebssystem beinhaltet. Erstmals wird es in Audis Artemis-Projekt zum Einsatz kommen. In der Folge sollen neue Volkswagen-Autos auch Level-4-autonom fahren können, „sodass der Kunde das Fahren vollständig dem Auto überlassen kann“, erklärte Volkswagen.
SAE-Level
Das bedeutet der Automatisierungsgrad
Level 1
Assistiertes Fahren (Beispiel: Spurhalte- und Abstandsassistenten)
Level 2
Teilautomatisiertes Fahren (System übernimmt z. B. Quer- und Längsführung für bestimmten Zeitraum)
Level 3
Hochautomatisiertes Fahren (Stauassistent wie beim Audi A8, Fahrer dürfen sich vom Verkehr vorübergehend abwenden)
Autonomes Fahren (Fahrzeug kann jede Situation selbst bewältigen und auch ohne Insassen unterwegs sein)
2025 will Volkswagen dann auch seinen ersten autonomen Mobilitätsdienst in Europa starten. Entsprechende Tests laufen unter der Führung von Volkswagen Nutzfahrzeuge bereits in München. Insgesamt sieht der Konzern vier Geschäftsbereiche rund um die Technologie: das selbstfahrende System, dessen Integration ins Fahrzeug, das Flottenmanagement und die Mobilitätsplattform.
„Eine Fahrzeugflotte, die alle unterschiedlichen Dienstleistungen von Vermietung, Abonnements bis hin zu Sharing und Ride-Hailing abdeckt, soll eine hohe Verfügbarkeit, Auslastung und Rentabilität sicherstellen“, teilten die Wolfsburger mit. Dabei will der Konzern auch immer mehr direkt mit Kunden Geschäfte abschließen. Vertriebsleiter Christian Dahlheim erklärte: „Der Volkswagen Konzern strebt an, einen starken Wettbewerbsvorteil im Bereich der Mobilitätslösungen zu erreichen. Wir werden in der
Lage sein, unseren Kunden Dienstleistungen direkt anzubieten oder entsprechend der spezifischen Situation im jeweiligen Markt mit starken Partnern kooperieren.“ Operativ angesiedelt wird jenes Geschäft bei Volkswagen Financial Services.
Bei aller Vereinheitlichung und Standardisierung will Volkswagen nach eigenen Angaben aber nicht die Trennung einzelner Automarken aufgeben. Eigenständige Fabrikate blieben wichtig, hieß es, sie sollen sich künftig aber eben durch andere Parameter voneinander differenzieren wie bislang.
Stand: 08.12.2025
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