MarkttrendsChina: Die fünf wichtigsten Technologie-Trends beim Autonomen Fahren 2023
Von
Henrik Bork
5 min Lesedauer
Chinesische Kunden sind für autonome Fahranwendungen besonders offen. Zudem treibt die dortige Politik das Thema. Schon jetzt kristallisieren sich Trends heraus, die diese Technologie in diesem Jahr nochmals beschleunigen werden.
Ohne Sicherheitsfahrer im Robotaxi chauffiert werden: Das ist in den chinesischen Metropolen Chongqing und Wuhan Wirklichkeit. Auch deshalb wird das autonome Fahren dort in diesem Jahr nochmals an Fahrt aufnehmen.
(Bild: Baidu Inc)
In China könnte 2023 das Jahr werden, in dem sich Fußgänger landesweit an den Anblick von Autos ohne Fahrer gewöhnen. In Anting, einem Vorort von Shanghai, sind schon jetzt vier verschiedene Firmen mit ihren „Robotaxis“ unterwegs. Kaum jemand hebt hier noch die Augenbrauen, wenn ein per App im Smartphone herbeigerufenes Taxi ohne Fahrer am Straßenrand hält.
Vor rund einem Jahr hat die Beratungsagentur McKinsey die Ergebnisse einer Umfrage zum autonomen Fahren in China veröffentlicht, derzufolge „chinesische Verbraucher offener sind, das fahrerlose Fahren anzunehmen, als Verbraucher im Westen”.
Hinzu kommt eine enthusiastische Förderung durch die Zentralregierung in Peking und auch durch lokale Regierungen in den Provinzen. Örtliche Behörden in China haben bereits rund zwei Dutzend Pilotzonen zugelassen, in denen Hersteller ihre autonomen Fahrzeuge ganz legal testen können. Auf mehr als 3.500 Straßenkilometern rollen bereits regelmäßig Autos durch China, in denen niemand mehr am Steuer sitzt.
Betrachtet man diese behördliche Vorzugsbehandlung der Industrie und die Adaptionsfreudigkeit der Konsumenten nun noch im Kontext mit den zahlreichen technologischen Neuerungen in diesem Feld, so ergibt sich die relativ sichere Prognose, dass das angebrochene Jahr einen weiteren Entwicklungsschub für das fahrerlose Fahren und Fahrassistenz-Systeme (ADAS) in China bringen wird.
Hier ist unser Überblick über die wichtigsten Trends für das autonome Fahren in China im Jahr 2023:
Hersteller in China werden in diesem Jahr mit der Serienfertigung von „urbanen Navigations-Systemen“ für das autonome Fahren beginnen, sagen eine ganze Reihe von Beobachtern voraus. Ein Beispiel ist das „Urban NOH“ des chinesischen Startups Haomo, wo das NOH für „Urban Navigation on HPilot“ steht.
Anders als auf der Autobahn, wo vor allem die Hindernisse in Fahrtrichtung erkannt werden müssen, ist das fahrerlose Fahren in der Stadt komplexer, weil dort auch ständig Objekte rechts und links des eigenen Fahrzeugs rechtzeitig und sicher erkannt werden müssen.
Andere Hersteller wie Huawei oder Xpeng verfolgen andere technologische Routen, aber stehen in diesem Jahr ebenfalls in den Startlöchern, um Chinas Städte mit mehr fahrerlosen Autos zu beglücken. „2023 wird das Jahr, in dem das autonome Fahren in urbanen Szenarien im großen Stil implementiert wird,“ prognostiziert das Online-Portal Auto Byte.
2. Leistungsstarke Sensorik für den Massenmarkt
Während die Szenarien und die Erwartungen an die Funktionalität von Fahrassistenz-Systemen (ADAS) vielfältiger werden, wachsen auch die Erwartungen an die Technologie zur Wahrnehmung der Umgebung - also an die „Perception“-Ebene. Ein heißer Trend ist in diesem Jahr in China die wachsende Popularität von Festkörper-Lidar-Geräten mit weitem Sichtfeld für das bessere Erkennen von Objekten im toten Winkel.
Die Preise für diese Lidar-Sorte sind zuletzt stark gesunken und sinken stetig weiter. Chinesische Hersteller wie Liangdao Intelligence, Hesai und Robosense haben angekündigt, noch in diesem Jahr mit der Fertigung in großen Serien zu beginnen.
So wird der Einsatz von Festkörper-Lidar für den toten Winkel für die Autobauer schon für Automodelle mittlerer Preisklassen wirtschaftlich und selbst in den unteren Preisklassen werden wohl bald die ersten Geräte dieser Art verbaut werden, erwarten Industrie-Insider in der Volksrepublik.
Eine weitere Technologie, die dem autonomen Fahren in diesem Jahr in China helfen wird, populärer zu werden, ist das 4D-Millimeterwellen-Radar. Weil die Geräte neben den bisherigen drei Dimensionen Entfernung, Geschwindigkeit und Azimut nun als vierte Dimension zusätzlich auch noch die Höhe erkannter Objekte liefern, erreichen sie eine neue Präzision der Wahrnehmung.
Objekte können so viel besser ausgemacht und auch realistischer dargestellt werden. So kann beispielsweise nicht nur das Bein eines Fußgängers erkannt werden, sondern auch noch, in welche Richtung es sich gerade bewegt. Vor dem Ende eines Staus kann sogar mitten in einem Tunnel rechtzeitig gewarnt werden.
Stand: 08.12.2025
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Schon sind die ersten Modelle chinesischer Hersteller mit 4D-Millimeterwellen-Radar auf dem Markt, wie etwa „Rising Auto R7“ von SAIC oder der „Deep Blue SL03“ von Changan. In diesem Jahr wird nach und nach mehr davon zu sehen sein.
3. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen verkürzen die Trainingszeiten
Supercomputer werden 2023 zur „Einstiegs-Ausrüstung“ von Zulieferern für autonome Fahrtechnologie in China, so schnell greift der Einsatz von „Big Data“ zur Verbesserung der Algorithmen für das autonome Fahren um sich.
Das E-Auto-Startup Xpeng berichtet, dass der Einsatz seines neuen Supercomputing-Zentrums „Fuyao“ die Trainingseffizienz seiner Modelle um den Faktor 602 verbessert hat. Auch Haomi.ai und andere Anbieter investieren gerade heftig in den Einsatz von Big Data.
Im Vergleich zum Trainieren eines Algorithmus auf einem einzelnen Rechner mit einer Leistung von 2.400 TOPS, das bislang 276 Tage gedauert hat, können im Supercomputing-Zentrum von Xpeng 80 parallel geschaltete Maschinen diese Zeit auf 11 Stunden reduzieren, schreibt „Auto Byte”.
4. Die Wahrnehmung mit „Birds-Eye-View“
Autobauer wie Tesla, Li Auto und NIO arbeiten bereits an der Einführung der nächsten Generation der Umgebungswahrnehmung. Auch chinesischen Chiphersteller wie Horizon Robotics greifen diesen Trend auf. Neue, leistungsstarke Algorithmen ermöglichen gerade den Sprung vom klassischen Imaging zum Blick aus der Vogelperspektive („Birds-Eye-View“ oder BEV). So kann nicht nur das Blickfeld beim autonomen Fahren erweitert werden, sondern die Daten aus verschiedenen Sensoren und Kameras können mit BEV auch besser integriert werden und sorgen für eine intuitivere Darstellung der Umgebung.
Hersteller, die wegen BEV eine „völlig neue Ära der Wahrnehmung beim autonomen Fahren“ ausrufen, begeben sich selbst in akuten Hype-Verdacht. Eine weiterer Schritt nach vorn auf dem Weg zur Massenadaption des autonomen Fahrens ist die Technologie aber auf jeden Fall.
5. KI-Chips aus chinesischer Fertigung
Noch führen internationale KI-Chiphersteller wie Qualcomm, Nvidia oder Intel auch in China den Markt an. Gerade der Chip 8155 von Qualcomm erobert derzeit die Smart Cockpits chinesischer E-Autos wie im Sturm. Doch die lukrativen Wachstumsaussichten haben in den vergangenen Jahren auch immer mehr heimische, chinesische Hersteller auf den Plan gerufen. Der von Washington begonnene „Chip-Krieg“ gegenüber Peking spornt die chinesische Regierung und patriotisch denkende Investoren zusätzlich an, hier aktiv zu werden.
2023 verspricht das Jahr zu werden, in dem sich chinesische Produzenten von KI-Chips wie Horizon Robotics oder Black Sesame Technologies erstmals einen deutlich sichtbaren Anteil am Massenmarkt in ihrer Heimat erkämpfen können. Bis Ende vergangenen Jahres waren bereits mehr als zwei Millionen Chips der „Horizon Journey“-Serie verkauft, die Horizon Robotics speziell für die Anforderungen des fortgeschrittenen autonomen Fahrens entwickelt hat. Im L8 von Li Auto werden sie in großen Serien verbaut, BYD, SAIC und FAW Hongqi sind ebenfalls schon Kunden.
Das Konkurrenzprodukt Huashan No. 2 der Serie A1000 von Black Sesame Technologies ist Angaben des Mitgründers Liu Weihong zufolge ebenfalls schon bei 15 Autoherstellern in China eingeplant.
Noch sind der „Orin“-Chip von Nvidia oder auch der neue „Qualcomm 8295“, der ab diesem Jahr in die Massenfertigung geht, echte Starprodukte in der chinesischen Autoindustrie, wo starke Rechenleistungen für das autonome Fahren gefragt sind. Doch ab diesem Jahr bekommen sie erstmals ernsthaft Konkurrenz von heimischen Marken.
Über den Autor
Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.